Models mit Handicap

10. September 2015 22:37; Akt: 10.09.2015 22:37 Print

«Die Modedesigner wollen mit Behinderten auffallen»

von Laszlo Schneider - Model-Agenturen nehmen vermehrt Menschen mit geistiger Behinderung unter Vertrag. Positiver Trend oder Provokation? Experten sind sich uneinig.

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Als die zweijährige Connie-Rose Seabourne letzte Woche einen Modelvertrag erhielt, sorgte das bei vielen für Kopfschütteln. Das lag nicht allein an ihrem Alter, sondern vielmehr an ihrer angeborenen Behinderung: Connie-Rose hat das Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt. Die Agentur wählte sie angeblich aufgrund ihres «frechen Lächelns» aus.

Ähnlich ist die Geschichte der 18-jährigen Madeline Stuart. Auch sie hat Trisomie 21. Eine Modelagentur buchte sie für die New York Fashion Week – eigentlich eine positive Entwicklung in der Modebranche.

Vernunft oder PR?

Es scheint, als ob man gängige Schönheitsdiktate überwunden hätte und das Spezielle, Andere betonen möchte. Ähnlich verhielt es sich auch mit Rebekah Marine, einer 28-Jährigen, die ohne rechten Unterarm geboren wurde und an der diesjährigen New York Fashion Week lief. Handelt es sich dabei aber tatsächlich um einen Aufruf zur Vernunft im Modebusiness – oder geht es um PR und Provokation?

Die Grazer Soziologin Waltraud Posch, die viele wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Körperkult publiziert hat, sieht das Phänomen mit gemischten Gefühlen, wie sie im Gespräch mit 20 Minuten erklärt: «Das Publikum ist übersättigt von den immer gleichen Bildern. Ausserdem werden sich immer mehr Modedesigner langsam bewusst, dass der Durchschnittsmensch eben nicht so aussieht, wie es die Werbung propagiert.»

Das Ideale entferne sich immer mehr von der Wirklichkeit – das sieht auch Posch so, beurteilt die Entwicklung aber nicht nur negativ: «Dass eben vermehrt Menschen mit geistigen Behinderungen wie dem Down-Syndrom oder körperlichen Handicaps als Models engagiert werden, ist vor allem auf die Sehnsucht nach mehr Vielfalt zurückzuführen. Ausserdem gibt es auch Modedesigner oder Fotografen, die den unperfekten Menschen – im Sinne der Mode – in ein positiveres Licht rücken wollen.»

«Positive Exposure»

Ein solcher Fotograf ist Rick Guidotti, der unzählige Models für grosse Labels wie Yves Saint Laurent oder L'Oréal vor der Linse hatte. Als er 1998 ein Albino-Mädchen sah, begann ihn das Unperfekte zu faszinieren. Er nennt das «Positive Exposure», also eine Art positiv konnotierte Blossstellung.

Posch betont aber ebenso, dass bei vielen Labels genauso stark ein Vermarktungsgedanke mitspiele: «Natürlich will man auffallen. Und in Zeiten, in denen die Models alle gleich aussehen, kann man so provozieren.» Ähnlicher Meinung ist auch Ursula Knecht, Inhaberin der Zürcher Model-Agentur Option: «Es geht den Designern darum, sich ständig neu zu erfinden. Bei den Labels und Agenturen dreht sich alles um Beachtung und vor allem um Medienpräsenz.»

David Schärer, Gründungspartner der Zürcher Firma Rod Kommunikation, sieht in dieser Entwicklung vor allem eine Chance für kleinere Labels: «Sie können sich so vom Rest differenzieren – und nebst der Aufmerksamkeit auch noch einen ideellen Mehrwert erzeugen», erklärt er. Vielleicht ist es aber nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Marken wie Givenchy, Prada, Gucci und andere renommierte Marken Menschen mit einer offensichtlichen Behinderung Modelverträge anbieten – um aufzufallen, aber auch um das Publikum von einem veralteten Schönheitsideal abzubringen.


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