#TheySaid

31. Mai 2017 20:29; Akt: 31.05.2017 20:45 Print

Frauen rebellieren gegen Bodyshaming im Netz

Unter dem Hashtag #TheySaid teilen Frauen ihre Erfahrungen mit Bodyshaming. Negative Kommentare über ihren Körper – die teilweise von den eigenen Eltern stammen.

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Sally Bergesen hat mit diesem Twitter-Post eine Anti-Bodyshaming-Welle losgetreten: «Wenn du so weiterisst, siehst du bald aus wie ein Fettkloss.» Mein Vater, als ich 12 Jahre alt war. Bitte nehmt Bezug darauf und teilt eure Bodyshaming-Erfahrung. Die Twitter-Damen liessen sich nicht zweimal bitten und tweeten zum Hashtag #TheySaid was das Zeug hält. Es ist haarsträubend. Bodyshaming in der Familie scheint so etwas wie eine Freizeitbeschäftigung zu sein: «Du trainierst so viel, wie kommt es, dass du nicht dünn bist? Denn Sport bestimmt ja die Figur, gell?» Bei solchen Leuten muss man das Brett vor dem Kopf wohl nicht lange suchen. Ein Vater meint zu seiner Tochter: «Wenn du weiterhin so viel isst, endest du noch wie dein Cousin.» Doch die Mütter scheinen noch eine Stufe fieser zu sein. Auf den Beste-Mutter-der-Welt-Preis (wenn es denn so einen geben würde) müssten sich diese Exemplare erst gar nicht bewerben: «Wir gehen zu den ‹Weight Watchers›.» Die Tochter besuchte damals die fünfte Primarklasse. «Deine Hüften sind so gross! Wie kommst du überhaupt darauf, Röcke zu tragen?» oder «Deine Arme sind viel zu muskulös! Du siehst aus wie ein Mann!» Ihre Tochter wird bestimmt vor Selbstbewusstsein platzen. Doch wer denkt, das wären Einzelfälle, der irrt sich. Leider. «Wenn du mehr wie deine Schwester aussehen würdest, dann würde ich dir dieses Badekleid kaufen.» So lässt sich ein «Ihr habt meine Schwester lieber als mich»-Komplex gekonnt umgehen. Die Mutter sollte ein Erziehungsratgeber schreiben. Erfolgsgarantie: Hoch. Bodyshaming gepaart mit einer Prise Rassismus. Wieso auch nicht, wenn es sich anscheinend so lässig hassen lässt: «Du bist ein bisschen kräftig für ein weisses Mädchen, nicht?», meinte ein Koch im Restaurant, in dem ich währen dem College ausgeholfen hatte. Bravo! Zurück zur charmanten Verwandschaft: «Du sparst dir wohl lieber das Glace-Cornet», sagte die Tante einer 11-Jährigen während einer Geburtstags-Pool-Party. Bodyshaming gegen Schwangere: «Wenn du deine Schwangerschaftskilos nicht im ersten Jahr nach der Entbindung verlierst, wird dir das nie gelingen.» Macht Sinn, finden Sie nicht? Immer tragisch, wenn man durch die Strassen geht und die Mütter sieht, die es in den ersten 12 Monaten nach der Geburt nicht geschafft haben. Da fallen dann Sätze wie: «Oje, nicht schon wieder eine – jetzt ist sie fürs Leben lang gestraft» oder «hach, bald ist die Frist fürs Abnehmen vorüber, hoffentlich schafft sie noch den Absprung.» Lächerlich. Bodyshaming gegen Schwangere, Schwester-Komplex inklusive. Übeltäterin ist die eigene Mutter: Ein Dreierlei des Körper-Hasses, wunderbar. «Bist du sicher, dass du diese Shorts jemals wieder tragen kannst? Deine Schwester hat in der Schwangerschaft bloss zehn Kilos zugelegt.» Meinte dieses Mami zu ihrer schwangeren Tochter in der 30. Woche. Wenn man schon so unsensible Verwandte hat, freut man sich über einen liebevollen Partner, der einen aufbaut. Wenn man denn so einen gefunden hätte: «Ja, du hast Gewicht verloren, aber du könntest immer noch dünner sein. Du siehst ja immer noch nicht aus wie andere Mädchen.» Da hätten wir einen Rat für diesen jungen Burschen: «Dann lass dir doch von einem dieser Mädchen dein Bier ans Sofa bringen, gell.» Ade, messi! Und ein weiterer (glücklicherweise) Ex-Freund einer Twitterin: «Wenn du nicht so viel abnimmst, dass dir diese Jeans wieder passen, dann bezahlst du mir das Geld für die Hosen zurück.» Das ist doch mal eine Motivation, die man sich als Freundin wünscht. Chapeau! Wussten Sie, dass dünn sein wichtiger ist als die eigene Gesundheit? Laut einem äusserst sympathischen Familienmitglied dieser Userin definitiv: «Nein! Du kannst nicht aufhören zu joggen, bloss weil du verletzt bist. Du wirst sonst wieder fett. Du hast erst gerade angefangen, gut auszusehen.» Autsch – und wenn Sie jetzt denken, wir hätten uns diese Kommentare alle bloss ausgedacht: Haben wir nicht. Leider ...

Zum Thema
Fehler gesehen?

Für die Bewegung auf Twitter ist Sally Bergesen, die Gründerin und Geschäftsführerin des amerikanischen Sport-Bekleidungsherstellers Oiselle verantwortlich:

Umfrage
Mussten Sie sich auch schon solche Unverschämtheiten über ihren Körper anhören?
64 %
14 %
13 %
9 %
Insgesamt 1960 Teilnehmer



«Wenn du so weiterisst, siehst du bald aus wie ein Fettkloss.» Mein Vater, als ich 12 Jahre alt war. Bitte nehmt Bezug darauf und teilt eure Bodyshaming-Erfahrung.

Mit ihrem Posting hat sie einen Nerv getroffen: Viele Frauen haben Ähnliches erlebt und teilen sich nun via Twitter mit:

Bodyshaming macht traurigerweise nicht vor der eigenen Mutter halt:



«Du musst abnehmen, wenn du in der Schule Spass haben möchtest und glücklich sein willst.» Meine Mutter im Sommer, bevor ich die Highschool besucht habe.

Oder vor dem Psychiater:



«Geniesse deinen krankheitsbedingten Gewichtsverlust, denn die Kilos werden schneller zurückkehren, als dir lieb ist.» Zum Glück hat sich die Twitterin einen neuen Therapeuten gesucht.

Wer Sport treibt, ist selbstverständlich spindeldürr. Das scheint die sensible Person mit dem etwas beschränkten Horizont zu denken, die Folgendes zu dieser Twitter-Nutzerin gesagt hat:



«Dafür, dass du dermassen viel joggen gehst, hätte ich dich viel dünner erwartet.»

Das Echo auf ihren Aufruf weckt jedoch bei einer Twitterin namens Jess eine berechtigte Frage an Bergesen hervor:



«Ehrlich gemeinte Frage: Wie kann man eine Twitter-Bewegung gegen Bodyshaming auslösen und gleichzeitig nur Kleider bis zur Grösse 12 verkaufen? Sind meine Grösse-16-Hüften nicht gut genug?»

Sally Bergesen reagiert professionell und schreibt, alle Menschen hätten das Recht auf ihre Kleidung – egal in welcher Grösse. Ausserdem sei für nächstes Jahr bereits geplant, das Grössen-Sortiment auszuweiten.

Dass sich Bodyshaming nicht nur gegen Leute richtet, die vielleicht ein Paar Kilos zu viel auf den Hüften haben, beweist dieses Beispiel – und zeigt: Es ist genauso unangebracht:



«Iss einen Hamburger! Was bist du? Magersüchtig? Wie kannst du nur so dünn sein? Isst du überhaupt jemals irgendetwas?» Leute, Bodyshaming geht in beide Richtungen.

Sehen Sie in der Bildstrecke weitere haarsträubende Aussagen gewisser Leute, für die Sensibilität ein Fremdwort zu sein scheint.

(net)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Max Power am 31.05.2017 20:41 Report Diesen Beitrag melden

    Nerd Shaming

    Grundsätzlich sollte man schon niemanden beleidigen wegen seines Äusseren, aber ein Recht auf eine Meinung bzw. auf Präferenzen, was das Äussere angeht, hat jeder. Mir gefallen Übergewichtige Frauen nicht. Ich muss deswegen zwar keine Frau beleidigen, aber mich wegen meiner Präferenzen kritisieren oder angreifen ist völlig inakzeptabel.

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  • CaptainLonestarr am 31.05.2017 20:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Man kann dich auch selbst belügen

    wer mit BMI über 30 behaupted sich rundum wohl zu fühlen hatte nie einen BMI unter 25.

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  • Selber Schuld am 31.05.2017 20:45 Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch alles ok

    Ist der Zwecke einer Veröffentlichung nicht die Suche nach Kommentaren? Wer seinen Körper zeigt, erntet entsprechend Kritik. Und warum darf sich dann keiner negativ äussern? Ist doch alles ok.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Moon_2016 am 02.06.2017 12:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sowas von oberflächlich

    Ob meine Freunde und Bekannte übergewichtig sind oder nicht, stört mich das doch nicht. Man kann wohl bei der Partnerwahl wählerisch sein, wenn man das möchte aber grundsätzlich haben alle Menschen das Recht auf Respekt, Freundschaft und Liebe.

  • Barbara am 01.06.2017 20:30 Report Diesen Beitrag melden

    Body

    Der Ton macht die Musik!!Bin auch dafür das man Klartext redet.Immerhin geht es um die Gesundheit und das ist dass wichtigste im Leben.Aber eben wie. Man kann auch mal über die Strenge schlagen ,Esstechnisch!Aber immer und dann erschrocken die Waage anschauen? Ich glaube die meisten müssen auf ihre Ernährung achten.Je früher man lernt sich gesund zu ernähren,ist es auch weniger problematisch sein Gewicht zu halten.

  • Hobbit am 01.06.2017 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Klein aber oho...

    Wie im Artikel ganz kurz erwähnt, funktioniert das Figur-Bashing auch grandios umgekehrt. Ich bin mit Abstand die kleinste und dünnste in der Familie. Bei jedem Family-Treffen musste ich mir von Tanten, Onkel, Oma, Cousines etc. anhören, ich falle ja fast auseinander, ich solle mehr Essen, ich sähe ungesund aus (162cm und 52 Kg, absolut normal). Dann wurde einem ungefragt einfach nochmals zusätzlich Kuchen auf den Teller geknallt und all solche Spässchen. Heute meide ich solche Treffen ohne schlechtes Gewissen.

  • Sapina am 01.06.2017 14:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    oberflächliche Welt

    Es soll doch jeder vor seiner eigenen Tür kehren! Ich verstehe nicht warum man anderen sagen muss was an ihnen richtig und falsch ist. Ich bin traurig über diese oberflächliche Welt.

  • Bohnenstange am 01.06.2017 13:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht nur dicke

    Auch dünne Leute: Schon als kind war ich immer sehr dünn, obwohl ich alles in mich hereinstopfen konnte was ich wollte und musste allen immer beweisen, wie viel ich essen konnte. Selbst von meinen eltern bekam ich immer zu hören: du wirst ja immer magerer! Noch jetzt, wenn ich mal zu hause vorbei gehe heisst es jedes mal als erstes: willst du was essen? Isst du überhaubt? Ich wurde zum essen gezwungen und nahm doch nicht zu. Irgendwann die diagnose:hormonelle störung. Resultat dieses Drucks: hatte eine zeitlang tatsächlich bulimie weil ich allen beweisen wollte wie viel ich essen kann.