«Shape of You» und «Despacito»

27. November 2017 10:26; Akt: 27.11.2017 12:18 Print

Die Hits des Jahres haben ein Sexismus-Problem

Zwei Songs haben das Schweizer Chart-Jahr dominiert. Was sie – und weitere 2017er Hits – verbindet: eine sehr einseitige Darstellung der Frau.

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Superstar den ersten grossen Hit des Jahres gelandet. Der Song war ab dem 15. Januar ganze drei Monate lang auf Platz eins der Schweizer Charts. Gemäss Variety.com war es der meist konsumierte Song 2017 – Audio- und Videostreams, Verkäufe, Radioplays und Shazam-Suchanfragen zusammengenommen. Im Song beschreibt Sheeran, wie sehr er von der äusseren Erscheinung einer Frau angetan ist. «Ich bin verliebt in deine Form», oder wie er an anderer Stelle direkter singt: «Ich liebe deinen Körper». Sein Wunsch: «Leg deinen Körper auf mich.» Mit stellt der Brite seit einigen Wochen auch die aktuelle Nummer eins der Charts. Das Lied ist äusserst romantisch, Ed malt darin eine gemeinsame Zukunft mit seiner Freundin aus. Doch die Kernzeile ist: «Du siehst so perfekt aus.» die andere grosse Pop-Geschichte des Jahres geschrieben. Von April bis Anfang September war der Song die Schweizer Nummer eins. Auf Deutsch klingt die Tanznummer überraschend deutlich: «Ich will, dass du meinem Mund deine Lieblingsstellen zeigst.» Und weiter: «Lass mich deine gefährlichen Zonen überschreiten, bis du schreist und deinen Nachnamen vergisst.» Ein Redaktor des Jugendkanals Puls des Bayrischen Rundfunks fasst es treffend zusammen: Die erfolgreichsten Songs des Jahres sind von Männern gesungen, handeln von Frauen und davon, «was Mann mit ihren Körpern machen möchte». Auch in der Schweiz für ein paar Wochen ganz oben. Im Refrain heisst es: «Ich will dich anfassen, Baby. Ich will dich spüren [...] und deine Sünden sehen.» einen Nummer-1-Hit in Deutschland, in der Schweiz kamen sie bis auf Platz 7. Ihre Liebeserklärung an eine Frau klingt so: «Ich liebe deinen Booty, denn du shakst gerne mit dem Arsch wie ne Kardashian.» Oder: «Jeder wird bei deinem Body schwach, ich gebe dir Doubletap und like deine Bilder.» träumt darin von Sex neben dem Cheminée und sagt, «du und dein A**** sind eingeladen». gehört auch zu den meistgehörten und gespielten Songs des Jahres (Rang 7). Der Titel verrät die Richtung des Textes: «Dein Körper ist wie eine Nebenstrasse, ich fahre mit geschlossenen Augen, ich kenne jede Kurve.» Und: «Hüften wie Honig, süss und dick, keine hat Kurven wie du.» einen Hit. Darin wird die (absurde) Zeile gerappt: «Sie hat kein Netflix, ich bin der Stecker, sie braucht einen Typen, der sie an den Haaren reisst und ihr die Tür aufhält.»

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Die Dominanz von Ed Sheerans Neujahrsknaller «Shape of You» und Luis Fonsis Sommerhit «Despacito» liess im laufenden Charts-Jahr nur wenigen anderen Songs für eine kurze Zeit den obersten Platz frei: «Dusk Till Dawn» von Zayn, «What About Us» von Pink und «Perfect», ebenfalls von Ed Sheeran, sind die weiteren Schweizer Einsen des Jahres 2017.

Zwei Merkmale sind den Hits gemeinsam: Die Urheber sind Männer. Und die Texte besingen Frauen auf eine objektivierende Art. Die Ausnahme zur Regel: Pink und «What About Us». Gerade in den beiden erfolgreichsten Songs, «Despacito» und «Shape of You», werden Frauen klar sexualisiert.

«Bis du deinen Nachnamen vergisst»

«Girl, ich bin verliebt in deine Form», «Ich liebe deinen Körper» und «Leg dich auf mich» singt Ed Sheeran in «Shape of You». Luis Fonsi versucht es zunächst poetisch: «Immer langsam will ich dich unter Küssen allmählich ausziehen» oder «Ich will aus deinem Körper ein Manuskript machen». Später im Song wird er deutlicher: «Ich will, dass du meinem Mund deine Lieblingsstellen zeigst. Lass mich deine gefährlichen Zonen überschreiten, bis du schreist und deinen Nachnamen vergisst.»

Auch in «Dusk Till Dawn» von Zayn und sogar in Ed Sheerans Romantik-Nummer «Perfect» gibt es Passagen (nachzulesen in der Bildstrecke), die den Sexismus-Test nicht bestehen. Und unter den meist konsumierten Liedern des Jahres, die Variety.com erhoben hat, sind neben «Despacito» und «Shape of You» noch drei weitere Männerfantasien-Songs in den Jahres-Top-Ten: «That's What I Like» von Bruno Mars, «Body Like a Back Road» von Sam Hunt und «I'm The Only» von DJ Khaled.

Die Songs zeigen, wie Frauen gesehen werden

Man muss davon ausgehen, dass gerade hierzulande nicht alle Musik-Konsumenten auf die Texte der fremdsprachigen Hits achten, muss man festhalten: In der aktuellen Popmusik scheint vom #MeToo-Bewusstsein noch nichts durchgesickert zu sein. Hier dominiert der Blick der Männer. Und der sieht vor allem Frauen, mit denen er ins Bett will.

Auch deutschsprachige, aktuelle Hits schlagen den gleichen Ton an: Kay One und Pietro Lombardi besingen in «Señorita» (Höchstposition: Rang 7 im September) eine Frau, die ihren «A*** gern shakt wie ne Kardashian» und bei deren Body «jeder schwach wird».

Das Jugendportal Puls des Bayrischen Rundfunks, das die Analyse mit den Nummer-eins-Songs in Deutschland vorgemacht hat, kommt zum Schluss, dass die Liste der meistverkauften Songs des Jahres auch «eine Menge darüber aussagt, wie die Gesellschaft Frauen immer noch wahrnimmt».


(fim)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Don Jon am 27.11.2017 10:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gibt es etwas oder jemanden der kein Sexist ist?

    Sind dies nicht Songs die mehrheitlich von Frauen gehört werden?

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  • Querus schlägerus am 27.11.2017 10:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kranke Gesellschaft

    Über was darf noch gesungen werden? Sucht doch an allem etwas zu meckern!

  • Jonas Aebi am 27.11.2017 10:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das haut den Nuggi use

    Das ist so sexistisch, da fühle ich mich sogar als Mann diskriminiert!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ben Kenobi am 27.11.2017 19:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Musik aus

    Dann stellt das Radio ab, wenns stört. Die gleichen übersetzten Texte könnten auch von Frauen gesungen werden...

  • Michel am 27.11.2017 19:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine anderen Probleme

    Sind wir doch froh. Offensichtlich haben wir ja keine richtigen Probleme. Sonst würde kaum so ein Theater entstehen wegen einem Songtext.

  • Anonymus am 27.11.2017 18:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sohn einer Feministin

    Ich musste mich schon von klein auf für die gräueltaten von allen männern auf der welt rechtfertigen. Als ich dann in das alter kam, in dem man auf mädchen steht, war ich bereit so verbogen, dass ich nicht einmal mit ihnen sprechen konnte ohne mich wie ein vergewaltiger zu fühlen (ja ich wusste was das war, meine mutter hatte es mir erklärt). eine zufällige berührung mit frauen die ich für atraktiv halte führt dazu, dass ich mich extrem unwohl fühle oder sogar anfange zu zittern. wenn ich merke, dass ich mit einer frau schlafen möchte fühle ich mich wie ein tier und hasse mich dafür. ich bin jetzt über 20 und natürlich jungfrau. ich werde einsam und alleine sterben aber ich habe andere schöne dinge gefunden die mich glücklich machen. Aber was in den letzten jahren abgeht mit Sexismus und Feminismus halte selbst ich für krass und bedenklich, bin ja gespannt wie die heutigen kinder im erwachsenen leben sein werden.

  • Scrat am 27.11.2017 17:37 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts ist recht...

    Aufgrund dieses Artikels schliesse ich: als Mann darf ich keiner Frau mehr ein Kompliment machen, wenn es ihr Erscheinungsbild betrifft - es könnte ja als sexistisch interpretiert werden. Ergo sollte die Männerwelt geschlossen auf Komplimente verzichten. Bin gespannt, wie lange es dauert, bis die weibliche Welt dies als Diskriminierung auslegen wird?

  • papamobilius am 27.11.2017 17:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nur mal so

    die Moral ist der Untergang der vernünftigen Menschheit.