Schweizer Musikmarkt

09. März 2018 23:14; Akt: 09.03.2018 23:14 Print

Die Streams holen die physischen Verkäufe ein

Die Schweizer Musiklabels haben 2017 mit Streaming fast gleich viel verdient wie mit CDs und Vinyl. Bei Video-Streams geht der Industrie aber immer noch viel Geld durch die Lappen.

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88,1 Millionen Franken haben die Schweizer Musiklabels 2017 erwirtschaftet. Dies teilte der Branchenverband IFPI am Freitag mit. 40,4 Prozent davon wurden mit physischen Tonträgern erwirtschaftet, 39,1 Prozent mit Streams. Sprich: Streaming ist praktisch mit physischen Verkäufen gleichgezogen und wird sie 2018 wohl überholen. Während der Verkauf physischer Tonträger allgemein mit einem Minus von 11 Prozent gegenüber 2016 weiterhin rückläufig ist, ... ... legte der Vinyl-Absatz abermals zu: 2017 wurden 10 Prozent mehr Platten verkauft als im Vorjahr. Der Verkauf von Vinyl macht 4,7 Prozent oder 4,1 Millionen Franken des Musik-Gesamtumsatzes aus. Zuletzt wurde 1991 mehr Geld (als 2018) mit Schallplatten umgesetzt, schreibt die IFPI. Und wenn wir schon bei musikalischen Rückblicken sind: Jep, «Shape of You» und das zugehörige Album «÷» belegen Platz eins der Schweizer Single- beziehungsweise Album-Jahrescharts. Ed Sheerans (26) Dominanz dürfte wohl niemanden überraschen. Darum haben wir fünf Punkte aus der 2017er-Hitparade-Auswertung herausgepickt, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind. Was bei den Singlecharts auffällt: Nur zwei der 100 meistverkauften Songs des Jahres sind Schweizer Produktionen – und beide kommen von Nemo (18). Anders sieht es ... ... bei den Albumcharts aus: Hier besetzen hiesige Acts 20 Plätze in den Top 100. Und gleich 5 Schweizer sind in den Top 10 – wie beispielsweise Züri West (im Bild: Sänger Kuno Lauener, 56), die es mit ihrem Album «Love» auf den 3. Rang der Jahres-Hitparade geschafft haben. Taylor Swift (28) ist ständig in den Charts, oder? Nö, falsch gedacht. Sowohl bei den Singles als auch bei den Alben ist sie in der Jahres-Hitparade nur mit einem Release vertreten. Bei den Songs schaffte sie es mit der Zayn-Malik-Kollabo «I Don't Wanna Live Forever» auf Platz 16 – das Stück war auf dem Soundtrack des zweiten «Fifty Shades»-Streifen zu hören. Dass sie nur ... ... mit einem Album in den Top 100 vertreten ist, ist hingegen weniger verwunderlich; normalerweise veröffentlichen Musiker ja nicht mehrere Platten kurz nacheinander. Platz 98 von 100 für «Reputation» ist aber schon eher bitter. Wobei: Der Longplayer ist erst am 10. November erschienen, die Schweizer hatten also noch nicht so viel Zeit, um ihn zu kaufen. Mal schauen, wie die Platte in den 2018er-Jahrescharts abschneiden wird. Mehr als 70 Prozent der Top-100-Singles stammen von männlichen Interpreten – wie beispielsweise «Despacito» von Luis Fonsi (39) und Daddy Yankee (40), das Platz 2 der Gesamtjahrescharts ... ... erreichte. Bestplatzierte Frau bei den Singles ist Anne-Marie (26), die es mit «Rockabye» zusammen mit Clean Bandit (wo auch eine Frau mitgeigt) und Sean Paul (44) auf Platz 4 geschafft hat. Wir stehen offenbar auf Liebeslieder: 7 der 10 meistverkauften Songs des Jahres sind romantischer Natur. Dazu gehört «Something Just Like This» von Coldplay (im Bild: Sänger Chris Martin, 40) und ... ... The Chainsmokers, das Platz 3 der Jahrescharts belegt. Es ist halt wie im Kino: Die Liebe siegt praktisch immer. 86 der 100 erfolgreichsten Singles 2017 sind in den Genres Pop und Dance zu verorten. Die 14 restlichen Songs können auf Rock und Urban (Hip-Hop und R&B) aufgeteilt werden; zu letzterem Bereich gehört «Unforgettable» von French Montana (33, Bild) und Swae Lee (24). Von diesen ... ... 14 Liedern sind 4 Rocksongs und 10 sind Urban-Tracks (im Bild: Nicki Minaj, 35, mit «Swalla» auf Platz 37 der Jahres-Top-100). Die Beats haben die Gitarren also überholt. In den USA ist diese Entwicklung ebenfalls auszumachen, wie das Marketing-Portal Nielsen in einer diese Woche veröffentlichten Studie ermittelt hat.

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Letztes Jahr berichtete die IFPI, der Zusammenschluss der 39 grössten Schweizer Musiklabels, dass die hiesige Industrie mit Musik-Streams erstmals mehr Geld verdient hat als mit Downloads. Die am Freitag veröffentlichten Jahreszahlen 2017 zeigen nun, dass Streaming mittlerweile gleich lukrativ ist wie der Verkauf von physischen Tonträgern.

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Respektive fast: Besagte Labels erwirtschafteten im letzten Jahr einen Umsatz von 88,1 Millionen Franken – 40,4 Prozent oder 35,6 Millionen Franken durch physische Verkäufe und 39,1 Prozent respektive 34,4 Millionen Franken mit Streaming. Die restlichen 20,5 Prozent wurden mit Downloads erzielt.

Lizenz-Grauzone beim Video-Streaming

«Es ist beeindruckend, wie schnell die Ablösung im Digitalmarkt verläuft», so Ivo Sacchi, IFPI-Präsident und Chef von Universal Schweiz, «generierte Streaming vor fünf Jahren noch kaum Umsatz, war es 2017 bereits praktisch gleich viel wie beim Download in dessen bestem Jahr, 2012.»

Was auffällt: Mit reinem Audio-Streaming verdiente die Industrie letztes Jahr siebenmal mehr als mit dem Video-Streaming auf Youtube und ähnlichen Plattformen. Und das, obwohl zum Beispiel bei Youtube beliebte Songs regelmässig millionenfach geklickt werden.

Gesetzesänderung könnte helfen

IFPI-Geschäftsführer Lorenz Haas meint den Grund dafür zu kennen: Im Gegensatz zu beispielsweise Spotify stellen bei Videoportalen nicht die Plattformen selbst die Musik zur Verfügung, sondern deren User. «Darum stellen sich diese Plattformen auf den Standpunkt, von den Rechteinhabern keine Erlaubnis zu benötigen und beteiligen sie mehr oder weniger einseitig an ihren Werbeeinnahmen.»

Um dies zu ändern, müsste gesetzlich geklärt werden, dass es die Plattform – beispielsweise Youtube – ist, welche die Aufnahmen zugänglich macht und somit dafür eine Lizenz benötigt, erläutert Haas auf Anfrage von 20 Minuten. «Dies würde eine echte Verhandlungssituation schaffen und den Rechteinhabern erlauben, eine angemessene Beteiligung zu verlangen.»

CD immer noch wichtig

Das Streaming-Segment hat in der Schweiz 2017 satte 50 Prozent zugelegt, die Downloads gingen um 17 Prozent zurück und auch die physischen Verkäufe sind weiterhin rückläufig: Sie haben gegenüber 2016 11 Prozent abgegeben. Dennoch bleibt die CD auf absehbare Zeit für den Musikmarkt wichtig, heisst es vonseiten der IFPI.

Der Gesamtumsatz von 88,1 Millionen Franken entspricht übrigens einem Plus von 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr – der Schweizer Musikmarkt erholt sich also weiterhin.

(shy)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Te Rasse am 09.03.2018 23:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heute ist

    Konsum nicht automatisch Besitz

  • mister kopfschüttler am 10.03.2018 05:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zahlenvergleich

    was für ein bescheidener Jahresumsatz im Vergleich zu den 1.2 Milliarden, die durch den SRF jedes Jahr verbraten werden...

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  • Neumann am 10.03.2018 00:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Logisch

    Logisch, diese Entwicklung wird auch rasant weitergehen!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kevin Friedrich am 10.03.2018 20:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur auf Musikkasette

    Was ist den Streams?Kenne ich nicht.Ich lege eine Kasette in den Kasettenrecorder und höre Radio und wenn mir was gefällt,nehme ich das auf.So habe ich immer gute Musik auf der Kasetteund kann es immer mit nehmen im Auto oder im Walkman,wenn ich spazieren gehe.Möchte ich wieder mal was neues haben,überspiele ich einfach das Tonbändli und habe immer das was mir gefällt.Doch manchmal leiste ich es mir auch CD's zu kaufen.

    • John McClane am 10.03.2018 21:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kevin Friedrich

      Echt jetzt? Was mich am meisten beeindruckt hat ist, dass sie die Kassette im Auto abspielen können... in meinem 87er Jahrgang BMW hatte ich zuletzt noch die Möglichkeit eine Kassette abzuspielen

    • Kevin Friedrich am 10.03.2018 22:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @John McClane

      Ja sicher kann ich Kasetten im Auto abspielen.In meinem Audi 80,Jahrgang 1988 hatt es ein Kasettengerät.Wenn ich ein anderes Auto kaufe,wechsle ich das Radio aus und kann auch Radio hören damit.

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  • verstehe nicht am 10.03.2018 17:54 Report Diesen Beitrag melden

    Frage ...

    Wie kann man mit Streaming Geld verdienen? Wie verdient z.B. Twitter Geld? Ich verstehe nicht. Kann jemand in 3 Sätzen erklären?

    • Michelangelo am 10.03.2018 19:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @verstehe nicht

      Schon mal etwas von Werbung gehört?

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  • Sees am 10.03.2018 13:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unerwartet

    Ich finde es erstaunlich, dass Schallplatten immer noch 5% ausmachen.

    • Ruedi am 10.03.2018 13:40 Report Diesen Beitrag melden

      Wundert mich eigentlich nicht.

      Es gibt einfach immer Leute die mehr an der Vergangenheit als der Gegenwart hängen. Aber jeder wie er will. Macht sich sicherlich gut so ein Plattenspieler im Auto.

    • Heribert Fassbinfer am 10.03.2018 17:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ruedi

      Da Anfang der 90er der Marktanteil an Schallplatten bei ca. 1% lag, liegen Sie mit Ihrer Aussage nicht richtig. In den letzten Jahren hat das analoge Speichermedium ein kleinen Aufschwung erlebt. Dies nicht wie von Ihnen dargestellt durch Gestrige sondern jüngere Käuferschichten. Es hat halt A) einen eigenen Klang und setzt B) eine vorsichtige Handhabung voraus.

    • Michelangelo am 10.03.2018 19:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ruedi

      Es gibt noch Leute die Musik hören und sich nicht nur mit Eintagsfliegenschrott berieseln lassen.

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  • james mc'neil am 10.03.2018 09:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interessanter Artikel!

    Wie jetzt? Jemand kauft noch CDs? Wieso? Ich dachte ernsthaft die Dinger würden längst nicht mehr verkauft.

    • Michelangelo am 10.03.2018 19:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @james mc'neil

      Klar wenn man sich nur Schrott anhört.

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  • Gerry am 10.03.2018 08:06 Report Diesen Beitrag melden

    Sofort Abgaben auf Speicher senken

    Bisher muss man ja sehr viel Geld auf Speichermedien wie Festplatten oder USB Sticks und Handyspeicher bezahlen. Bei Streaming wird dieser nicht benötigt. Damit muss auch sofort diese Gebühr entsprechend gesenkt werden.

    • Michelangelo am 10.03.2018 19:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Gerry

      Für den Cloud-Speicher musst du ja auch keine Suisaabgaben bezahlen und da du ja keine Musik runterlädst brauchst du auch keine Speicherplatte. Adobe lebt ja auch nur noch in der Cloud.

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