#NoFilter in Hamburg

10. September 2017 17:40; Akt: 11.09.2017 14:19 Print

Rolling Stones stellen im Stadtpark den Regen ab

von Bettina Bendiner - Jagger, Wood, Richards und Watts sind zusammen 63 Jahre älter als Mozarts «Kleine Nachtmusik». Doch klein ist bei den Stones nichts – sie richteten mal eben leger ein gigantisches Rock-Fest aus.

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Für Hamburg haben The Rolling Stones das Konzert des Jahrzehnts hingelegt. Auf einer riesengrossen Wiese (vor dem Planetarium) haben Mick Jagger, Charlie Watts, Ron Wood und Keith Richards eine gigantische Konzertarena hingestellt. Am Samstag, 9. September, starteten sie ihre #NoFilter-Europa-Tour mit einem Knall vor 82'000 Zuschauern. Und so sieht das aus, wenn die Stones mal eben ein Rock-Fest unter freiem Himmel veranstalten. Diese roten Türme sind übrigens Riesenbildschirme, die sich das Quartett selbst ausgedacht hat. Damit alle was sehen. Irgendwie süss. Voilà. Mick Jagger hatte mehr Jacken als Rihanna und Beyoncé zusammen dabei. Wir merken: Bomberjäckchen (gerne mit Glitzer) sind der letzte Schrei. Bitte beachten Sie auch die Turnschuhe. Grossartig. Mick Jagger hat darin während zweieinhalb Stunden mindestens einen Halbmarathon getanzt. Diese Installation wirkt auch von weiter weg. Die Bildschirm-Türme sind rund 19 Meter hoch und zehn Meter breit. Es braucht 25 Trucks, um das ganze Material zu transportieren und mehrere Tage zum Aufbau. In Hamburg haben die Stones das ganze Arrangement übrigens zum ersten Mal live gesehen. Sie waren laut ihrem Produktionsmanager ganz angetan von der Aussicht. Keith Richards. Er sang übrigens zwei Solo-Nummern. Vielleicht, damit der Mick zwischendurch mal durchatmen kann? Wäre möglich. Man hat den Eindruck, die Herren mögen sich gut leiden. Seit mehr als fünf Jahrzehnten sind die Stones im Einsatz. Im Publikum sitzen deshalb durchaus auch viele Menschen, die mehrere Jahrzehnte älter sind als Justin Biebers Fans. Aber auch viele andere. Wenn auch nur, weil sie das halt mal sehen wollen, weil «es könnte ja die letzte Gelegenheit sein». Ron Wood musste sich vor einigen Monaten einen Teil eines Lungenflügels entfernen lassen. Davon merken die Fans im Hamburger Stadtpark aber nichts. Und Gitarristen müssen ja auch nicht soooo viel rumrennen wie der Sänger. Charlie Watts, entspannt und leger am Schlagzeug. Mick Jagger muss eine Wahnsinns-Kondition haben. Immerhin hält er die Show während zweieinhalb Stunden auf Kurs. Moderne Popstars verlassen die Bühne oft schon früher. Mehr getanzt haben sie aber nicht unbedingt. Sie müssen kein harter Fan sein, um Spass zu haben. Interessanter Effekt: Sie kennen sowieso die meisten Songs. Weil die Briten einfach viele Hits geschrieben haben. Ziehen Sie bequeme Schuhe an, falls Sie am 20. September ans Konzert gehen. In Hamburg hopsten selbst die Zuschauer auf den superteuren Plätzen nach circa vier Sekunden auf den Stühlen herum. Höchst imposantes Setting. Ja, die Tickets sind in der Tat teuer. Wenigstens bieten The Rolling Stones auch was dafür. Hier schiebt Mick Jagger die Wolken weg und stellt den Regen ab. Er kann das. Er ist Mick Jagger. Zum Schluss noch ein kleines Feuerwerk. So als Abschiedsgruss nach der Zugabe von hinter der Bühne. Dieser Mann hier heisst Dale Skjerseth. Seit 1978 arbeitet er für die Rolling Stones. Er ist verantwortlich dafür, dass die Wünsche der Rocker auch wirklich umgesetzt werden. Mick Jagger und seine Band-Kollegen reden bei allem mit. Bevor eine Idee nicht von den Musikern persönlich abgenickt wurde, passiert gar nichts, erzählt Dale bei der Backstage-Tour kurz vor dem Konzert. Natürlich haben sie auch ein eigenes Flugzeug. Da passen hoffentlich alle 200 Crew-Mitglieder rein.

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82’000 Tickets gingen zum Auftakt der #NoFilter-Tour im Hamburger Stadtpark in den Verkauf. Ratzfatz waren sie weg. The Rolling Stones, die will man auch mehr als fünfzig Jahre nach ihrem internationalen Durchbruch noch sehen. Ron Wood, der jüngste Stone, dem kürzlich ein Teil eines Lungenflügels entfernt wurde, zählt immerhin ja auch schon 70 Lenze. Und die Stones machen weiter: rotzig, laut und unverwüstlich.

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Dass man Mick Jagger, Charlie Watts, Keith Richards und Ron Wood das Leben ansieht, ist nicht neu. Das wilde Leben hat sich ins Gesicht eingefräst. Natürlich stehen da Grossväter auf der Bühne – mit Mick Jagger sogar ein Urgrossvater. Das Schöne: Sie müssten da nicht mehr stehen. Geld haben sie alle genug.

Kurz vor der Show treffen wir Produktionschef Dale Skjerseth. Er arbeitet seit 1978 für The Rolling Stones. Und wie Experten aus dem Journalisten-Trupp erzählen, soll noch bis heute jede einzelne Rechnung über Mick Jaggers Schreibtisch gehen (eine hübsche Vorstellung, wie er da so sitzt und Rechnungen visiert). Dale herrscht über 25 Trucks, koordiniert 200 Mitarbeiter, schaut, dass der Bühnenaufbau läuft. Die Stones reden da freilich mit. «Wir machen nichts, ohne dass sie es absegnen.» Die vier rund 19 Meter hohen und rund zehn Meter breiten Bildschirme haben sich die Herren selbst ausgedacht. «Sie wollten, dass alle was sehen können.» Dale baut das dann.

Rock'n'Roll gibt es erst auf der Bühne

Was die Stones heute so vor einem Konzert treiben, will ein Journalist aus Italien wissen. «Sie kommen fünf Stunden vorher. Jammen, reden, hängen zusammen ab», sagt Dale. Noch weiss er nicht, welche Songs auf dem Programm stehen. Das Glitzer-Couvert mit der Aufschrift «Set List» ist noch leer. «Damit überraschen sie uns. Sie spielen, worauf sie Lust haben.»

Pünktlich um 20.30 Uhr hat sich das Thema mit der Song-Folge geklärt. Die Riesenbildschirme flackern teuflisch rot – und vier Kerle (plus ein bisschen Zusatzband) starten mit «Sympathy For the Devil» (1968). Der Hamburger Himmel zeigt sich versöhnlich. Als hätten da oben ein paar Freunde von früher die Wolken beiseite geschoben.

Mitsing-Gelegenheit für alle

Ein Knaller folgt dem nächsten. Auch nicht ganz sattelfeste Fans kennen so ziemlich alles. Irgendwo läuft doch immer «(I Can't Get No) Satisfaction» (1965), «Honky Tonk Women» (1969), «Start Me Up» (1981) oder «Brown Sugar» (1971). Schön auch: «Play with Fire» aus dem Jahr 1965. Da sagt selbst Jagger: «Das haben wir vielleicht einmal erst auf der Bühne gesungen.» Schön wars. Nur «Angie» (ein 1973-Klassiker, der, wie Experten vor Ort behaupten, auf kaum einem Konzert fehlt) lassen sie aus. Immerhin wählt Deutschland bald. Und ein Schulz-Lied haben nicht einmal diese Musik-Legenden im Repertoire.

«Satisfaction» in Hamburg

Sorry für die Lautstärkeschwankungen, das Handy hat zu hart gefeiert. (Video: 20 Minuten)

«Play with Fire» in Hamburg

Auch hier: Das Handy wollte sich einfach nicht beruhigen. (Video: 20 Minuten)

Thank you Hamburg what an incredible opening night you gave us! #StonesNoFilter #TheRollingStones #StonesHamburg

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Während zweieinhalb Stunden (!) legt Jagger mindestens einen zappligen Halbmarathon auf der Bühne zurück. Zwischendurch krault er Ron Woods Mähne. Als würde er sagen wollen, «Kumpel, schön, dass du noch da bist». Keith Richards und sein Bandana tun das, was sie am besten können: Gitarre spielen und wahnsinnig kultig aussehen. Charlie Watts hat sein weisses Bürohemd bis oben zugeknöpft – und jagt seine alten Freunde wie ein gut kalibriertes Metronom durchs Programm. Erst ganz am Schluss stützt er sich kurz ab und holt sich eine Jacke. Mit 76 auf Europa-Tour käme eine Erkältung sicher ungelegen.

Sneak peek at wardrobe #StonesNoFilter #TheRollingStones #StonesHamburg

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Da glitzern Bomberjäckchen, Seidenblusen und Funkel-Turnschuhe. Und Freude. Da wird kein Programm lustlos runtergerödelt. Es scheint, als würde die Band ihren Fans tatsächlich was für die wirklich teuren Tickets bieten wollen. Das Beste: Die haben da selbst noch Freude dran. Und 82’000 Leute auf dem Gelände plus zehntausende Zaungäste mit ihnen. #NoFilter heisst hier: Falten, Schweiss, ein paar falsche Töne, Spass und vier Steine, an denen kein Moos wächst.

Und jetzt noch ein Supplement. Wer war auch dabei? Chris von Rohr von Krokus. Sein Fazit: «Diese Rockblues-Desperados lassen viele junge Bands uralt aussehen. Da stimmt einfach alles: Songs, Groove, Charisma und Spielfreude. Das perfekte Gegengift zum blutleeren, antiseptischen Reissbrettpop-Sound der heutigen Zeit.»


Von Rohr über die Stones. (Video: 20 Minuten)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rockopa am 10.09.2017 18:00 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Schön gesagt, sie müssen nicht, sie wollen. Und das spürt man auch. Mal schauen, was ich so mit 75ig anstelle...

  • Lebensarchitekt am 10.09.2017 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Welcome to Züri

    Wir freuen uns auf den 'Gig' im Letzigrund

    einklappen einklappen
  • Orchidea am 10.09.2017 18:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stones forever!

    Wir freuen uns schon auf den 20. September :-)

Die neusten Leser-Kommentare

  • ianstew am 11.09.2017 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Sie könnten es besser...

    Höre mir gerade das Konzerts an. Opener Sympathy war ein bisschen holprig, und auch sonst,über die Setlist lässt sich eh streiten. Tumbling Dice z.b. Wenigstens mit Dancing w. Mr. D und Play with Fire zwei Raritäten gespielt. Die Stones sollten eigentlich eh nur noch Club Konzerte geben, da sind sie am besten. Habe Sie 2003 vor 2000 Leuten gesehen. Das war ein geiles Konzert. Freue mich trotzdem aufs Letzi, mein 26 Stones Konzert.

  • Corsa16T am 10.09.2017 20:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    It's only rock'n'roll!!!

    Meine Helden!!! Am Dienstag in München und natürlich das Zürcher Konzert: ich bin dabei!!! Zum 9. und 10. Mal! :)

  • Stones Frischling am 10.09.2017 19:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    20. September Letzigrund

    Ich habe mir gestern noch ein Platz gesichert. Zum Glück ist das im kleinen Rahmen im Vergleich zu Rio oder Hamburg. Ein Mal im Leben sollte man dabei sein.

  • Erik76 am 10.09.2017 18:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leidenschaft und Freude

    Es gibt nicht viele Bands die mit so einer Leidenschaft und Freude auch nach Jahren noch Musik machen!!! Ich freu mich auf den 20 September, wird ein Granaten Abend werden

  • marko 32 am 10.09.2017 18:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Super