Neues Reglement

10. Januar 2018 10:43; Akt: 10.01.2018 12:33 Print

Bilden die Charts nun endlich die Realität ab?

Vor allem Junge streamen vermehrt einzelne Songs statt ganze Alben. Um ihr Hörverhalten trotzdem in der Album-Hitparade abzubilden, wurde das Charts-Reglement angepasst.

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Das Reglement für die Erhebung der Album-Charts wurde per 2018 angepasst: Ab sofort zählen auch einzeln gestreamte Songs zu einem gewissen Faktor zu den Verkäufen von Alben dazu. Die Las-Vegas-Rockband , deren aktuelle Platte «Evolve» 16 Plätze gutgemacht hat und sich neu auf Rang 10 befindet, hat womöglich schon davon profitiert. Die drei Single-Auskopplungen sind nämlich alle in der Hitparade nach oben geklettert. Vergangene Woche wurden die offiziellen Schweizer Single- und Album-Charts des Jahres 2017 (noch ohne neue Regelung) veröffentlicht. Wenig überraschend belegen (26) «Shape Of You» und das zugehörige Album «÷» jeweils Platz eins der beiden Tabellen. Auf den folgenden Slides präsentieren wir fünf Erkenntnisse aus der 2017er-Hitparade-Auswertung, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind. Was bei den Single-Charts auffällt: Nur zwei der 100 meistverkauften Songs des Jahres sind Schweizer Produktionen – und beide kommen von Nemo (18). Anders sieht es ... ... bei den Albumcharts aus: Hier besetzen hiesige Acts 20 Plätze in den Top 100. Und gleich 5 Schweizer sind in den Top 10 – wie beispielsweise Züri West (im Bild: Sänger Kuno Lauener, 56), die es mit ihrem Album «Love» auf den 3. Rang der Jahres-Hitparade geschafft haben. Taylor Swift (28) ist ständig in den Charts, oder? Nein, falsch gedacht. Sowohl bei den Singles als auch bei den Alben ist sie in der Jahres-Hitparade nur mit einem Release vertreten. Bei den Songs schaffte sie es mit der Zayn-Malik-Zusammenarbeit «I Don't Wanna Live Forever» auf Platz 16 – das Stück war auf dem Soundtrack des zweiten «Fifty Shades»-Streifen zu hören. Dass sie nur ... ... mit einem Album in den Top 100 vertreten ist, ist hingegen weniger verwunderlich; normalerweise veröffentlichen Musiker ja nicht mehrere Platten kurz nacheinander. Platz 98 von 100 für «Reputation» ist aber schon eher bitter. Wobei: Der Longplayer ist erst am 10. November erschienen, die Schweizer hatten also noch nicht so viel Zeit, um ihn zu kaufen. Mal schauen, wie die Platte in den 2018er-Jahrescharts abschneiden wird. Mehr als 70 Prozent der Top-100-Singles stammen von männlichen Interpreten – wie beispielsweise «Despacito» von Luis Fonsi (39) und Daddy Yankee (40), das Platz 2 der Gesamtjahrescharts ... ... erreichte. Bestplatzierte Frau bei den Singles ist Anne-Marie (26), die es mit «Rockabye» zusammen mit Clean Bandit (wo auch eine Frau mitgeigt) und Sean Paul (44) auf Platz 4 geschafft hat. Wir stehen offenbar auf Liebeslieder: 7 der 10 meistverkauften Songs des Jahres sind romantischer Natur. Dazu gehört «Something Just Like This» von Coldplay (im Bild: Sänger Chris Martin, 40) und ... ... The Chainsmokers, das Platz 3 der Jahrescharts belegt. Es ist halt wie im Kino: Die Liebe siegt praktisch immer. 86 der 100 erfolgreichsten Singles 2017 gehören zum Genre Pop und Dance. Die 14 restlichen Songs können auf Rock und Urban (Hip-Hop und R&B) aufgeteilt werden; zu letzterem Bereich gehört «Unforgettable» von French Montana (33, Bild) und Swae Lee (24). Von diesen ... ... 14 Liedern sind 4 Rocksongs und 10 sind Urban-Tracks (im Bild: Nicki Minaj, 35, mit «Swalla» auf Platz 37 der Jahres-Top-100). Die Beats haben die Gitarren also überholt. In den USA ist diese Entwicklung ebenfalls auszumachen, wie das Marketing-Portal Nielsen in einer diese Woche veröffentlichten Studie ermittelt hat.

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Die amerikanischen Billboard-Charts machen es schon seit drei Jahren so, viele westeuropäische Länder tun es ebenfalls – und nun folgt die Schweizer Hitparade nach: Gestreamte Songs (zum Beispiel bei Spotify, Apple Music oder Deezer) fliessen ab sofort auch in die Album-Charts mit ein. Bis anhin hatten die Streams nur Einfluss auf die Single-Hitparade.

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Was ist neu?
Die Premium-Streams (wer beispielsweise das kostenlose Spotify-Angebot mit Werbung nutzt, wird nicht berücksichtigt) von Album-Tracks werden zusammengezählt und durch zehn geteilt (die angenommene durchschnittliche Track-Anzahl eines Albums). Die drei bestgestreamten Tracks eines Albums werden allerdings auf die Durchschnittswerte der restlichen Tracks heruntergewichtet, damit durch die Decke gehende Tracks (beispielsweise Ed Sheerans «Shape Of You») die Album-Hitparade nicht verfälschen.

Das Resultat wird nochmals durch 127 geteilt. Und dieses Ergebnis entspricht dann einem als Download gekauften Album-Track und wird den Album-Verkäufen angerechnet. Bei den Singles wird diese Formel bereits seit 2014 angewendet: 127 Song-Streams (nur Premium) entsprechen einem Song-Download.

Warum ist das nötig?
«Die Neuerung war schon länger geplant, um die Charts an die aktuellen Marktgegebenheiten anzupassen», begründet Andy Renggli vom Marktforschungsunternehmen GfK Entertainment, das die Hitparade im Auftrag der Ifpi (Verband der Schweizer Musiklabels) erhebt.

Konkret: Speziell wegen der vielen kuratierten Playlists bei Spotify und Apple Music hören die Leute vermehrt einzelne Songs statt ganze Alben eines Acts. Dieser Song-Konsum soll in den Album-Charts wiedergespiegelt werden.

Warum braucht es die Album-Charts überhaupt noch?
«Die Single-Hitparade bildet das Konsumverhalten der Jungen ab, die Album-Hitparade dasjenige der älteren Musikkonsumenten», weiss Produzent Roman Camenzind. «Auf die Album-Charts zu verzichten, würde also bedeuten, dass der Markt verzerrt dargestellt wird.»

Wie beeinflusst die neue Regelung die Album-Charts?
«Tests haben ergeben, dass nur moderate Veränderungen zu erwarten sind», so Renggli. Martin Geisser, Chef des Labels Bakara, bei dem unter anderem Lo & Leduc und Nemo zu Hause sind, rechnet damit, dass dadurch Acts mit einer jungen Zielgruppe – wie The Weeknd oder Drake – länger und höher in der Album-Hitparade vertreten sein werden. Und: «Am Ende wird es wohl noch mehr Ed Sheeran in den Album-Charts geben.»

Welche Chancen bietet die neue Regelung?
Künstler erhalten mehr Flexibilität bei der Art, wie sie ihre Musik releasen, findet Geisser: «Eine ausschliessliche Veröffentlichung auf Streaming-Portalen kann somit zu einer Platzierung in den Album-Charts führen.»

Wo muss noch nachgebessert werden?
«Track-Streams auf Youtube müssen auch noch mit in die Rechnung einfliessen», fordert der Bakara-Chef. Wichtiger als die Anpassung im Charts-Reglement ist für ihn jedoch der weitere Ausbau der Präsenz von Schweizer Musik und Playlists bei den grossen Streaming-Portalen, damit diese mit der internationalen Konkurrenz mithalten können. Ende Sommer 2017 hatten Spotify und Apple Music kuratierte Schweizer Playlists eingeführt.

(fim/shy)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Forex11 am 10.01.2018 11:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frauen..

    ..sind untervertreten. Verlangen wir doch auch hier eine Frauenquote und lassen pro 10 Plätze jeweils nur noch 5 Männer zu.. Ironie off

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  • Dr Besserwisser am 10.01.2018 11:17 Report Diesen Beitrag melden

    Kommerz

    Wen interessiert den bitteschön die Charts? Ich höre keine Radiomusik und muss daher auch nicht wissen wer was wie viel verkauft.

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  • John Free am 10.01.2018 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    Hope

    Längst überfällig. Die Charts werden seit Jahrzehnten von den grossen Plattenfirmen bestimmt und mehr oder weniger vorgegeben. Wer nicht mit den Plattenfirmen liebäugelt kommt nicht in die Charts. Deshalb hoffe ich dass durch diese Anpassung endlich wieder mal gute Musik zurück in die Charts kommt. Besser als das Laszive Rumgehoppste und Gestöhne ala Gaga und Cyrus.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • patrick h. am 11.01.2018 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    Album ist Album Song ist Song

    Ein Album ist ein Album. Ein Song ist ein Song. Sind auf einem Album 1 guter und 9 schlechte Songs dann soll sich das auch in den Album Charts wiederspiegeln, sprich, das Album soll schlechter plaziert sein weil es weniger Menschen kauften. Hingegen landet der beste Song wohl auf Platz 1 der Single Charts. Verstehe nicht warum man das ändern musste aber da mir die aktuellen Charts sowieso nichts sagen betrifft mich das auch nicht. Aber es ist immer wieder glatt wie die Medien-Dinosaurier versuchen ihr besiegeltes Aussterben zu verzögern.

    • I_AM_VAMPIRE am 11.01.2018 14:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @patrick h.

      Kommt jetzt auf den Geschmack an. Ich würde weder einen Song oder Album von Ed Sheeren kaufen oder streamen oder wie das sonst noch heisst.

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  • FullMetal Alchemist am 10.01.2018 16:27 Report Diesen Beitrag melden

    Schlechte Umfrage!!

    Ich habe eine lokale Medien Datenbank auf meinen NAS. Welche ich überall hin streamen kann. Wozu Streaming dienste!? Da ich noch aus der Kassetten Ära stamme, weis ich ein GANZES Album zu schätzen!

  • Al Mighty am 10.01.2018 15:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wozu Alben?

    Das ist ja das Bequeme an Spotify & Co. : es lassen sich so einfach persönliche Playlists erstellen. Mir fällt nicht ein Album ein, von dem mir jedes Stück gefällt. Alben sind Auslaufmodelle.

    • Mat Ess am 10.01.2018 17:10 Report Diesen Beitrag melden

      Leider hast Du recht

      Die letzten dieser perfekten Alben waren von Archive bzw. von Portishead. Aber dies ist bereits 15 Jahre her. Seitdem hat nichts mehr ausnahmslos überzeugen können. Nicht mal Parov Stelar...

    • I_AM_VAMPIRE am 11.01.2018 09:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mat Ess

      Es gibt sehr viele Musiker wo es sich lohnt das ganza Album zu kaufen. Auch heute.

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  • Dr Besserwisser am 10.01.2018 11:17 Report Diesen Beitrag melden

    Kommerz

    Wen interessiert den bitteschön die Charts? Ich höre keine Radiomusik und muss daher auch nicht wissen wer was wie viel verkauft.

    • Musikfreund am 10.01.2018 12:30 Report Diesen Beitrag melden

      langweiliger Einheitsbrei

      Man kann unter den ersten 30 Plätzen eh kaum einen Unterschied feststellen, was diese seichte art von Musik betrifft...wenn man GLück hat stechen ein paar Tracks heraus die etwas anders oder gar interessant klingen...

    • bessererwisser am 10.01.2018 20:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dr Besserwisser

      es geht dabei ja auch nicht um dich! irgend jemand hört es ja...

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  • Forex11 am 10.01.2018 11:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frauen..

    ..sind untervertreten. Verlangen wir doch auch hier eine Frauenquote und lassen pro 10 Plätze jeweils nur noch 5 Männer zu.. Ironie off

    • frau am 10.01.2018 11:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Forex11

      sind wir etwas frustriert oder liest sich das nur so?

    • Forex11 am 10.01.2018 11:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @frau

      Das liest sich nur so. Bin absolut gut drauf und auch der Meinung, dass sich gute Frauen immer durchsetzen mögen! :-)

    • I_AM_VAMPIRE am 10.01.2018 20:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Forex11

      Frauen dominieren doch seit Jahren die Charts. Es mag ja schon Drske oder Ed geben, aber Taylor, Adele, Beyonce, Rihanna, Katty, Minaj usw. sind die Top Verdiener.

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