Bald auch in der Schweiz?

30. August 2017 05:47; Akt: 30.08.2017 19:13 Print

Wer Taylor live sehen will, muss ihr Album kaufen

von Martin Fischer - Taylor Swift ist zurück – und bald wird sie auch wieder auf der Bühne stehen. Wer sie live sehen will, muss sich aber zuerst als würdiger Fan beweisen.

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Taylor Swift bei einem Konzert in Houston Anfang Jahr. Im Rahmen ihrer nächsten Tour gibts diesen Anblick nur gegen viel Fan-Aufwand – zeitlich sowie finanziell. Wer ein Ticket für ein Konzert ihrer bevorstehenden US-Tour will, muss sich auf einer Website, die Taylor mit dem Anbieter Ticketmaster zusammen eingerichtet hat, anmelden. 20 Minuten hat den Test gemacht. Nach der Anmeldung heisst es: «Wenn du mitmachst, kannst du deinen Status und die Chancen, ein Ticket freizuschalten, erhöhen.» Der «grösste Boost»: Das Album kaufen. Wenn man das neue Video schaut, erhält man ebenfalls Bonuspunkte. Allerdings nur «mittel»-viele. Diesen Boost kann man als registrierter Fan maximal 20-mal am Tag wiederholen. Ebenfalls einen hohen Bonus gibt es, wenn man neue Fanartikel kauft. Darunter ist auch ein goldener Schlangenring. Kostenpunkt: 60 Dollar. Wer mehr Geld investiert, erhöht also die Chancen auf ein Ticket. Die Aktivitäten werden natürlich penibel registriert ... ... und kumuliert. Wir haben uns für die Show in Miami angemeldet. Um im Prioritäten-Balken vorzurücken, muss man ganz schön aktiv werden. Und: So schaltet man erst die , ein Ticket zu kaufen, frei. Mehr Aktivität bedeutet noch kein Ticket auf sicher. Taylor sorgt mit dieser Taktik für Nasenrümpfen bei den Fans. Schon mit dem Musikvideo zur ersten Single ihres kommenden Albums «Reputation» (erscheint am 10. November) sorgte sie für Gesprächsstoff: Sie zeigt darin ihren Hatern, was sie von deren Stänkereien hält. Und nimmt sich dabei selbst nicht allzu ernst. «Reputation» (Ruf auf Deutsch). Den beerdigt Swift gleich zu Beginn des Videos. «Hier ruht Taylor Swifts Ruf», steht da auf einem Grabstein. Im weiteren Verlauf nimmt Taylor all die Schlagzeilen auf, die sie in ihrer über zehnjährigen Karriere gemacht hat. Gehen wir einmal quer durch das anspielungsreiche Video. Dem Grab, in dem ihr Ruf beerdigt ist, entsteigt Taylor sogleich als Zombie. Im Song erklärt sie sich selbst für tot: «Die alte Taylor Swift kann gerade nicht ans Telefon kommen. Warum? Weil sie tot ist!», singt die 27-Jährige. Sie schaufelt noch ein Grab, für einen gewissen Nils Sjöberg. Diesen Namen benutzte Taylor als Pseudonym als Co-Autorin des Hits «This Is What You Came For», den sie mit ihrem Ex Calvin Harris schrieb. Schnitt: Taylor ist wieder Mensch und gönnt sich ein Bad in Diamanten. «Ich mag dein perfektes Verbrechen nicht», singt Talyor zu diesem Setting. Das könnte zum einen eine Anspielung auf Kim Kardashians Diamantenraub sein (Kim ist eine von Taylors Erzfeindinnen, mehr dazu gleich). Oder auf den jüngst gewonnenen Prozess gegen einen Radio-DJ, der sie sexuell belästigt hatte. Talyor liess sich dafür mit einem symbolischen Dollar entschädigen. Eine einzelne Dollar-Note liegt ebenfalls in der Wanne. Zurück zu Kim: Hier sitzt Taylor auf einem Thron. Sie trägt Schlangenringe. Taylors Fans haben nach dem Release der Single Kardashians Social-Media-Feeds mit Schlangen-Emoji zugespamt. Die Stimmung zwischen den beiden ist seit der Kontroverse um Kanye Wests «Famous»-Video gelinde gesagt: angespannt. Auf dem Thron steht: Et tu Brute. Ein Verweis auf den Mord an Cäsar – und ein Sinnbild für hinterhältiges Verhalten. Wieso sich auch nicht mal ein Tässchen Tee gönnen – serviert von einer Schlange? «To spill the tea», also Tee verschütten, heisst auf Deutsch so viel wie tratschen. Sollen die Leute doch, ist hier die Message. Taylor sitzt auf dem Thron. In der nächste Szene crasht die Sängerin in einem goldenen Sportwagen gegen eine Laterne. Danach sitzt sie im Flitzer mit einem Grammy in der Hand – und sieht dabei verdächtig aus wie ihre Erzrivalin Katy Perry mit der neuen Kurzhaarfrisur. Taylor hat zehn Grammys gewonnen bisher, Katy keinen. Doch dann steht sie plötzlich mit Katzenmaske da, raubt einen Tresor aus und schwingt einen Baseball-Schläger. Wem sie damit wohl Ärger machen will? Kandidaten gäbe es ja genug. Taylor ist bekanntlich Team Katzen, sie sind also ihre Komplizen. Unter der Maske kommt hervor: Eine Taylor, mit der nicht zu spassen ist. Auf ihrem Pulli steht: «Blind vor Liebe». Eine selbstironische Einschätzung ihrer doch recht zahlreichen Liebeleien mit berühmten Männern in den vergangenen Jahren. Dieses Bild sagt: Ja, ich habe so viel Geld, dass ich locker ein Paar Bündel anzünden kann. Taylor wurde wiederholt als kalt berechnende Pop-Unternehmerin abgestempelt. Wen Taylor ausraubt, ist im Hintergrund ersichtlich: Eine Streaming-Firma. Da war doch mal der Zoff mit Apple Music ... In der nächsten Einstellung sehen wir eine Armee von seelenlosen Models ... ... über denen Taylor als Herrscherin thront. Ganz klar eine Anspielung auf ihren viel zitierten Girl-Squad – unter Taylors Freundinnen sind auch viele Topmodels. Die Ironie und Disserei geht weiter und weiter, hier tanzt sie brav eine typische Popstar-Choreografie. Look und Setting erinnern an Beyoncés Videos. Die Tänzer tragen dabei «I love TS»-Shirts. Wie es ihr Ex-Freund, Schauspieler Tom Hiddleston einst getan hat. Dann fliegt mal eben noch schnell ein TS-Shop in die Luft. Taylor – im Audrey-Hepburn-Look – läuft unbeeindruckt davon, mit einem Geparden an der Leine. Gepard auf Englisch heisst Cheetah. Das wiederum spricht sich genau gleich aus wie das Cheater, das englische Wort für Betrüger. Vor einem leuchtenden T (Überraschung, es ist kein Kreuz!) singt Taylor: «Ich vertraue niemandem, niemand vertraut mir.» Swift macht ihren Standpunkt klar: Die Sängerin steht über allem und jedem – jegliche Kritik prallt an der «neuen Taylor» ab. Unter ihr türmen sich die alten Taylors, die wir aus Videos oder von wichtigen Events kennen. Eine Schlussszene hat es in sich. Der Song ist vorbei, verschiedene Taylor-Swift-Phasen werden eins zu eins von ihr selbst nachgestellt. Die Zombie-Taylor schnauzt die Mauerblümchen-Taylor von ihren Karriereanfängen an (auf deren Shirt die Namen von Taylors besten Freunden zu lesen sind). Sie bezeichnen einander gegenseitig als «Bitch». «Hört auf, so zu tun, als wärt ihr nett, ihr seid alle so falsch», motzt die linke Taylor die anderen an. Last but not least (und unverzichtbar) die Anspielung auf Kanye Wests legendären Rüpel-Auftritt 2009 bei den MTV Video Music Awards. Amüsant, dass genau an diesem Event Swifts-Rache-Video am Sonntagabend Premiere feierte. Bäng! Das sitzt.

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Da ist sie wieder, im Zentrum der Aufmerksamkeit: Taylor Swift hat über das Wochenende ein Comeback hingelegt, wie es vor ihr noch keine geschafft hat. Das Video zur Single «Look What You Made Me Do» hat den bisherigen 24-Stunden-Rekord pulverisiert: Mit 35 Millionen Klicks am Tag der Veröffentlichung überbot sie Adeles alte Bestmarke um 7,3 Millionen.

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Inzwischen hat der Clip schon weit über 50 Millionen Views – mit einem durchschnittlichen Zuwachs von über einer Million pro Stunde. Auch auf Spotify, wo Swifts Musik erst seit zwei Monaten wieder verfügbar ist, setzt die 27-Jährige neue Massstäbe: 8 Millionen Mal wurde die Single in den ersten 24 Stunden abgespielt. Ed Sheerans Rekord toppt sie damit um 1 Million.

Nur wer Fanartikel kauft, darf ans Konzert

Das lässt zwei Rückschlüsse zu: 1. Taylor ist wahnsinnig beliebt. 2. Sie (beziehungsweise ihr Management) weiss genau, wie man erfolgreich Pop macht. Mit jedem neuen Fabelrekord klingeln im Büro Swift auch kräftig die Kassen.

Diese Vorteile spielt das Team um Taylor auch für den Ticketverkauf ihrer kommenden Tour aus. Swift hat ein neues System lanciert. Kurzfassung: Man kann seine Chancen auf ein Ticket erhöhen, wenn man ihre Fanartikel kauft oder auf Social Media etwas zu Swifts Tour, Album oder ihren Videos postet.

Das neue Video zur Single «Look What You Made Me Do», in dem Swift mit zahlreichen Anspielungen gegen ihre Kritiker schiesst.

Je mehr solcher Boost-Aktivitäten man sammelt, desto höher steigt man in der Warteliste für die ausgewählte Konzertstadt auf. Anders gesagt: Wer mehr Geld ausgibt, kann Taylor eher live erleben. Dazu muss man sich auf ihrer Website registrieren – und auch die Handynummer hinterlassen. Wie das Ganze genau aussieht, sehen Sie in der Bildstrecke.

Swift könnte ihr Publikum nach Wunsch zusammenstellen

Offiziell will das Team von Taylor Swift damit vorbeugen, dass Tickets von Bots und Schwarzmarkt-Händlern abgestaubt und danach im Netz teuer weiterverkauft werden. Klar ist aber: Auf diese Art werden die Albumverkäufe zusätzlich markant in die Höhe gepusht.

Dazu werden auch wertvolle persönliche Daten gesammelt, mittels denen sich Swifts Marketingabteilung noch gezielter an die Fans wenden kann. 20 Minuten hat sich auf der Seite angemeldet: Sekunden später klingelte schon das Telefon. Am anderen Ende der Leitung eine Roboterstimme aus den USA, die erklärte, was es als Nächstes zu tun gibt.

Für die Schweiz noch keine Pläne

Musikexperten äussern sich kritisch: In letzter Konsequenz könnte Swifts Management nun sogar auswählen, wie das Publikum bei ihren Shows ideal zusammengesetzt ist – das grenzt an Diskriminierung. Für die Schweiz sind noch keine Konzerte von Taylor Swift angekündigt, der Anbieter Ticketmaster ist hierzulande auch noch nicht tätig.

Thomas Dürr, Geschäftsführer von Act Entertainment, einem der grössten Veranstalter des Landes, sagt zur neuen Swift-Methode:
«Dieses Angebot funktioniert nur bei einem Hype.» Und den hat Taylor geschafft. Dürr fügt aber an: «Das Konzept scheint nicht langfristig ausgelegt zu sein.» Heisst: Man kann Fans damit auch verärgern, was Gift ist für jeden Künstler.

In der Schweiz ist eine solche Praxis noch nicht abzusehen. Der Ticketmarkt sei zurzeit klar geordnet und sicher, sagt Dürr. Aber: «Mit Swifts Methode dürfte er unübersichtlicher werden. Es kommen neue Anbieter und Systeme auf – das bringt dem Graumarkt Vorteile.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • cyntrex am 30.08.2017 06:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Neue Höhen erreicht

    Wie geldgeil kann man denn noch werden, um so was durchzuziehen? Die meisten Fans sind wohl noch minderjährig und denen wird nun umso mehr das Geld aus der Tasche gezogen. (Respektive ihren Eltern.)

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  • Chewy am 30.08.2017 06:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Strafe muss sein.

    Kinder wacht auf und verpasst Ihr einen Denkzettel, auf kein Konzert gehen, keine Fanartikel kaufen und das Album im Laden verstauben lassen. Mal sehen wie ihr Management und Sie darauf reagiert, den Sie braucht Euch und nicht Umgekehrt.

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  • Hp Kamelli am 30.08.2017 06:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Musik?

    Wer ist das? Ich höre lieber richtige Musik!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Horst Tappert am 30.08.2017 19:30 Report Diesen Beitrag melden

    Knieschuss

    Früher hat man ein Album gekauft, dass das Konzert und der Künstler überzeugt haben.....

  • Triathlet am 30.08.2017 18:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zum Guten Glück....

    ....Will ich sie nicht sehen....

  • Mario am 30.08.2017 17:48 Report Diesen Beitrag melden

    ziemlich uninteressant

    Pop-Biz aus USA ist heutzutage zu 99% Marketing, mehr ist nicht dahinter. Show und Marketing ersetzen oft gutes Songwriting, es ist weitgehend Eintags-Fliegen-Musik.

  • MeineMeionung am 30.08.2017 16:50 Report Diesen Beitrag melden

    Gut so Taylor

    Sie zieht nicht den Kids mehr aus der Tasche, sondern sie nimmt den Schwarzmarktdealern die Gelegenheit weg, den Kids Geld zu klauen. Sie bringt ihre Position rüber, die sie als Frau im Starbusiness hat. Sie ist nicht glücklich darüber, weil ein Teil von ihr dabei draufgeht. Irgendwie geht es der jetzigen jungen Generation auch nicht besser als den vorangegangenen. Niemand hört zu, niemand hört hin. Interesse in sich selbst ist das Beste, was jemand tun kann, und genau das ist es, was Taylor hier vorführt. Sie nimmt ihre Fans nicht aus, sondern hat tatsächlich eine Beziehung mit ihnen.

    • Gesehen am 30.08.2017 17:33 Report Diesen Beitrag melden

      Ein Ticket und ein Album = 1 T + 1 A

      Ohne ihre Intervention kostet ein Ticket fast das Doppelte wenn nicht sogar ein Vielfaches auf dem Schwarzmarkt. Dadurch, dass sie den Ticketverkauf personifiziert, spart sie für viele ihrer Fans viel Geld, die sonst auf den Schwarzmarkt angewiesen sind. Dass es hier so viele gibt, die das Gute daran nicht sehen wollen, liegt vielleicht daran, dass es Schwarzseher sind. :-)

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  • Hippie-Feministin am 30.08.2017 16:45 Report Diesen Beitrag melden

    Taylor ist eine coole Feministin

    in ihren Clips bringt sie rüber, was sie beschäftigt, in diesem hier nämlich die vielen Rollen, die sie alle spielen muss und dennoch verletzt wird als die, die sie wirklich ist, nämlich eine Menschin mit Mitgefühl, also ganz normal. Dass sie den Ticketmarkt aufmischt, um hier gewisse Manipulationen zu unterbinden, finde ich genauso cool, wie dass sie den Musikhandel aufgemischt hat. Ihr jetziges Message ist ganz klar: Ich spiele euer Spiel mit, aber ich habe auch Bedingungen. Weiter so Taylor.

    • mirko Miljkovic am 30.08.2017 18:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Hippie-Feministin

      eh das hat schon madonna getan. ist nichts neues. für jungen leutr schon weil sie kein grosses musikwiessen haben

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