Gewalt in Serie

19. November 2016 22:12; Akt: 19.11.2016 22:12 Print

«Das Brutale zieht uns an»

Zu den erfolgreichsten Serien der letzten Jahre gehören «The Walking Dead», «Game of Thrones» und «Breaking Bad». Trotz oder gerade wegen ihrer expliziten Gewaltdarstellung.

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Warum zaubern uns kaltblütiger Mord, spritzendes Blut und verfaultes Fleisch trotz Ekel ein Lächeln auf die Lippen? «Das Brutale zieht uns an», so Kommunikationswissenschaftlerin Anne Bartsch gegenüber Bento.de, «auch wenn es uns nicht direkt Spass macht.» Ein wichtiger Faktor für die Faszination von tödlicher Gewalt in Filmen und Serien ist der Überlebensinstinkt, den sie ansprechen. «Wenn du den Bären ignorierst, bis er dich gefressen hat, ist es zu spät», sagt Bartsch - dasselbe gilt für die jagenden Untoten in «The Walking Dead». Serien wie diese würden unser evolutionär bedingtes Alarmsystem aktivhalten, weil Situationen wie die auf diesem Foto in unserem Alltag nicht sehr oft vorkommen. «Wenn uns in Game of Thrones ein Ekel begegnet, dann wünschen wir uns für dieses eine gerechte Strafe», erklärt Bartsch. Dementsprechend gross war die Befriedigung bei den Zuschauern, als Supersadist Ramsay Bolton (Iwan Rheon) in der sechsten Staffel der Fantasy-Serie zunächst zu Brei geschlagen und dann seinen eigenen Bluthunden zum Frass vorgeworfen wurde. Umgekehrt gehen die Emotionen ebenfalls hoch: Wenn einer beliebten Figur etwas Schlimmes zustösst, mache uns das ungleich betroffener - je übler ihr mitgespielt wird, desto näher gehe dies den Zuschauern. Können Sie sich noch daran erinnern, wie schockiert Sie nach dem Kampf zwischen Oberyn Martell (Pedro Pascal) und The Mountain (Hafþór Júlíus Björnsson) waren? «Viele stören sich daran, wenn andere an die Friede-Freude-Eierkuchen-Welt glauben», erläutert Forscherin Anne Bartsch gegenüber Bento.de, «sie sehen das Böse in der Welt und haben ein Bedürfnis, sich damit auseinanderzusetzen». Bei «American Horror Story» beispielsweise gibt es eine Menge Möglichkeiten dazu. In «Breaking Bad» fasziniert einerseits die explizite Darstellung von Gewalt, andererseits fesseln aber auch die ambivalenten Charaktere, die nie einfach böse oder gut sind und deren moralisches Fehlverhalten wir gemäss Bartsch auf die Wirklichkeit übertragen können. Zudem reizt der Was-wäre-wenn-Gedanke: Was, wenn man wie Walter White (Bryan Cranston) den Alltag hinschmeissen und stattdessen ein Meth-Labor aufbauen würde? Oder ... ... wie würde es sich anfühlen, wenn man für seine politische Karriere über (Hunde-)Leichen geht wie Frank Underwood (Kevin Spacey) in «House of Cards»? Bartsch dazu: «Es erfreut die Zuschauer, wenn eine Serie dieses Gedankenspiel für sie zu Ende führt.»

Zum Thema
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«Das Brutale macht uns keinen Spass», sagt Kommunikationswissenschaftlerin Anne Bartsch gegenüber dem «Spiegel»-Onlineportal Bento.de, «aber es zieht uns an.»

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Und zwar in Massen: Die blutige Premiere der siebten Staffel der Zombie-Serie «The Walking Dead» vor zwei Wochen taten sich rund 17 Millionen Amerikaner (und wahrscheinlich noch eine Menge weiterer Leute rund um den Globus auf nicht ganz legale Art und Weise) an, das brutale Season-sechs-Finale von «Game of Thrones» verfolgten Ende Juni offiziell knapp neun Millionen Zuschauer und die letzte «Breaking Bad»-Episode hielt vor drei Jahren gut zehn Millionen US-Fans in Atem.

TV-Gewalt als Überlebenstraining

Warum fasziniert es uns, wenn am Bildschirm Blut spritzt, Körperteile abgetrennt werden und Gedärm rumfliegt? «Wenn wir Gewalt in Serien sehen, fasst uns das evolutionär an», so Bartsch im Gespräch mit Bento.de. Konkret: Alles, was mit dem Überleben zu tun hat, ist interessant für uns – darauf seien wir programmiert. «Wenn du den Bären ignorierst, bis er dich gefressen hat, ist es zu spät», führt die Forscherin aus, «wir brauchen dieses innere Frühwarnsystem.»


Auch für kleine untote Mädchen gibt es in «The Walking Dead» keine Gnade. Vorsicht: Explizite Bilder und Serien-Spoiler! (Quelle: Youtube/IGN)

Serien mit einer konstanten Bedrohung – wie zum Beispiel die Untoten bei «The Walking Dead» – würden uns dazu zwingen, ständig im Alarm-Modus zu sein. «Ein bisschen Drama und Adrenalin gehören im Leben dazu», so Bartsch. Dadurch würden wir für Extremsituationen fitbleiben.

Den Bösen soll Böses widerfahren

Drastische Gewalt werde eher und besonders dann akzeptiert, wenn ihr ein Widersacher zum Opfer fällt. Die Kommunikationswissenschaftlerin dazu: «Wenn uns in ‹Game of Thrones› ein Ekel begegnet, dann wünschen wir uns für dieses eine gerechte Strafe.»


Brutale und/oder herzzerreissende Tode von wichtigen «Game Of Thrones»-Figuren. Vorsicht: Explizite Bilder und Serien-Spoiler! (Quelle: Youtube/WatchMojo.com)

Umgekehrt wirke gezeigte Gewalt ungleich heftiger, wenn sie einer Figur der guten Seite widerfahre. Interessanter werde es, wenn die Charaktere nicht per se gut oder böse sind. «Viele beliebte Serien spielen heute mit ambivalenten Charakteren», stellt Bartsch im Hinblick auf «Breaking Bad» oder «House of Cards» fest, «das übertragen wir gerne in unsere Wirklichkeit: Kann man moralisches Fehlverhalten rechtfertigen?»

Was wäre wenn?

Sinnlose Gewalt? Nicht unbedingt, wenn es nach Anne Bartsch geht: «Tod und Gewalt in einem Film [oder in einer Serie] lassen uns über Bedrohungen und Verlust in der Wirklichkeit nachdenken.» Man schaue mehr hin, wenn Handlung und gezeigte Bilder extrem sind und reflektiere im Anschluss eher darüber. «Auch wenn die Zombiewelt [im Fall von ‹The Walking Dead›] abstrakt bleibt, die Machtkämpfe der Figuren können wir in unseren Alltag übertragen.»


Ohne die dargestellte Gewalt wäre «Breaking Bad» wohl niemals so intensiv gewesen – und zum Kult geworden. Vorsicht: Explizite Bilder und Serien-Spoiler! (Quelle: Youtube/ReservoirBasterds)

Das Was-wäre-wenn-Prinzip greife ebenfalls: Wie würde es ausgehen, wenn man sich wegen seiner Frustration über den Alltag zum meuchelnden Drogenboss aufschwingt oder für die Politik über Leichen geht? «Es erfreut die Zuschauer, wenn eine Serie dieses Gedankenspiel für sie zu Ende führt.» Und je blutiger und brutaler es ausfällt, desto schockierender – und unterhaltender – ist es.

(shy)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Swizzie am 19.11.2016 23:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    TWD

    The Walking Dead, Staffel 7 Episode 1 mit Negan und seiner Lucille. Keine Angst: kein Spoiler. Sprengt aber alles bisher gesehene. An Brutalität kaum zu übertreffen. Aber: ich bin ob der Machart hell begeistert.

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  • Glenn Rhee am 20.11.2016 00:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Brutale zieht uns an ???

    Wow ! 17 Mio. das sind so ca. 5% der US Bevölkerung und das Thema wird verallgemeinert ... Kopfschüttel. Ich verfolge TWD sowie GOT ... und ja Gewalt gehört dazu, jedoch steht diese aus meiner Sicht nicht an 1. Stelle. Es geht ums Ueberleben, genau so wie in der realen Welt.

  • Lars am 19.11.2016 22:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    The Walking Dead

    The Walking Dead... Mit abstand die beste Serie die es gibt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • cycling_alex am 20.11.2016 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mainstream Verblödung

    Ganz ehrlich gesagt, es ja gar nichts anderes zur Auswahl. Die meisten Sender gehören zur selben Mediengruppe, in dieser bestimmen ein paar wenige Programmleiter was es zu sehen gibt. Zudem werden Serien aus rein kommerziellen Gründen eingekauft und der Mainstream der Produktionen zielt im Moment auf das selbe Genre ab. Eigenproduktionen gibt's es kaum noch.

  • Jane38 am 20.11.2016 09:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unterhalten

    für einige sind zombifilme interessanter als liebesfilme,andere stehen auf action...das ist einfach geschmacksache und etwas wo man kein grosses ding daraus machen muss. ich schaue filme einfach als unterhaltung ohne was,wen oder wiso

  • DasIch am 20.11.2016 07:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nein danke

    Die meisten Serien heutzutage sind nichts für mich. Ich möchte gerne unterhalten werden - und irgendwelches Gemetzel finde ich schon in der Realität genug und alles Andere als unterhaltsam... Somit bleibts wohl bei Serien, die die meisten schon gar nicht mehr kennen.

    • DieDu am 20.11.2016 08:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @DasIch

      Bin froh haben wir solche Schneeflöckchen wie Sie - So alternativ und besser als wir~ Danke dafür!

    • DasIch am 20.11.2016 08:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @DieDu

      Hab mit keinem Ton behauptet, ich sei besser als irgendwer. Das ist einfach nur meine Meinung. Braucht da etwa jemand 3 Bussis gegen einen schlechten Tag?? ;)

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  • Grauenvoll am 20.11.2016 06:40 Report Diesen Beitrag melden

    Die Wirklichkeit ist brutal genug

    Ich schaue mir solche Märchenfilme für Erwachsene grundsätzlich nicht an. Wie kann man sich auch nur an Mord und Totschlag und sonstigen abartigen Phantasien ergötzen?

  • Turi am 20.11.2016 06:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    blutiger und brutaler

    Fan von Gewaltfilmen das zeigt doch auf wie verdorben unsere Gesellschaft ist. Die Filme dienen dazu die Leute an die Gewalt zu gewöhnen und diese als normal anzuschauen. Es sieht so aus als wollte man aus den jugendlichen Zombies Züchten.

    • Donna M. am 20.11.2016 08:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Turi

      Gewaltfilme werden seit je her gedreht. Das Gute daran ist, dass jeder freiwillig entscheidet ob er sie sehen will oder nicht. Ich verzichte auch darauf, weil das reale Leben ist schon gewaltvoll genug.

    • Markus Maitre am 20.11.2016 13:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Turi

      Lustig ist,seit der Erfindung des Filmes.. Werden Gruselfilme gedreht... Der erste Zombiefilm den ich kenne, ist schwarz-weiss.. Untote wie Vampire sind noch ältere Film-Themen..Das alles ,hat nichts mit Neuzeit zu tun.. Die Themen waren vor 100 Jahren,also gleich faszinierend wie heute...

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