Kritik an «13 Reasons Why»

03. Mai 2017 20:18; Akt: 04.05.2017 10:49 Print

«Suizid wird als Lösung dargestellt»

von Schimun Krausz - «13 Reasons Why» begeistert Zuschauer weltweit. Die Netflix-Serie sorgt aber auch für Stirnrunzeln: Wird mit dem Thema Suizid angemessen umgegangen?

Ist die neue Netflix-Serie gefährlich? 20 Minuten hat Passanten gefragt. (Interviews: Francesca Nett/Schnitt: Philipp Stirnemann)
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Ein Teenager-Mädchen begeht Suizid und hinterlässt eine Schachtel voller Audiokassetten, auf denen es Mitschülern und Lehrern die Schuld daran gibt. Die Netflix-Hitserie «13 Reasons Why» hat aufgrund ihres heiklen Themas eine Kontroverse ausgelöst: Die posthume Abrechnung von Hannah Baker (gespielt von Katherine Langford) glorifiziere und romantisiere Selbstmord, monieren diverse Medienportale.

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Als Jugendschutz-Massnahme hat Netflix nun angekündigt, vorgängig zu den Episoden weitere Warnhinweise zu platzieren. Zudem haben die neuseeländischen Behörden kürzlich beschlossen, dass sich Minderjährige die Serie nur noch zusammen mit Erwachsenen anschauen dürfen.

Gefahr für instabile Jugendliche

Diese Bestimmung hält Dagmar Pauli, Chefärztin in der Klinik für Kinder- und Jugend-Psychiatrie Zürich, für sinnvoll: «Es geht darum, ein Zeichen zu setzen und die Eltern darauf aufmerksam zu machen, was ihre Kinder schauen. Die Botschaft lautet: ‹Passen Sie auf, begleiten Sie Ihre Kinder, gucken Sie sich die Serie mit ihnen an, diskutieren Sie das.›»

Eines der grossen Probleme mit «13 Reasons Why» sei nämlich, dass diese Diskussion in der Serie nicht stattfinde. «Ich finde das eine Unmöglichkeit, dass so eine Serie unreflektiert gezeigt werden kann», sagt Pauli, «Jugendliche, die sich in einer Lebenskrise befinden und emotional instabil sind, können davon durchaus negativ beeinflusst werden.» Das andere grosse Problem sei, dass der Netflix-Hit falsche Botschaften vermittle. «Suizid wird als Lösung dargestellt, wie man andere Menschen dazu bringen kann, begangenes Unrecht zu erkennen; er wird als Ausweg gezeigt.»

«Müsste einen Weg aus der Krise zeigen»

Die Zuschauer wissen von der ersten Szene an, wie die Serie enden wird: Hannah Baker nimmt sich das Leben. Damit ist auch von Anfang an klar, wie die Schülerin mit ihren dunklen Gedanken umgehen wird, und andere Bewältigungsmethoden als der Selbstmord werden von vornherein ausgeklammert.

Für die Expertin ist das die falsche Herangehensweise: «Wenn man Suizidprävention betreiben will, darf man nicht den Suizid selbst darstellen – vor allem nicht als Lösung. Man müsste einen Weg aus der Krise zeigen, mit dem sich die Jugendlichen identifizieren können. Denn in der Serie identifizieren sie sich ja sehr mit der Hauptperson, die diesen falschen Weg gewählt hat», sagt Pauli.

Keine Zunahme der Anrufe beim Sorgentelefon

Hannahs Eltern in der Netflix-Serie ahnen nichts vom geistigen Gesundheitszustand ihrer Tochter. So etwas sei in der Realität eine absolute Ausnahme, sagt Pauli: «Meistens zeichnet sich das ab. Entweder, die Betroffenen kündigen das konkret an oder sprechen davon, machen Andeutungen, verhalten sich so, dass man merkt, dass sie in der Krise sind. Sie sind depressiv, ziehen sich immer mehr zurück. Solche Warnzeichen müssen ernst genommen werden.»

Wer nicht auf die Hilfe anderer warten, sondern sie sich selbst welche holen will, findet diese bei Beratungsstellen wie der Nummer 147 von Pro Juventute. Dort seien seit dem Release von «13 Reasons Why» Ende März nicht mehr Meldungen zum Thema Suizid eingegangen als gewohnt. «Im Durchschnitt melden sich zwei Jugendliche pro Tag mit solchen Anfragen», sagt Sprecher Bernhard Bürki.

Die Berater würden stets versuchen, Anrufern einen Weg zu zeigen, wie es trotz ihrer schwierigen persönlichen Situation weitergehen könne. Diese Möglichkeit werde in der Serie bedauerlicherweise gar nicht angesprochen.

Hast du «13 Reasons Why» geschaut? Wenn ja, dann würden wir gerne wissen, was die Serie in dir ausgelöst hat:
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Der deutsche Teaser zu «13 Reasons Why». (Video: Netflix)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Heinz am 03.05.2017 21:30 Report Diesen Beitrag melden

    Nachtrag

    Nachtrag: Der Suizid wird in der Serie nicht als Lösung dargestellt. Es ist, wie in der Realität, für die Betroffenen oftmals der letzte Schritt um aus einer unlösbaren Situation zu entfliehen. Der Suizid wird in der Serie auch nicht verherrlicht, sonder für alle Beteiligten als äusserst schmerzhaft dargstellt.

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  • Mol am 03.05.2017 21:01 Report Diesen Beitrag melden

    Eben nicht....

    Hab die Serie schon von einer Weile gesehen. Finde überhaupt nicht das dabei Suizid als Lösung aufgezeigt wird. Eher wird hier gezeigt wie der Umgang zwischen den Menschen zu so einer Tragödie führen kann....

  • Melinn am 03.05.2017 20:33 Report Diesen Beitrag melden

    Meiner Meinung nach

    zeigt die Serie eher, dass Suizid eine schlechte Lösung ist, da man sieht, wie das ganze Umfeld damit zu kämpfen hat, vor allem die Eltern. Aber ich bin auch noch nicht ganz durch mit allen Folgen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Leseratte am 04.05.2017 18:51 Report Diesen Beitrag melden

    Verstehen und Sehen

    Lest mal die Buchreihe "Mein Leben nach dem Tod" des Mediums Marija Keller zu diesem Thema. Sehr aufschlussreich und empfehlenswert!

  • Neumann am 04.05.2017 15:54 Report Diesen Beitrag melden

    Bedenklich

    Finde es bedenklich, wie immer noch mit Suizid umgegangen wird. Ein selbstbestimmtes Leben schliesst auch den Freitod mit ein!

    • Mensch am 04.05.2017 23:07 Report Diesen Beitrag melden

      Das ist ein Irrtum!

      Es GIBT kein selbstbestimmtes Leben...! Könnte der Mensch selber bestimmen, würde er NICHT den Freitod wählen, sondern er würde wählen, gar nicht in eine für ihn aussichtslose Situation zu kommen. Bedenklich ist, dass gewisse Kreise immer mehr z.B. Krankheit und Verlust als unmenschliche Dinge darzustellen versuchen, sie ausklammern möchten. Letztlich wird es soweit kommen,dass Menschen in schweren Situationen gar zum Selbstmord getrieben werden. Es gibt Herzlichkeit, Liebe und Wärme, die absolut als Alternative zum Selbstmord Kraft und Hoffnung geben können. Auch Leiden gehört zum Menschsein!

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  • Melina am 04.05.2017 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    Denk mal darüber nach

    Durch die vielen, zum Teil verständnislosen Kommentare macht sich irgendwie der Gedanke breit, dass viele Menscgen finden, dass es normal ist "gemobbt" zu werden. JEDER hat doch Mal einen blöden Kommentar über sich ergehen lassen. Was diesen Personen NICHT klar ist: nicht JEDER ist wie DU! Es gibt sehr densible seelen welche damit nicht umgehen können, welche vielleicht nur alleine gelassen werden möchten und stattdessen in den Mittelpunkt gepresst werden! Verstädnis für Menschen hat man heutzutage wenig, sobald man nicht "normal" ist... Traurig!

  • Dust1 am 04.05.2017 13:55 Report Diesen Beitrag melden

    Ziel Erreicht

    Man kann zwar alles auseinander nehmen, doch vor der Serie war ein Buch, so viel ich weiss, aber darüber wurde kaum was berichtet. Jetzt wo die Serie da ist, wird auch über das Thema Suizid gesprochen, was vorher nicht der Fall war und damit wurde sicher ein Ziel erreicht. Man muss auch bedenken, dass es vielleicht noch weitere Staffeln gibt, die auch andere Ansichten aufzeigen können. Wie man auch aus den Kommentaren entnehmen kann, sind nur schon vom Ansehen, verschiedene Blickwinkel gezeigt und auch jeder fasst diese etwas anders auf.

  • Sora am 04.05.2017 13:14 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht alles ist gold was glänzt.

    Als wäre jeder der suizidgedanken hat, gegen aussen ein totalles frack und und hat nen suizidstempel auf der stirn -.-. Ich finde es gut, dass es so gezeigt wurde, die meisten menschen mit depressionen oder psychishen krankheiten, sieht man im alltäglichen leben nichts an.