RTL wusste Bescheid

15. Januar 2018 21:13; Akt: 15.01.2018 22:16 Print

Psychisch kranker Kandidat bei «DSDS»

Mit der Behauptung, der Sohn von Tupac zu sein, sorgte er am Samstag bei «DSDS» für Stirnrunzeln und Schmunzeln. Nun wurde bekannt: Kandidat Diego leidet an einer Psychose.

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Dass Diego aus der Sicht von RTL besonders grosses Unterhaltungspotenzial aufweist, war schnell ersichtlich: Der Auftritt des 25-Jährigen bei «Deutschland sucht den Superstar» wurde am Samstag mehrfach vor Werbeblöcken angeteast. Seine ersten Aussagen im Porträt-Einspieler waren dann auch lustig. Ein Beispiel: ... ... «Ich komme aus Düsseldorf, bin Brasilianer und Argentinier und Portugiese.» «Ja was denn nun alles, Diego?», dachte man sich als Zuschauer und vermutete einen Poser, den der Sender mit Handkuss vor die Kamera lässt – oder gar einen Schauspieler dafür engagiert hat, entsprechende Fake-Gerüchte bei Formaten wie diesen reissen nicht ab. Der Düsseldorfer gab weitere Einblicke in sein Leben: «Ich bin Vegetarier. Und ... ... Veganer.» «Designer bin ich auch. Meine Kollektion kommt bald raus.» «Ich habe einen Tiger-Pelzmantel, einen echten. Er kostet zwei Millionen Euro. Aber ich habe nur fünf Euro dafür bezahlt. Da hatte ich halt Glück gehabt.» Ausserdem ... ... tanze er auch. «Ich habe die süddeutsche Meisterschaft im Tanzen gewonnen, dann die deutsche Meisterschaft.» Und: «Was mich auszeichnet: Ich bin straight, ich bin hetero, ich liebe Pussys.» Spätestens nach dieser Aussage wurde man stutzig und fragte sich: Was ist mit dem jungen Mann los? Auf die Frage nach seiner Herkunft antwortete Diego später vor der Jury: «Ich wurde gekidnappt. Von der Mafia. In Brasilien. Die haben mich nach Deutschland gebracht. Ich muss halt weg von hier, nach Amerika. Nach L.A. Ganz Amerika kennt mich, weil ich gekidnappt wurde.» Er schien jedes Wort ernst zu meinen. Dann das Unglaubliche: «Ich seh halt auch aus wie Tupac», so der 25-Jährige, «das ist halt mein Vater.» RTL schlachtete die Äusserungen aus, zeigte Einspieler mit gephotoshopten Boulevard-Titelseiten. Das Pikante daran: Gemäss Bild.de wusste der Sender, dass Diego an einer Psychose leidet und seit mehreren Jahren in Behandlung ist. Ihn trotzdem auftreten zu lassen, ist das eine (RTL argumentiert mit dem «Recht auf Selbstbestimmung»), sich aber ... ... offensichtlich über ihn lustig zu machen, etwas ganz anderes. Ähnlich wild wie beim Erzählen über sich selbst war Diego dann auch bei seinem Auftritt. Er hüpfte gar ... ... aufs Jurypult, beschädigte es dabei und machte anschliessend einen Rückwärtssalto zurück aufs Parkett. Mousse T. (51) kaufte ihm die Performance nicht ab (wollte aber noch schnell ein Selfie mit «dem Sohn von Tupac» schiessen), die anderen drei Juroren ... ... aber waren angetan von der Energie des 25-Jährigen und gaben ihm ein Ja. Jury-Oberhaupt Dieter Bohlen (63) begründete: «Dem Sohn von Tupac würde ich nie ein Nein geben.» Und so sicherte sich Diego aus Düsseldorf einen der begehrten Recall-Zettel. Ob RTL in kommenden Sendungen rücksichtsvoller mit ihm und seiner Psychose umgehen wird?

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Schon bevor Kandidat Diego in der «Deutschland sucht den Superstar»-Folge vom Samstag vor die Jury tritt, steht fest: Der 25-Jährige Düsseldorfer ist speziell. Im Porträt-Einspieler behauptet er, Brasilianer, Argentinier und Portugiese zu sein, die deutsche Meisterschaft im Tanzen gewonnen zu haben, Vegetarier und (!) Veganer zu sein und einen zwei Millionen Euro teuren Tiger-Pelzmantel für nur fünf Euro erstanden zu haben.

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Diego beim Plaudern mit der Jury und mit seiner Performance von «Rake It Up» von Yo Gotti und Nicki Minaj. (Quelle: Youtube/Deutschland sucht den Superstar)

Im Gespräch mit der Jury legt Diego noch eine Schippe drauf: Er sei in Amerika von der Mafia nach Deutschland verschleppt worden. Und er sei der Sohn des 1996 erschossenen Rappers Tupac (†25). Mit kleinen Einspielern nach diesen Enthüllungen macht sich «DSDS» über den Kandidaten lustig. Der Exzentriker kommt eine Runde weiter und Jury-Präsident Dieter Bohlen begründet: «Es muss ja nicht alles immer Mainstream sein.» Es dürfe auch mal ein Typ sein, der «ein bisschen verrückt» ist.

Diego wird seit zwei Jahren behandelt

Damit trifft der 63-Jährige den Nagel wohl ungewollt auf den Kopf: Gemäss «Bild» leidet Diego an einer Psychose, angeblich ausgelöst durch Drogen. Gegenüber der Zeitung sagt er selbst: «Ich lebe in einem Wohnheim für psychisch Erkrankte. Ich bin seit vier Jahren dort.» Laut Bild.de lebt Diego allerdings erst seit zwei Jahren in dieser Einrichtung für «Menschen mit unterschiedlichem Unterstützungsbedarf» und wird dort auch behandelt.

Das Portal zitiert einen Sprecher der Einrichtung: «Diegos grösster Wunsch ist es, als Musiker und Model erfolgreich zu sein und bei ‹DSDS› teilzunehmen. Wir nehmen dieses Anliegen sehr ernst und begleiten ihn nach sorgfältiger Klärung aller damit verbundenen Fragen bei der Teilnahme.»

RTL: «Bei ‹DSDS› kann jeder mitmachen»

Die Meinungen der Facebook-User gehen bei diesem Thema auseinander. «Unmöglich von der Produktionsfirma und noch schlimmer, wenn Betreuer das auch noch zulassen», schreibt einer unter den Post der «Bild». Eine andere Nutzerin findet: «Das ist doch alles inszeniert. Das glaubt doch keiner.» Und eine dritte Userin postet: «Solange er kein Mörder oder Kinderschänder ist – warum sollte er nicht mitmachen dürfen? Seine Betreuer sind doch dabei.»

In Richtung der letzten Meinung geht auch das Statement von RTL. «Warum sollten wir jemandem das Recht auf Selbstbestimmung nehmen und ihm den Auftritt verbieten?», wird Sender-Sprecherin Anke Eickmeyer von Bild.de zitiert, «bei ‹DSDS› kann jeder mitmachen, egal wie er aussieht, ungeachtet des sozialen Hintergrunds, der kulturellen oder religiösen Wurzeln und unabhängig von körperlichen oder sonstigen Einschränkungen.»

Wie sieht es bei SRF und bei 3+ aus?

Ähnlich wird bei SRF – früher beispielsweise bei «The Voice of Switzerland» oder «Die grössten Schweizer Talente» – ans Casting-Verfahren herangegangen. «Generell ist bei SRF jeder Bewerber willkommen», sagt Sprecherin Lorena Sauter auf Anfrage von 20 Minuten, «SRF ist es aber ein grosses Anliegen, Kandidaten nicht blosszustellen. Wenn der Eindruck entsteht, dass der Auftritt für eine Person nicht zumutbar ist, würden wir zusammen mit ihr und allfälligen Beiständen nach der bestmöglichen Lösung suchen.»

3+ («Der Bachelor», «Bauer, ledig, sucht ...» und früher «Supermodel») gewährt via Statement mehr Einblick: «In der ersten Runde müssen die Kandidaten in einem Fragebogen detailliert zu ihrer Gesundheit Auskunft geben. Leute mit psychischen Erkrankungen werden nicht weiter eingeladen. Ab der zweiten Runde werden die Kandidatinnen und Kandidaten, die ernsthaft für Sendungen in Frage kommen, zum Vorsprechen und Videocasting eingeladen und dabei auch psychologisch beurteilt.»

(shy)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schreiberling am 15.01.2018 22:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zurschaustellung

    Sie wussten, dass der Typ psychisch krank ist und liessen ihn derart zur Schau stellen.. Sie gaben ihn zur Lächerlichkeit Preis.. ich finde das geht gar nicht...

  • Tiim am 15.01.2018 21:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein bisschen weniger Ausschlachten...

    Ich finde es generell gut, dass RTL ihn auftreten lassen hat. Aber, wie aus seiner Krankheit eine Story gemacht wurde, ist einfach nur beschämend.

  • Paescu22 am 15.01.2018 22:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wen wundert's

    haupsache quoten wie ist egal!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Bobby Singer am 16.01.2018 11:59 Report Diesen Beitrag melden

    Ich frag mich jedes Jahr,

    woher RTL das Budget nimmt, um so ein ausgelutschtes Format immer wieder durch zu ziehen? Ging ja vor Jahren schon das Gerücht um, die Sendung werde abgesetzt. Mein, wer schaut sich schon so einen Schrott an?

  • Hämmy am 16.01.2018 06:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch ist

    Es kann jeder mit machen egal wie er aussiet ect. aber die Jury macht eben auch alle fertig die nicht perfekt aussehen und das ist tragisch mann kann auch normal jemandem sagen du kanst nicht singen und nicht beleidigen..

  • east/west am 16.01.2018 06:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    tupac in love

    Was ist daran so schlimm? Die Leute glauben ja auch jeden Mist, den sie hören. Ich fand ihn Symphatisch?

  • SixPack am 16.01.2018 06:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Macht doch nichts

    Na und...!? Andere Personen mit Psychose machen noch bei viel grösseren Chastings mit und gewinnen. Z.B. die Präsidentschaft in den USA... :-)

    • stächmüggli am 16.01.2018 12:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @SixPack

      sie meinen wohl... nixon u. ähnliche sowie der jetzige?

    einklappen einklappen
  • kleiner Anstoss am 16.01.2018 06:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    In der Umgrage fehlt: Wir konsumieren keine Privatsender.