Eine Casterin packt aus

10. August 2011 17:31; Akt: 29.12.2011 12:58 Print

Wie das TV seine Ekel-Kandidaten rekrutiert

RTL sucht Schwiegertöchter, Sat. 1 ist «Schwer verliebt» und RTL 2 rückt Depressiven auf die Pelle. Wo die Sender ihre verlorenen Existenzen auftreiben? Das verrät eine Ex-Casterin.

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Mariam ist 47 Jahre alt, trägt einen Bart, ist hellsichtig und einsam. Und damit die perfekte Kandidatin für «Schwer verliebt». Die Kuppel-Show auf Sat. 1 will schwer vermittelbare Singles an den Mann und die Frau bringen – und entführt den Zuschauer damit auf eine Reise an den Rand der Gesellschaft.

Dramatische Schicksale gesucht

Das Verlangen nach dramatischen Schicksalen, absurden Geschichten und unglaublichen Menschen ist riesig. Shows wie «Schwiegertochter gesucht», «Mietpreller» oder «Die Super-Nanny» boomen. Manch einer fragt sich: Welcher Teufel reitet da bloss die Kandidaten? Die Antwort ist simpel: kein Teufel. Nur knallharte Caster. Die entlocken verlorenen Existenzen auch ihr letztes Geheimnis.

«Süddeutsche.de» sprach mit einer Aussteigerin aus dem zuweilen menschenverachtenden Casting-Geschäft mit den ganz grossen Gefühlen. Sie nennt sich Kathrin Sand. Sie möchte nicht erkannt werden, hat Angst vor ihrem ehemaligen Arbeitgeber. Der kommt beim Interview nicht gut weg. Sand erinnert sich an fünf Monate harte Arbeit in einer Castingagentur: «Kollegen haben oft geweint, ich auch», sagt sie im Interview. «Auf Intimsphäre wurde zu keiner Zeit Rücksicht genommen», so Sand. Der Bewerber hat sich den Fernseh-Kameras, die später die Überreste seines Lebens abfilmen, schliesslich freiwillig zur Verfügung gestellt.

Gefilzt bis ins tiefste Innerste

Schon bei der ersten Anmeldung kehrt der mögliche künftige TV-Star sein Innerstes nach aussen. Angaben über Krankheiten, schlimme Erfahrungen oder Todesfälle, die in der Show mit trauriger Musik hübsch in Szene gesetzt werden, gehören da zum Standard. Bietet der Kandidat genügend Zunder, kommt er eine Bewerbungsrunde weiter. Das ist der einfache Weg: Die Menschen antworten auf einen Aufruf im Fernsehen oder im Internet.

Doch es geht auch härter, weiss Kathrin Sand. Liefern sich nicht genug Menschen freiwillig aus, greifen die geschickten Caster zum Telefon, rufen in Dörfern an, bitten Bürgermeister um Tipps oder machen den Dorfmetzger zum Spion dramatischer Schicksale. «Wir mussten aus Leuten, die ganz arm dran waren, alles rauskitzeln», verrät Sand. Gefiel der Geschäftsleitung ein Kandidat, gab es kein Zurück: «Es hiess, die haben kein Interesse und wurden trotzdem wieder und wieder angerufen.» Wer einknickt, hat das Nachsehen. Und ist wahrscheinlich längst mit einem Vertrag «dazu geknechtet» worden, behauptet die Ex-Casterin.

Sands «krassester Fall»

Die Geschichte einer gutbürgerlichen Familie war ihr «krassester Fall». Eine Mutter bewarb sich für eine Renovations-Show. Ihr Schicksal ist tragisch: Der Ehemann hat sich auf dem Estrich erhängt, die Tochter sah dabei zu, lebt mittlerweile in der Psychiatrie, sie hat das Trauma nicht überwunden. Die Geschichte ist tragisch, das Schicksal der Familie grausam. Und doch qualifizierte sich die verzweifelte Hausfrau nicht. Der Grund: «Nicht asozial genug.»

Im Rennen um einen Platz in einer Assi-TV-Show siegt nur, wer jenseits der Norm vor sich hin dümpelt. Schliesslich soll der Zuschauer sich ja noch über ihn oder sie lustig machen können. Für die Sender sind ihre Shows aber keineswegs menschenverachtend. Sie kommen gerne mit diesem eleganten Argument: Die Leute stellen sich freiwillig für die Dreharbeiten zur Verfügung. Oder wie es Sands ehemalige Chefin formuliert: «Man muss es mit schwarzem Humor sehen.»

(bbe)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jamc am 10.08.2011 19:35 Report Diesen Beitrag melden

    Humor ?

    Was soll denn daran bitte "lustig" sein ? *Mitleid* ist, glaube ich, eher was die Zuschauer bewegt. Voyeurs sind wir eh schon (fast) alle.

  • Sandra Studer am 24.08.2011 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    lieber arbeiten

    So ist es, wer noch irgendetwas auf die Reihe kriegt, bekommt nichts. Also nix wie "abstürzen".

  • Ali Baba am 10.08.2011 19:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Why not?

    Also in gewissen Sendeformaten gibts ja auch ein neu renoviertes Haus als "belohnung".... Für 45 Minuten Seelenstriptease kein schlechter Lohn!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sandra Studer am 24.08.2011 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    lieber arbeiten

    So ist es, wer noch irgendetwas auf die Reihe kriegt, bekommt nichts. Also nix wie "abstürzen".

  • rumpelstizli am 19.08.2011 14:36 Report Diesen Beitrag melden

    nicht gleich ganz gegen tv, bitte.

    ich schaue gerne renovationssendungen. aber nicht, um mich über die familien lustig zu machen, sondern um mir schöne häuser anzusehen :) und dazu: a. sie melden sich tatsächlich freiwillig b: es gibt leute, die das tatsächlich cool finden. wo nachfrage ist, da ist auch angebot.

    • nicht wie DU am 27.08.2011 02:46 Report Diesen Beitrag melden

      wat solls

      Es gibt so viel anderes zu tun als "Renovationssendungen" (wiso heissen die nicht Renovierungssendungen?) anzugucken. Bücher lesen, in der Umwelt (seis Stadt oder Land) spazieren und sich der noch halbwegs heilen natur erfreuen, ect, pp.

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  • Marie van Santen am 19.08.2011 13:06 Report Diesen Beitrag melden

    Extrem schön

    Ich sehe mir von jedem noch so blöden Mist 1-2 Sendungen an, einfach damit ich weiss, wovon man spricht. Aber bis jetzt habe ich noch keine gefunden, die ich nicht stupid finde. Was ich aber unter jeder Gürtellinie finde ist "Extrem schön". Hier verstehe ich die Kandidaten noch am besten, denn plastische Chirurgie und neue Kleider und Kuren zum Gewicht verlieren kosten viel Geld. Den Körper kann man nicht einfach wechseln wie eine Wohnung. Wohl deshalb klammern sich entstellte Menschen an diese Sendung. Die sind einfach menschenverachtend!

  • Marco, 17 am 14.08.2011 19:16 Report Diesen Beitrag melden

    Ich schaue kaum noch TV

    Ich weiss nicht, was man an solchen Sendungen findet, nebst all den Werbungen, die eingeblendet werden. Deshalb schaue ich nur noch in Ausnahmefällen fern, DVD's sind was anderes. Ausserdem sind Sendungen nicht selten gestellt.

  • ichman am 12.08.2011 15:56 Report Diesen Beitrag melden

    jaja

    "Nicht asozial genug" Es geht darum den Hartz 4 Empfänger als fauls asozial dumm und Überfordert zu klischéisieren.Dabei gibt es eben Traurige Schicksale in unserer harten Gesellschaft,die gabs schon immer.Vorallem eine Stadt wie Berlin z.B.lässt nicht nur verlorene Seelen im Stich sondern ganze verlorene Quartiere.Schuld ist der mangelhafte Sozialstaat.Man zeigt keinerlei Mitleid, sondern tritt nochmals auf die Untersten drauf. Stellt sie zur Schau. Als Abschreckung damit sich die anderen Brav knechten lassen und Unterhaltung (=Quote=Profit.A la:haha der Bergwerksarbeiter hat ein Assi Kind.