Russische Guerilla Art

07. April 2012 14:00; Akt: 07.04.2012 14:00 Print

Der Sprayer, der kein Banksy sein will

von Simone Kubli - P183 verachtet den Kreml und liebt den Protest. Der Street-Art-Künstler aus Moskau will mit Spraydose, Molotow-Cocktail und Videokamera die russische Gesellschaft verändern.

«Brücken-Brandstifter» (YouTube/pav183)
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Die Guerilla-Aktion heisst «Brücken-Brandstifter»: Auf einen Brückenpfeiler in Moskau wird ein Vermummter an die Wand gesprayt. In der rechten Hand eine Fackel. Damit diese brennt, wirft ein ebenfalls Vermummter nachts eine mit Benzin gefüllte Flasche an die Wand. Gesprüht und inszeniert hat dies P183 (siehe Video oben). Oder doch Banksy?

Diesen Vergleich hasst P183. Seit ihn der britische «The Guardian» im vergangenen Februar zum russischen Banksy erkoren hat, ist der Sprayer und Strassenkünstler aus Moskau bei Journalisten aus Europa und den USA gefragt. Der Vergleich mit Banksy, dem kultigen Graffiti-Künstler aus Bristol, brachte dem 28-Jährigen medialen Ruhm.

Doch den will P183, der mit richtigem Namen Pavel heisst, gar nicht. Er wolle nicht berühmt werden. Er versuche schon gar nicht, Banksy zu imitieren, sagt der Moskauer gegenüber dem «Guardian». Er verstehe, dass seine Graffitis jenen von Banksy ähneln. Doch der Sprayer aus Grossbritannien, dessen Street Art mittlerweile für Hunderttausende Euros versteigert werden, sei keine Inspiration für ihn. Überhaupt: In Moskau gebe es schon lange Street Art, lange bevor Banksy berühmt wurde. «Bei uns wird solche Kunst nur wahrgenommen, wenn es im Westen schon etwas Vergleichbares gibt», kritisiert er die mitteleuropäische Kunstrezeption in der «Süddeutschen Zeitung».

P183 Guerilla Art:

Dekadentes Russland

Trotzdem lassen sich Parallelen im Werk und Leben von Banksy und P183 erkennen. Das Spiel mit der Anonymität, zum Beispiel. Wie Banksy, dessen Existenz sogar von einigen angezweifelt wird, zeigt sich P183 nie öffentlich. Stets trägt er eine Sturmmütze, bleibt so anonym. Sein Gesicht müsse man nicht kennen, nur seine Message müsse man sehen.

Und die ist politisch. Anstatt einer Spraydose würde P183 auch einen Molotow-Cocktail in die Hand nehmen und diesen gegen das russische Establishment werfen. Oder eben gegen eine Moskauer Brücke. Die Anti-Putin-Proteste vor den Wahlen im März seien seit Jahren das Beste für Russland gewesen. Es sei die Geburt einer zivilisierten Gesellschaft, meinte er euphorisch in «Le Temps», um dann im «Guardian» über die Russen herzuziehen. Die Leute seien engstirnig, dekadent und Geld sei zu wichtig geworden.

Idole der Sowjetzeit

P183 will kein Geld mit seiner Guerilla Art verdienen. Er fotografiert seine Werke, um sie im Internet zu veröffentlichen und um sie vor seinen grössten Feinden, der Polizei und der Putzequippe, zu schützen. Putzfrauen hielt er per Video fest (siehe unten), als er zum 20. Jahrestag des Moskauer Augustputsches Sticker von Sowjetpolizisten auf die Eingangstüren einer Moskauer Metrostation klebte. Wer raus wollte, musste die Sowjetbeamten anrempeln. P183 filmte die Reaktionen der Passanten, inklusive die Putzfrauen, die die Kleber wieder wegrissen.

Überhaupt – die Sowjetunion. P183 hat eine ambivalente Beziehung zu ihr. Pavel ist am Scheideweg zweier Äras geboren. Eigentlich fühle er sich wohler in der sowjetischen Vergangenheit, gestand er in «Le Temps». Schliesslich habe ihn ein Idol aus der Perestroikazeit zum Zeichnen gebracht. Als er mit 14 Jahren in einem Moskauer Hinterhof vor der Wand stand, wo Fans die Rocklegende Wiktor Zoi (mit seiner Band «Kino») ehrten, war das für ihn das Schlüsselerlebnis. Zoi wurde während der Perestroika von der Jugend verehrt. Doch Zoi war gegen das Establishment. In seinem wohl bekanntesten Lied sang Zoi in den 80er Jahren über Veränderungen: «Veränderungen! fordern unsere Herzen. Veränderungen! fordern unsere Augen. In unserem Lachen, in unseren Tränen und im Puls der Adern: Veränderungen! Wir erwarten Veränderungen!»

Genau das will P183 auch im Jahr 2012 für Russland – mehr denn je.


Video: Wiktor Zois letztes Konzert vor seinem Tod, August 1990, «Wir wollen Veränderungen» (Хочу перемен) (YouTube)


Video: P183 im Atelier und unterwegs (YouTube)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • maria am 07.04.2012 14:30 Report Diesen Beitrag melden

    COOL

    Toll seine Arbeit!!! Was für ein begabter Mann. Seine Graffitis sind wirklich schön und toll gemalt, was man nicht von allen behaupten kann!

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  • malena am 07.04.2012 21:18 Report Diesen Beitrag melden

    wer kann russisch???

    kann jemand russisch und den text beim letzten film übersetzen? wäre interessant zu wissen, was er bei den bildern hingeschrieben hat...

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  • Nose am 07.04.2012 21:05 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz grosse Kunst..

    Das ist Kunst für das Volk und vom Volk.... Grossartige Sache.....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • malena am 07.04.2012 21:18 Report Diesen Beitrag melden

    wer kann russisch???

    kann jemand russisch und den text beim letzten film übersetzen? wäre interessant zu wissen, was er bei den bildern hingeschrieben hat...

    • puschkin am 08.04.2012 14:20 Report Diesen Beitrag melden

      protest

      bei puschkin bild links heisst: gebt ein bisschen brot einem heute nicht mehr geschätzten dichter, bei mozart (?) gebt ein bisschen brot einem heute nicht mehr geschätzten musiker und beim letzten bild (sokrates, platon?) gebt ein bisschen brot einem heute nicht mehr geschätzten philosophen. der text spricht der russische rockstar juri schewtschuk der band ddt. es heisst samstag. den text versteh ich nicht gut.

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  • Nose am 07.04.2012 21:05 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz grosse Kunst..

    Das ist Kunst für das Volk und vom Volk.... Grossartige Sache.....

    • Patrick Steward am 09.04.2012 14:01 Report Diesen Beitrag melden

      Super

      Allerdings. Mal nicht ein " scheiss-die-Leinwand-an-Kunstwerk" für 10 Mio Dollar, aber eine notwenige, konstruktive und kreative Kunst, die zu denken und schmunzeln gibt.

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  • maria am 07.04.2012 14:30 Report Diesen Beitrag melden

    COOL

    Toll seine Arbeit!!! Was für ein begabter Mann. Seine Graffitis sind wirklich schön und toll gemalt, was man nicht von allen behaupten kann!

    • Gleiches Recht für Alle am 07.04.2012 15:48 Report Diesen Beitrag melden

      Eigene Wohnung zu Hause versprayen!

      Zur Rechtslage. Hat der Mann die Besitzer des Geschäftes gefragt ob er das machen darf.? Auf Autobahnen ect in der Schweiz muss man die ASTRA oder die Polizei fragen ob man eine Betonwand legal anmalen darf. Sollte es der Bundesrat merken, dass Er es illegal gemacht hat, muss der Sprayer es auf seine eigenen Kosten oder selber wegputzen. Die Appenzeller Hirtenbilder gefallen mir besser auf den Betonwänden. Leider fragen Passanten am Tag oder in der Nacht nicht, ob sie es legal machen undSie müssten Ihren Ausweis oder schriftliche Bewilligung der Polizei freiwillig vorweisen.

    • Manuel Bachter am 07.04.2012 15:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Immer dieses Recht...

      Lass ihn doch, er macht das schon gut

    • Lisa am 08.04.2012 00:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Legal? Egal!

      Es kommt doch nicht drauf an ob es legal ist oder nicht. Er hat eine meinung und die bringt er durch seine aktionen zum ausdruck. Wir sollten uns eine scheibe von ihm abschneiden!

    • anonym am 08.04.2012 02:07 Report Diesen Beitrag melden

      fratello-sprayer

      da kennt sich wohl jemand nicht in der szene aus, es sind nicht nur die schönen malereien die entstehen. die tatsache dass es illegal ist, macht es erst recht so interessant, etwas das ausserhalb ihres systems steht, sir! go p183 :)

    • Rossen Fnurz am 08.04.2012 02:31 Report Diesen Beitrag melden

      Toll!

      Da hat er aber noch mal Glück gehabt, macht er seine Street Art nicht in der Schweiz... ;-)

    • Gino Peppino am 10.04.2012 09:54 Report Diesen Beitrag melden

      Yeah!

      Das ist mal Kunst! Finde es genial was er macht, und wie er das macht...Legal hin oder her...es soll zum nachdenken anregen, und das ist genau der Punkt! Weiter so!

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