Briefkastenfirma in Lugano

10. Juni 2018 21:26; Akt: 10.06.2018 21:26 Print

Schweizer Bank führte Konto von Jihadist

Ein Jihadist gründet im Tessin eine Firma und nutzt die Dienste einer Schweizer Klinik. Geholfen hat ihm ein bekannter Anwalt und ein als gefährlich geltender Libyer.

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Ein Anwalt aus Lugano soll dem libyschen Jihadisten Qais Ben Hamid geholfen haben, im Jahr 2014 eine Schweizer Briefkastenfirma zu gründen. Das Konto der Firma wurde bei einer Schweizer Bank geführt. Das berichtet die «SonntagsZeitung».

Qais Ben Hamid war laut dem Bericht der stellvertretende Kommandeur einer Miliz, die unter der Flagge der Terrororganisation al-Qaida kämpfte. Das Innenministerium von Italien bezeichnet ihn als «Hauptfigur der libyschen Jihadisten».

Deal in Lugano

Der Anwalt, der Qais seine Firma gegründet haben soll, ist der 70-jährige Brenno Brunoni, ehemaliger Präsident des Schweizerischen Anwaltsverbands. Seine Kanzlei hat ihren Sitz in Lugano. Dort errichteten Qais, sein Vater und ein weiterer Libyer namens F. die Briefkastenfirma.

Involviert soll auch die Migros Bank gewesen sein – dort wurde offenbar das Konto mit einem Aktienkapital von 100'000 Franken für die Briefkastenfirma eröffnet. Als Mehrheitsaktionär hatte Qais Zugriff auf das Konto.

Bank und Anwalt schweigen

Die Migros-Bank äussert sich nur sehr vage zum Fall. Zur «SonntagsZeitung» sagt sie, man prüfe alle Geschäftsbeziehungen vor der Eröffnung nach den gesetzlichen und regulatorischen Erfordernissen und überwache eröffnete Geschäftsbeziehungen gemäss den bestehenden gesetzlichen und regulatorischen Vorgaben.

Anwalt Brunoni will nichts zum Fall sagen – er beruft sich auf das «rigorose Berufsgeheimnis» seines Standes. So könne er sich zur besagten Firma nicht äussern. Sie befindet sich seit Februar 2018 in Liquidation.

Behandlungen in Schweizer Spitälern

Quais machte sich nicht nur die Dienste von Schweizer Finanzdienstleistern zunutze, sondern auch von Schweizer Spitälern. Er sorgte laut dem Bericht dafür, dass seine Eltern in der Westschweizer Nobelklinik Genolier behandelt wurden. Geholfen hat im dabei der Libyer F., der ebenfalls hinter der Luganeser Briefkastenfirma steckte.

F.s Dienste haben offenbar System. Er soll regelmässig libysche Staatsbürger an Schweizer Spitäler vermitteln, entweder an Genolier oder an Hirslanden. F. steht im Visier des italienischen Geheimdiensts; er bezeichnet ihn als «möglicherweise gefährlich».

Umstrittene Krankenkasse

Heikel ist laut der «SonntagsZeitung» vor allem, woher das Geld zur Behandlung der lybischen Patienten kam. F. sagte, die Behandlungen würden normalerweise von einer Krankenkasse mit Sitz in der libyschen Hauptstadt Tripolis bezahlt.

Pikant: Die Krankenkasse steht in Libyen auf einer Liste terroristischer Organisationen. Der Vorwurf: Sie soll Jihadisten versorgen und den Terrorismus unterstützen. Die Versicherung weist diese Vorwürfe zurück.

Kliniken halten sich bedeckt

Die Klinik Genolier hält sich bedeckt und gibt keine Auskunft zu einer etwaigen Behandlung von Qais’ Eltern oder einer Zusammenarbeit mit F.

Die Privatklinikgruppe Hirslanden gibt zu Protokoll, F.s Firma habe bis 2016 Patienten für sie vermittelt und teils Vorauszahlungen geleistet. Man habe «weder die Pflicht noch die Möglichkeiten», die Visa von Patienten zu kontrollieren. Dafür seien die Behörden zuständig.

(vb)