Volksmeinung gefestigt

18. Dezember 2012 17:33; Akt: 18.12.2012 17:35 Print

Abzocker-Initiative ist fast nicht mehr zu bremsen

von Simon Hehli - Drei Viertel des Stimmvolks stehen hinter der Minder-Initiative – und das seit Jahren. Die Nein-Kampagne von Wirtschaft, Bundesrat und Mitteparteien wird es schwer haben.

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Thomas Minder hat eine breite politische Phalanx gegen sich - dafür einen grossen Teil des Volkes hinter sich. (Bild: Keystone/Peter Schneider)

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Thomas Minder weht ein rauer Wind ins Gesicht: Nach den Mitteparteien hat sich am Mittwoch nun auch der Bundesrat gegen seine Abzocker-Initiative positioniert – ausgerechnet mit SP-Justizministerin Simonetta Sommaruga als Galionsfigur. Abgestimmt wird am 3. März.

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Nicht nur die Nein-Phalanx dürfte den Schaffhauser Einzelkämpfer das Fürchten lehren, sondern auch eine Zahl: 8'000'000. So viel Geld will der Wirtschaftsverband Economiesuisse in den Abstimmungskampf stecken, um die aus seiner Sicht schädliche Initiative zu versenken.

Doch es gibt auch eine Zahl, die Minder Mut machen sollte: 77. So hoch war laut einer Umfrage von Economiesuisse im Mai die Zustimmung zur Abzockerinitiative. Neuere Studien liegen zwar nicht vor – doch die Abstimmung bei 20 Minuten Online deutet auf die ungebrochene Attraktivität der Vorlage hin: 72 Prozent der Leser wollten sie annehmen, bloss 19 Prozent ablehnen. Bei einer weiteren Umfrage im September zeigte sich, dass Minder auf den Zeitgeist zählen kann: Drei Viertel sind für eine Lohn-Obergrenze – eine Forderung, die über die Abzocker-Initiative hinausgeht.

Meinungsumschwung wenig wahrscheinlich

Es ist eine alte Politologenweisheit, dass die Unterstützung für Initiativen zusammenschmilzt wie Glacé an der Sonne, sobald die Gegner mobil machen. Beispiele für verheissungsvoll gestartete Volksbegehren, die am Schluss Schiffbruch erlitten, gibt es in letzter Zeit genug. Doch keine von ihnen lag Wochen vor der Abstimmung so deutlich vorne wie die zurzeit Minders Vorlage (siehe Box).

Lukas Golder vom Meinungsforschungsinstitut gfs, das im Februar die erste Trendumfrage vorlegen wird, mag zwar keine Prognose wagen. Ob die Nein-Kampagne greift, werde sich erst nach den Weihnachtsferien zeigen. Doch er macht Minders Gegner wenig Hoffnung: «Wenn eine Initiative ein Thema aufgreift, das den Leuten schon länger unten den Nägeln brennt, ist ein Meinungsumschwung wenig wahrscheinlich: Die Haltungen sind dann über Jahre hinweg gefestigt worden.»

Bei der Abzocker-Initiative sind die Mehrheitsverhältnisse tatsächlich stabil: Bereits im Mai 2009 sprachen sich 75 Prozent dafür aus und nur 9 Prozent dagegen. Ist ein Thema schon so lange auf der politischen Agenda, müsse in den Augen den Stimmbürgern eine Lösung her, erklärt Golder – «selbst wenn sie diese als nicht perfekt betrachten».

Linke und Rechte an Minders Seite

Abstimmungs-Forscher Thomas Milic von der Uni Zürich sagt, der Bundesrat, die Bürgerlichen und Economiesuisse könnten die Stimmung im Volk höchstens mit einem gewaltigen Kraftakt drehen. Den verhältnismässig frühen Kampagnenstart – mehr als 10 Wochen vor der Abstimmung – sowie die grossen Investitionen der Gegner deutet er als klares Zeichen: «Sie haben grosse Angst, dass die Initiative angenommen werden könnte.»

Milic glaubt, Minder komme zugute, dass es sich nicht wie bei der Steuergerechtigkeitsinitiative um ein klassisches Links-gegen-Rechts-Thema handle – sondern um eines unten gegen oben: «Auch wenn Blocher nun gegen die Initiative ist, geniesst diese bei der SVP-Wählerschaft grosse Sympathien.» Von der linken Basis erwartet der Politologe eine klares Ja, während die Skepsis bei den Mittewählern am grössten sein dürfte.

Ja, um ein Zeichen zu setzen

Minders Opponenten argumentieren, mit dem indirekten Gegenvorschlag liege eine Lösung vor, welche die wichtigsten Anliegen der Initiative aufnehme und zudem schneller umgesetzt werden könne.

Doch laut Milic haben die Stimmbürger mittlerweile eine dunkle Ahnung, dass radikale Initiativen in der parlamentarischen Nachbearbeitung sowieso noch abgeschliffen werden. So wie das bei der Alpen-, der Verwahrungs- oder der Ausschaffungsinitiative passiert ist. «Wegen diesem Gefühl sagen viele Leute auch dann Ja zu einer Initiative, wenn sie nicht restlos von deren Inhalt überzeugt sind – einfach, um ein Zeichen zu setzen.»

Hoffnung auf ein Nein der Stände

Schafft Minder das Volks-Ja, ist für die Wirtschaft noch nicht alles verloren: Damit eine Initiative durchkommt, braucht sie auch das Ständemehr. Es könnte deshalb für Economiesuisse eine lohnende Strategie zu sein, bei der Kampagne auf «Swingcantons» zu setzen, wie Milic in Anlehnung an die US-Wahlen sagt. Er denkt dabei an die konservativen Innerschweizer Stände, die traditionellerweise Initiativen ablehnten. «Wir werden die Entwicklung in den Kantonen sicher genau anschauen», sagt Economiesuisse-Kampagnenleiterin Ursula Fraefel.

Sollte tatsächlich das Ständemehr den Ausschlag geben, wäre das jedoch eine grosse Ausnahme: In der Geschichte des Bundesstaates scheiterten erst zwei Initiativen am Ständemehr: eine 1866 für die Festsetzung von Mass und Gewicht und eine 1955 für besseren Mieter- und Konsumentenschutz.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Nimo am 18.12.2012 18:16 Report Diesen Beitrag melden

    Verwässerung

    tja das Parlament ist selber schuld indem sie das ganze System unterwandert haben und Initiativen nicht wie gedacht umsetzen..durch das wird es in Zukunft wohl noch viele "Zeichen setzen" entscheide geben, bis irgendwann unsere direkte Demokratie keinen Deut mehr Wert ist und sich die Bürger sowieso nicht mehr Ernst genommen fühlen

  • L.B. am 18.12.2012 18:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht Manager ohne Neid...

    Die Leute haben doch keine Ahnung von was sie reden. Warum möchte man jetzt die Boni der Manager kürzen ? Was für einen Grund gibt es dafür ? Ich meine die Manager sind nicht die Unternehmensinhaber, zumindest nicht die Bosse, möglicherweise Aktionäre und somit Angestellte ! Sind sie nicht der Meinung, dass Leute die schlecht arbeiten eher gefeuert werden würden, anstatt zusätzliche Vergütungen zu erhalten ? Es ist eine Globale Wirtschaftskrise, zu behaupten, alle Manager auf der Welt hätten mies gearbeitet ist einfach nur blankes Unwissen der Materie.

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  • Luegisland am 18.12.2012 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    Politiker profitieren!

    und sind deshalb für den Gegenvorschlag: Viele Politiker sitzen halt (die einen früher, die anderen später) in Verwaltungsräten und verdienen nicht schlecht dabei. Bei allen Abstimmungen wird halt zuerst auf's eigene Portemonnaie geschaut.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • SwissSail am 19.12.2012 10:33 Report Diesen Beitrag melden

    schallende Ohrfeige

    Nur schon für das demokratiefeindliche Verhalten von Regierung und Parlament (Verzögerung der Volksabstimmung um mehr als 5 Jahre) haben sie einschallende Ohrfeige verdient. So 70% Ja-Stimmen für die Minder-Initiative: das würde die "Glaubwürdigkeit" von Parlament und Regierung schön aufzeigen :-)

  • Marc Roth am 19.12.2012 02:14 Report Diesen Beitrag melden

    Verlgeich

    Die Forderung nach Lohngerechtigkeit ist nicht das Problem der Abzocker Initiative, hier macht die Initiative Sinn. Ebenso wie der Gegenvorschlag. Ein Dorn im Auge sind mir aber die Forderungen wie die unverhältnismässigen Gefängnisstrafen, die unserer Wirtschaft einen abschreckenden Charakter geben. Hier liegen die Vorteile klar beim Gegenvorschlag.

    • roger mafli am 19.12.2012 13:00 Report Diesen Beitrag melden

      @Anton Fischer

      Kennen Sie die Folgen ... die eine Missachtung der massiven Ablehnung dieser Lohnmodelle in der Gesellschaft nach sich ziehen. Wissen Sie, vor der französischen Revolution und der Erfindung der Guillotine wurde auch lange über Gerechtigkeit und Grenzen diskutiert. Irgend wann war dann aber Schluss, denn die Reichen und Mächtigen hatten kein Einsehen. Und ja, die Diskussion ist emotional. Beim einen Teil der Diskutierenden geht's um eine würdige Existenz ... bei Andern lediglich um die Befriedigung der eigenen Gier.

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  • Anton Fischer am 19.12.2012 02:07 Report Diesen Beitrag melden

    Folgen...?

    Ich finde es krass, wie emotional aufgeladen das Thema zu sein scheint; es verhindert eine differenzierte Meinungsbildung. Viele lassen sich von den teilweise recht simplen Argumenten der Befürworter überreden, ohne sich bewusst zu sein, welche Folgen die Initiative für den Wirtschaftsstandort Schweiz haben könnte. Schon klar, die Initiative zielt vor allem auf die hohen Positionen in der Wirtschaft, aber sobald die Wirtschaft kein günstiges Umfeld mehr bietet, werden sehr viele mehr das zu spüren bekommen.

  • Minder-JA am 19.12.2012 00:19 Report Diesen Beitrag melden

    Verdächtig

    Schon verdächtig wenn die meisten Politiker und Economiesuisse gegen die Minder-Initiative und für den, wie SIE sagen, noch besseren Gegenvorschlag sind. Ich denke, Minder's Abzocker-Initiative lässt fast keine Schlupflöcher offen und die Politiker haben bei der Umsetzung fast keinen Spielraum. Das passt denen einfach nicht! Es wird aber nicht einfach für Minder, denn Economiesuisse wird viel Geld in die Propaganda stecken, welche uns wieder einmal Angst um unsere Arbeitsplatz macht.

  • Folgerer am 18.12.2012 23:06 Report Diesen Beitrag melden

    Gegenvorschlag greift rascher

    Dafür ist die Minder-Initiative griffiger. Trödelnde Parlamentarier sollten abgewählt werden, damit die Abzocker-Initiative nicht nur griffiger ist, sondern auch rascher greifen kann.