Illy über Italien

14. November 2011 10:24; Akt: 01.12.2011 12:17 Print

«Man müsste alles auf den Kopf stellen!»«Man müsste alles auf den Kopf stellen!»

von Sabina Sturzenegger - Schuldenkrise, Reformstau, Stagnation: Mit dem italienischen Patienten geht es nicht erst seit Berlusconi abwärts. Der ehemalige Kaffee-König Francesco Illy erklärt, was sein Land nun dringend tun sollte.

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Silvio Berlusconi scheint endlich erledigt zu sein. Gibt es eine Alternative zum Cavaliere?
Der Eindruck, dass unser Premier vom Affen gebissen wurde, verstärkt sich immer mehr. Trotzdem ist momentan kein Ersatz für ihn in Sicht. Aber es gäbe viele Unternehmer, die etwas bewegen könnten, von Ferrari-Präsident Luca Cordero di Montezemolo bis zu meinem Bruder Riccardo, der Präsident der Region Friuli Venezia Giulia war.

Hätte Signor di Montezemolo denn genug Rückhalt im Land?
Italien ist seit je gespalten: auf der einen Seite jene, die sich für die Unternehmen einsetzen, auf der anderen Seite die Linken, die sich für die Arbeitnehmer engagieren. Diese Spaltung hat zu riesigen Problemen geführt, die sich in Arbeitslosigkeit und Stagnation ausdrücken. Ich glaube, dass viele linke Arbeitnehmer langsam verstehen, dass sie im gleichen Boot sitzen wie ihre Arbeitgeber. Wenn meine Einschätzung stimmt, hat Luca di Montezemolo bald einen enormen Rückhalt in ganz Italien.

Wie muss die neue italienische Regierung denn aussehen, damit die Märkte ihr wieder glauben?
Haben die Märkte je an Italien geglaubt? Italiens Regierungen waren früher genau gleich wie heute! Die Märkte haben an die «Made in Italy»-Produzenten geglaubt – und sie glauben ihnen noch immer. Gerade hat der französische Luxuskonzern LVMH die Traditionsmarke Bulgari gekauft.

Welches sind Ihrer Meinung nach die grössten Probleme Italiens?
Als Neuschweizer mit italienischem Herz sehe ich die mangelnde Arbeitsmobilität als grösstes Problem: Als Arbeitgeber kann man Angestellte fast nicht mehr entlassen. Also stellen die Unternehmer so wenig Leute ein wie möglich. Es ist ein riesiger Schwarzmarkt für Arbeit entstanden, der vom BIP nicht erfasst wird und an den Steuereinnahmen vorbeigeht. Das wiederum lässt die Kosten für legale Arbeit stark steigen.

Die schlechte Steuermoral der Italiener ist legendär. Was muss die neue Regierung tun, damit sich das bessert?
Es soll sich keiner wundern, wenn der Italiener sich selbst schont: Mit einer Steuerbelastung von 45% des BIP ist Italien weltweit der zweitteuerste Staat nach Dänemark. Schwarzarbeit ist nur halb so teuer. In Italien werden viele Produkte mit Schwarzarbeit wettbewerbsfähig gemacht. Hier müsste man meiner Meinung nach alles auf den Kopf stellen!

Sagen Sie uns wie.
«Tra il dire e il fare c’è di mezzo il mare», sagt ein Sprichwort: Zwischen dem Sagen und dem Machen liegt ein Meer. Alle möchten die Arbeitsmobilität vergrössern. Alle versprechen es. Niemand macht es. Weil die Mehrheit der Italiener Arbeitnehmer sind, wehren sie sich dagegen. Wenn nun durch ein Wunder die Mobilität gleich gross wäre wie in den USA, würden die Unternehmer wieder Arbeiter einstellen, was dem Staat mehr Einnahmen brächte und in kurzer Zeit die Steuern und Wohlfahrtskosten senken würde. In wenigen Jahren würde Italien wieder zu den wettbewerbfähigsten Ländern der Welt gehören. Ein Traum? Vielleicht. Aber irgendwann werden alle verstehen, dass man nicht weiter fallen kann als bis an den Boden. Die Einsicht könnte schneller kommen als gedacht.

Welche Probleme muss die neue Regierung sonst noch angehen?
Langfristig ist die Qualifikation der Bevölkerung ein Riesenproblem. Weil der Staat immer weniger in Bildung investiert, werden die Schulen immer schlechter. Länder wie Brasilien, die eine obligatorische Schulzeit von 17 Jahren kennen, werden Italien bald überholen. Alles liegt an der chronischen Krankheit Italiens: an seiner Unfähigkeit, sich zu erneuern und Reformen anzugehen.

Europa fürchtet vor allem Italiens Schulden. Wie schätzen Sie das Problem ein?
Der Schuldenberg wird meiner Meinung nach überschätzt. Die grossen Staatsschulden Italiens werden gemildert durch die relativ tiefen Schulden der Privathaushalte: Italiener besitzen ihre Immobilien und stehen gegenüber den USA viel weniger in der Kreide. Das Problem der Staatsschulden ist in der Finanzwelt derzeit gerade Mode, es betrifft andere Länder stärker als Italien. Wir werden uns noch daran gewöhnen müssen, dass der Staat für die Leistungen, die wir von ihm erwarten, Geld aufnehmen muss – zumindest in schlechten Zeiten.

Trotzdem wird Italien nicht darum herumkommen, seinen Schuldenberg abzubauen. Wie kann das gelingen?
Der Staat braucht Wirtschaftswachstum, das würde neue Liquidität bringen – in Italien wie auch anderswo. Das sollte eigentlich nur eine Frage der Zeit sein. Schliesslich ist die Welt noch nie so reich gewesen wie heute. Wenn die Medien endlich lernen, dass die Finanzleute noch schlimmere Lügner sind als die Politiker, dann werden sie das Rating-Theater nicht mehr unterstützen und die Wirtschaft wird wieder wachsen. So einfach ist das!

Wie kann Italien sein Wirtschaftswachstum steigern?
Ich möchte hier nicht als Besserwisser auftreten, aber Italien bietet so viel: von der Kultur des Essens über Geschichte, Landschaft, Mode und Design. Ich bin überzeugt, dass all diese Vorzüge eine Zukunft bieten. «Made in Italy» geniesst weltweit den zweithöchsten Bekanntheitsgrad als Markenname, hinter Coca-Cola.

Die italienische Autoindustrie ist im Niedergang, die Lebensmittelindustrie kämpft mit Image-Problemen – welche Branchen haben noch Zukunft?
Unsere grössten Exporteure sind die Feinmechanik und der Maschinenbau. Sie sind zuverlässig, präzis und günstig. Weiter haben auch alle typischen «Made in Italy»-Produkte Zukunft: Mode, Möbel, Design. Auch die Lebensmittelindustrie und der Weinbau haben riesiges Potenzial, vor allem in Kombination mit dem Tourismus, von Parma bis Neapel und Palermo.

Wollen die Leute heute nicht einfach immer billiger essen?
Wir erleben eine Banalisierung der Ernährung durch Grosskonzerne. Viele machen mit, andere suchen Spezialitäten – Italien hat sie. Kommt hinzu, dass die schlechte Qualität aus China und Co. immer teurer wird.

Tatsächlich?
Wir haben unsere Kaffeemaschinen-Produktion von China wieder nach Italien geholt. Die Handarbeit wird in den nächsten Jahren ein Revival erleben. Charme, Kultur und Qualität wird gegenüber der billigen Konkurrenz wieder gewinnen, weil die Preise auch in Asien anziehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir gleich viel nach China exportieren werden, wie wir heute importieren.

Was muss sich bei der Grundeinstellung der Italiener ändern, damit ihr Land wieder auf den Weg der Besserung kommt?
Lernen heisst nicht «Fernseh luege». Und wenn die Schulen immer schlechter werden, muss man sich das fehlende Wissen anderswo holen. Im Ausland wie auch in Italien gibt es Dutzende von Wirtschaftsschulen und Spezialisierungsangeboten, die dieses Manko füllen können. Wir stehen vor grossen Herausforderungen, aber wir werden sie packen, davon bin ich überzeugt.

Wir Schweizer haben ja auch einen egoistischen Bezug zum Bel Paese: Was passiert denn nun mit unserem Lieblingsferienland?
Schön wäre, wenn sich der Staat etwas weniger einmischen würde. Die Bürokratie bremst das Wachstum im Tourismus und mindert die Qualität. Aber es gibt auch positive Beispiele: den Küsten entlang, in den Regionen Umbrien und Toskana, aber auch auf Sizilien, Sardinien und in Kalabrien. Wenn das Angebot stimmt, stimmt Ende Jahr auch die Bilanz. Das sehe ich auch hier in Montalcino.

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