Schulden-Sumpf

25. Oktober 2011 11:16; Akt: 25.10.2011 11:16 Print

Die Auswege aus der Krise - und ihre Haken

von Tobias Schmidt, AP - Über die Lösung der Griechenlandkrise wird in Brüssel hektisch debattiert. Rezepte gibt es viele, doch die haben auch Risiken und Nebenwirkungen. Eine Übersicht.

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Der griechische Premier Giorgios Papandreou verlangte in Brüssel «Respekt für das, was wir tun». Griechenland nehme seine Verantwortung wahr, unter großen Schmerzen ein anderes Land zu werden. (Bild: Keystone)

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Seit Freitag ringt die Eurozone in Brüssel um den Befreiungsschlag. Mit einem Schuldenschnitt für Griechenland, Milliarden für die Banken und einem Hebel für den EFSF soll die Krise überwunden werden. Die Entscheidungen müssen am kommenden Mittwoch fallen. Im Folgenden die Probleme und Lösungsvorschläge und deren Haken.

Griechenland

Das Problem: Allen bisherigen Hilfspaketen zum Trotz klafft in Athen bis 2020 eine Finanzierungslücke von 250 Milliarden Euro. Die Wirtschaft bricht stärker ein als befürchtet, und die Reformen gehen nicht schnell genug.

Der Ausweg: Mit einem Schuldenschnitt soll Athen die Luft zur wirtschaftlichen Wiederbelebung bekommen. Es gehe Richtung 40 bis 50 Prozent, sagte der österreichische Kanzler Werner Faymann. Im Gespräch sind bis zu 60 Prozent, die Banken und Fonds abschreiben müssten. Auch die Europartner wollen Athen zusätzliche Kredite geben. Das Ziel: Der Schuldenstand der Hellenen soll in zehn Jahren von knapp 170 auf 110 bis 120 Prozent der Wirtschaftsleistung gesenkt werden.

Die Haken: Die Banken wehren sich energisch, deutlich mehr als die im Juli verabredeten 21 Prozent Abschlag zu akzeptieren. Zugleich steigt die Wut in den Euroländern. «Wir sind alle unglaublich verärgert von der Tatsache, dass wir Geld in diese Sache stecken müssen. Wir müssen sicherstellen, dass wir die idiotische Situation in Ordnung bringen», schimpfte der niederländische Regierungschef Marc Rutte am Sonntag in Brüssel. Darüber hinaus könnte ein drastischer Schuldenschnitt für die Hellenen andere Sorgenkinder, insbesondere Spanien und Italien, in grosse Not bringen, weil auch ihre Anleihen dann als gefährdet gelten würden.

Der Hebel

Das Problem: Um die Schuldenkrise einzudämmen, könnten die 440 Milliarden Euro Ausleihsumme des EFSF nicht ausreichen. Denn der Fonds soll künftig neben Kreditprogrammen Anleihen von Wackelkandidaten aufkaufen und ihnen Vorsorgekredite bereitstellen, und darüber hinaus Geld zur Bankenrettung an die Hauptstädte überweisen.

Der Ausweg: Zwei Modelle sollen kombiniert werden: Zum einen könnte der EFSF als Versicherung einspringen, indem er neue Anleihenkäufe mit 20 bis 30 Prozent gegen einen Ausfall absichert. So sollen Investoren angelockt werden, um auch Papiere von hoch verschuldeten Ländern zu kaufen. Mit den verbleibenden EFSF-Mitteln könnten Anleihen im Volumen von mehr als einer Billionen Euro teilkaskoversichert werden. Zusätzlich könnte beim EFSF ein neuer Fonds eingerichtet werden, in den das Euro-Ausland einzahlt: Staatsfonds aus Singapur oder Norwegen etwa könnten Geld bei den Europartnern anlegen, die damit Anleihen absichern oder kaufen.

Die Haken: Einige Unterhändler warnen vor der Spaltung des Anleihenmarktes. Garantiert der Fonds nur für die Papiere einiger Staaten, könnten Länder, die bislang ausreichend Abnehmer für ihre Anleihen finden, in Schwierigkeiten geraten. Zudem könnten die alten Anleihen an Wert verlieren. Mit Blick auf die Gründung eines neuen Fonds ist offen, in wieweit Nicht-Euro-Staaten überhaupt zu massiven Euro-Investitionen bereit sind.

Die Banken

Das Problem: Banken mit hohen Staatsanleihenbeständen könnten bei einer Zuspitzung der Schuldenkrise in massive Schwierigkeiten geraten. Sie brauchen deswegen grössere Kapitalpuffer.

Der Ausweg: Die Geldhäuser sollen mit Finanzspritzen von gut 100 Milliarden Euro gepäppelt werden. Vorgesehen ist ein dreistufiges Vorgehen, um die Kernkapitalquote aller systemrelevanten Banken auf neun Prozent anzuheben. In einem ersten Schritt müssen sie am Markt Geld aufnehmen. Schaffen sie es nicht, müssen die Regierungen einspringen. Erst, wenn diese überfordert sind, soll der EFSF Darlehen an die Länder geben, die diese zur Bankenrettung einsetzen. Die Forderung aus Paris, den Instituten pauschal öffentliche Finanzspritzen zu verordnen, wurde abgeblockt.

Die Haken: Die betroffenen Banken wehren sich gegen eine Zwangsrekapitalisierung. Zum einen fürchten sie den Einfluss des Staates. Zum anderen sagen sie, durch die verordnete Kapitalaufstockung fehle ihnen Geld, um selbst Kredite zu geben, was die Wirtschaft treffen könnte. Darüber hinaus könnte die Bankenrettung die Kreditwürdigkeit von Staaten selbst unterwandern. Irland musste vor einem Jahr unter den Rettungsschirm, weil es Milliarden in seinen maroden Finanzsektor pumpen musste und sich daran überhob. Besonders heikel ist das Problem für Paris. Französische Banken haben die höchsten Bestände griechischer Papiere. Müsste der Staat in grossem Umfang einspringen, könnte er selbst seine Bonitätsnote AAA verlieren. Und das hätte unabsehbare Folgen für die gesamte Währungsunion, weil der nach Deutschland wichtigste Garantiegeber für den EFSF angeschlagen wäre.

Die Wirtschaftsregierung

Das Problem: In der Währungsunion gibt es bisher keine Möglichkeit, ein solides Haushalten zu erzwingen.

Der Ausweg: Die Währungsunion wird zu einer Fiskal- oder Stabilitätsunion ausgebaut, in der die Regeln nicht länger verletzt werden können. Ein Sparkommissar überwacht künftig die Haushalte der Mitgliedsstaaten.

Die Haken: Für ein Durchgriffsrecht Brüssels in die nationale Haushaltshoheit sind Vertragsänderungen notwendig. Und diese müssten einstimmig beschlossen werden. Aus mehreren Mitgliedsstaaten gibt es Widerstand. Luxemburgs Aussenminister Jean Asselborn warnte in Richtung der deutschen Vertragsänderungsforderung, in der derzeitigen Krise dürfe «keine zweite Front aufgemacht werden». Zur Zeit brauche die Eurozone «Entspanner und keine Einpeitscher». Für Bundesaussenminister Guido Westerwelle dagegen erzeugt nur die Krise den erforderlichen Druck zu mehr Integration.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Max Hauri am 25.10.2011 13:30 Report Diesen Beitrag melden

    Zinsen

    Die Lösung besteht darin, dass Zinsen uns Zinseszinsen staatlich verboten werden. Dann bekommen die Staaten wieder Luft und können die Schulden zurückzahlen. Das Übel ist die Gier der Banken und Geldinstitute. Alle anderen Lösungen sind unbrauchbar, es ist als ob man versucht ein Loch auszugraben.

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  • Pius Frick am 25.10.2011 17:30 Report Diesen Beitrag melden

    Raus aus der EU -> raus aus der Krise!

    So einfach ist des Problems Lösung.

  • Wirtschaftsexperte am 25.10.2011 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    Die einzige Lösung

    Es gibt zu besagtem Problem nur eine Lösung und zwar die sinnlose Währungsunion zu zerschlagen und den Müll (Griechenland, Italien, Spanien, Irland, etc.) verfallen zu lassen sofern nötig. Alles andere hat mit freier Marktwirtschaft nichts zu tun und jeder Ökonom weiss, dass der Einschnitt in die freie Marktwirtschaft auf lange Sicht Gift ist. Deshalb die lieben EU-Politiker ihre Seienblase Euro zerplatzen lassen und basta!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pius Frick am 25.10.2011 17:30 Report Diesen Beitrag melden

    Raus aus der EU -> raus aus der Krise!

    So einfach ist des Problems Lösung.

  • Peschä am 25.10.2011 15:59 Report Diesen Beitrag melden

    Krise zwecks Integration?!?

    Was sind den das für Worte von Westerwelle? Das tönt ja fast so, als sei die Krise willkommen, um die Integration Europas zwangsmässig voranzutreiben. Dabei ist gerade ein zuviel an Integration für diese Krise verantwortlich! Ohne Euro könnte Griechenland seine Währung abwerten und das Problem wäre, wenn auch nicht schmerzfrei, gelöst.

    • Supermario am 26.10.2011 12:30 Report Diesen Beitrag melden

      Eben doch

      Falsch, wären die Euro-Staaten wirklich integrieriert (wirtschaftlich) worden bestünde die berechtigte Chance, dass eben der aktuelle Missstand - wegen der differierenden Staatsbuchhaltungen - nicht oder nur in geringem Ausmass entstanden wäre. Nochmals zur Erinnerung, eigentlich wurde Maastricht als verbindlich stipuliert; daran gehalten haben sich nicht mal die "starken" Partner

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  • Max Hauri am 25.10.2011 13:30 Report Diesen Beitrag melden

    Zinsen

    Die Lösung besteht darin, dass Zinsen uns Zinseszinsen staatlich verboten werden. Dann bekommen die Staaten wieder Luft und können die Schulden zurückzahlen. Das Übel ist die Gier der Banken und Geldinstitute. Alle anderen Lösungen sind unbrauchbar, es ist als ob man versucht ein Loch auszugraben.

    • Jürgen am 25.10.2011 16:00 Report Diesen Beitrag melden

      Weiterdenken,

      wer sollte den Staaten Geld geben wenn man nichts dafür bekommt?

    • Max Hauri am 25.10.2011 19:33 Report Diesen Beitrag melden

      Absurd

      Ein jeder Betrieb kann und soll so arbeiten, dass er Gewinn und nicht Schulden macht. Zu denken, dass ein Staat regelmässig Schulden machen muss, ist absurd.

    • This Bürge am 26.10.2011 02:53 Report Diesen Beitrag melden

      Noch weiter denken

      Wer hat das Geldmonopol, die Privatbank oder der Staat? Im Kern geht es um die Frage, ob Privatbanken oder die Zentralbank neues Geld schöpft. Wir haben heute die paradoxe Situation, dass die Privatbanken neues Geld schöpfen und dem Staat leihen!

    • Supermario am 26.10.2011 12:28 Report Diesen Beitrag melden

      Quatsch mit Sosse

      Diesen Quatsch kann ich nun langsam wirklich nicht mehr hören (lesen). Geld ist ein Produktionsfaktor und niemals (in welcher Währung auch immer) gratis. Bräuchte ich keine Zinsen zu zahlen muss ich auch wohl nie mehr was zurückzahlen! Damit ist einer uferlosen Schuldenwirtschaft erst recht Tür und Tor geöffnet. Eine Schuldzuweisung an die Banken ist ebenfalls äusserst fragwürdig; all die Staaten haben doch irgendwann mal für irgendwas Kredit bezogen!

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  • Wirtschaftsexperte am 25.10.2011 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    Die einzige Lösung

    Es gibt zu besagtem Problem nur eine Lösung und zwar die sinnlose Währungsunion zu zerschlagen und den Müll (Griechenland, Italien, Spanien, Irland, etc.) verfallen zu lassen sofern nötig. Alles andere hat mit freier Marktwirtschaft nichts zu tun und jeder Ökonom weiss, dass der Einschnitt in die freie Marktwirtschaft auf lange Sicht Gift ist. Deshalb die lieben EU-Politiker ihre Seienblase Euro zerplatzen lassen und basta!!!

    • Beobachter am 25.10.2011 14:19 Report Diesen Beitrag melden

      Unsinn

      Jeder Ökonom weiß, das eine "Zerschlagung" der Währungsunion zu einer massiven Aufwertung beispielsweise der D-Mark führen würde. Für dieses Szenario werden alleine für Deutschland 1 Mio. Arbeitslose binnen 12 Monate erwartet, ohne das in anderen Ländern neue Arbeitsplätze geschaffen würden. Die 'schwachen' Länder verlieren keinen einzigen Euro an Schulden durch eine solche Massnahme sondern gehen direkt in den Bankrott, d.h. sofortiger und vollständiger Stillstand. Im übrigen profitieren alle EU-Ländern vom Euro. Deutschland beispielsweise in Höhe von 163 Mrd. Euro - und dies jedes Jahr!

    • Supermario am 26.10.2011 12:19 Report Diesen Beitrag melden

      Etwas komplizierter

      Ganz so banal ists nun auch wieder nicht. Näme mich schon wunder, wieviele Deutsche beispielsweise wieder vermehrt in Spanien Urlaub oder sogar Lebensabend verbringen, wenns dort wieder ein wenig billiger wird? Die Zusammenhänge sind über alles nicht ganz so einfach auszuschlüsseln, aber der Aufwertung der "D-Mark" steht auf der anderen Seite schon auch noch wirtschaftliches in den so genannten schwachen Staaten gegenüber.

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  • Froggystest am 25.10.2011 13:07 Report Diesen Beitrag melden

    Wie viel wert ist dieser Artikel?

    Irgendwie macht die Werbung oben an der Seite (in Zusammenarbeit mit Postfinance) nicht gerade einen vertrauenserweckenden Eindruck. Gerade eine Beleuchtung von solchen ernsten Themen sollte doch journalistisch unabhängig beleuchtet werden. Wenn da Werbung steht, ist der Artikel nicht vollständig unabhängig.... Oder sehe ich das falsch?

    • Tobias Ruther am 25.10.2011 13:31 Report Diesen Beitrag melden

      leider nein.

      haha denkst du wirklich in der heutigen Zeit ist Journalismus noch unabhängig?? leider nein. ist alles finanziert und wer finanziert darf mitreden..

    • Isotop am 25.10.2011 14:40 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht viel

      Ein unabhängiger Artikel würde auf die wirtschaftliche Situation der betroffenen Länder eingehen, der Banken, der "Schirme" (EFSF hat das Geld ja auch nur geliehen), auf den Zins, TARP2, und vieles mehr. Leider findet man das heute eigentlich nicht mehr in der sogenannt "freien" Presse.

    • Froggystest am 25.10.2011 14:46 Report Diesen Beitrag melden

      Na gut

      In dem Fall sollte ich ja eher glücklich sein, dass wenigstens gleich oben am Artikel auch steht, wer bezahlt. Dann kann ich ihn wenigstens differenziert beurteilen und muss ihn nicht vorbehaltlos für bare Münze nehmen.

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