Syriza-Chef Alexis Tsipras

17. Mai 2012 11:25; Akt: 17.05.2012 11:26 Print

Der Rattenfänger

von Peter Blunschi - Alexis Tsipras ist der Shootingstar der griechischen Politik. Der 37-jährige Linksradikale hat Erfolg – weil er dem gebeutelten Volk das Blaue vom Himmel verspricht.

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Alexis Tsipras lässt sich nach dem Wahlerfolg am 6. Mai von seinen Anhängern feiern. (Bild: Keystone/Simela Pantzartzi)

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Das Athener Politchaos wird häufig als griechische Tragödie bezeichnet. Dies erinnert an das antike Griechenland, die stolze Wiege der Demokratie und der westlichen Zivilisation. Ein Blick auf das heutige Hellas dagegen muss selbst unverbesserliche Optimisten an der Lernfähigkeit der Spezies Mensch zweifeln lassen. Rund 2500 Jahre, nachdem Sokrates und andere Philosophen das rationale Denken «erfunden» haben, übt sich ein Volk in kollektiver Realitätsverweigerung. Es ist der ideale Nährboden für einen Politiker wie Alexis Tsipras.

Der 37-jährige Chef des linksradikalen Parteienbündnisses Syriza hat einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Bei den Parlamentswahlen am 6. Mai gelang Syriza ein Sprung von 4,6 auf 16,8 Prozent, und derzeit sehen die Umfragen sein Bündnis bei 20 bis 25 Prozent. Bei den Neuwahlen im Juni könnte dies für den Spitzenplatz reichen. Tsipras bedient die Sehnsucht der Griechen nach der Quadratur des Kreises: 80 Prozent wollen laut Umfragen ein Ende der harten Sparpolitik. Und ebenso viele wollen in der Euro-Zone verbleiben.

Gegen das «barbarische Spardiktat»

Genau dies strebt Alexis Tsipras an: Als begnadeter Populist wettert er gegen das «barbarische Spardiktat» der Troika aus Europäischer Union, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, an deren Tropf der hoffnungslos überschuldete griechische Staat hängt. In einem symbolischen Brief an die EU-Spitze in Brüssel hat er die Auflagen für «null und nichtig» erklärt. Tsipras will die Schuldenrückzahlung auf Eis legen, die Banken verstaatlichen, Renten und Löhne erhöhen und tausende neue Beamte einstellen.

Bezahlen sollen das alles die Geberländer, denn Tsipras ist überzeugt, dass sie es nicht wagen werden, Griechenland aus der Euro-Zone auszuschliessen. Ein solcher Schritt würde Italien und Spanien mit in den Abgrund reissen, entsprechende Drohungen seien deshalb ein Bluff, behauptet der Syriza-Chef. Die Griechen hören diese Schalmeienklänge nur zu gerne, zumal der jugendlich wirkende Tsipras mit seiner frischen, direkten Art einen Kontrast bildet zu den ewig gleichen grauen Gesichtern, welche die griechische Politik prägen.

Der scharfzüngige Linksaussen pflegt diese schon mal als «Gauner» zu beschimpfen. Selbst bei Gesprächen mit dem Staatspräsidenten trägt er keine Krawatte. Damit kommt er besonders bei den Jungen an, von denen mehr als die Hälfte keinen Job haben. «Meine Generation leidet am meisten. Wir haben keine Zukunft, und ich bin überzeugt, dass er dies ändern kann», sagte Haroula Romanos, eine 21-jährige Mathematik-Studentin, der Nachrichtenagentur Reuters. Aber auch viele ältere Griechen sind von Tsipras fasziniert.

Mit 17 Jahren auf den Barrikaden

Geboren wurde er im Juli 1974, nur wenige Tage nach dem Ende der Militärdiktatur. Er wuchs in Athen auf, in der Nähe des Stadions des Fussballklubs Panathinaikos. Noch heute besucht er jedes Heimspiel des Spitzenklubs. Bereits in der Schulzeit schloss sich Alexis Tsipras der Kommunistischen Jugend an. Erstmals auf sich aufmerksam machte er 1991 als 17-Jähriger während der Proteste gegen die Einführung privater Universitäten. «Er war sehr gut informiert über das Erziehungswesen und konnte als einziger mit der Presse umgehen», erinnerte sich ein damaliger Mitstreiter gegenüber der BBC.

Damals traf Tsipras auch seine heutige Lebensgefährtin Peristera «Betty» Baziana. Die beiden haben einen zweijährigen Sohn, das zweite Kind ist unterwegs. An der Technischen Universität Athen liess sich der Aktivist zum Bauingenieur ausbilden. 1999 wurde er Jugendsekretär der linksökologischen Partei Synaspismos – sie lieferte die beiden ersten Buchstaben des Bündnisses Syriza. 2006 kandidierte Tsipras als Stadtpräsident von Athen und erreichte den respektablen dritten Platz, seit 2008 ist er Vorsitzender von Syriza.

Ein neuer Papandreou?

Der nächste Sprung könnte nun bevorstehen, jener ins Amt des Ministerpräsidenten. Bei einem Wahlsieg würde seine Partei 50 Bonussitze erhalten – ohne Alexis Tsipras wäre dann wohl keine neue Regierung zu bilden. Manche vergleichen ihn mit Andreas Papandreou, dessen Wahlsieg 1981 für Aufbruchstimmung sorgte, mit dem aber auch jene Misswirtschaft begann, die für das Elend in Griechenland verantwortlich ist.

Beobachter glauben, dass es mit Tsipras noch schlimmer kommt. Der amerikanische Starökonom Nouriel Roubini etwa ist überzeugt, dass ein Syriza-Wahlsieg zum Staatsbankrott und zum «Grexit», dem griechischen Austritt aus dem Euro führen wird. Doch es gibt Stimmen, die Tsipras den Wandel vom Hitzkopf zum verantwortungsvollen Politiker zutrauen. Mitarbeiter verwiesen gegenüber Reuters darauf, dass er ein methodischer Planer sei, der seinen Aufstieg mehr kluger Strategie und harter Arbeit verdanke als seinem guten Aussehen.

«Grosse Chance» für Griechenland

So anerkennt er durchaus, dass die griechische Krise hausgemacht ist. Einige Vorschläge wie eine radikale Kürzung der Militärausgaben überzeugen auch Wirtschaftsexperten. Die linke deutsche «taz» bezeichnet einen Tsipras-Wahlsieg als «grosse Chance» für sein Land. Es sei kein Hindernis, dass er den Griechen im Wahlkampf Unmögliches verspreche: «Gerade weil er ihre Interessen und Wünsche verkörpert, werden sie ihm abnehmen, wenn er dann als neuer Regierungschef einräumt, dass Reformen leider notwendig sind.»

Wunschdenken oder Realismus? Es wäre nicht ohne Ironie, wenn ausgerechnet der populistische Strahlemann Alexis Tsipras die Griechen auf den Weg der Vernunft zurückführen würde. Auch der Begriff Ironie kommt bekanntlich aus dem Griechischen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • T.G. am 17.05.2012 14:52 Report Diesen Beitrag melden

    Das Blaue vom Himmel

    haben in Griechenland bisher alle Politiker ihren Wählern versprochen. Das ist genau der Grund für die Misere. Jetzt ist Zeit fürs Bezahlen der Rechnungen ihr Griechen!!

  • Rita Hoffmann am 17.05.2012 12:21 Report Diesen Beitrag melden

    Ist Sparen die einzige Lösung?

    Umschwenken jetzt auch in der EU. Nur sparen muss irgendwann in die Katastrophe führen. Wäre man zu beginn der Krise (schon 2008) mit Augenmaß an die Lösung gegangen - Gleichgewicht zwischen Sparen und Wachstum - wäre Europa möglicherweise einiges erspart geblieben. Das Kind vor dem Brunnen mit geeigneten Maßnahmen schützen, ist allemal besser als es hinterher aufwendig zu retten

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  • Bruno Krähenbühl am 17.05.2012 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    Rattenfängerei oder Chance ?

    Rattenfänger haben Erfolg. Die Folgen der rigiden Sparpolitik: soziale Unruhen, politische Instabilität, wirtschaftlicher Niedergang. Die Fakten: Die Griechen haben über ihre Verhältnisse gelebt, ihre staatlichen Strukturen sind verludert (Korruption, Vetterliwirtschaft). Sie müssen deshalb sparen und reformieren. Die Frage ist nur, wie schnell. Vielleicht haben neue Kräfte eine grössere Chance, als die alten Versager, diese Herkulesaufgabe erfolgreich anzupacken.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hans Schmidt am 20.05.2012 19:43 Report Diesen Beitrag melden

    Populistisch?

    Er verspricht auch eine schonungslose Aufklärung der Vorgänge welche zum Desaster führten. Bitte nicht vergessen, die griechische Regierung (damalige) hat mithilfe von G.-Sachs die Bilanz "geschönt" und die EU Kontrolleure haben nicht kontrolliert! Statt dass man die Griechen kollektiv abstraft, sollte man wirklich schauen wer genau was getan hat.

  • Benjamin Buchegger am 17.05.2012 20:10 Report Diesen Beitrag melden

    Machen

    das nicht alle Politiker??

  • Jacky M. am 17.05.2012 19:52 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn dir jemand sagt, was du hören

    willst, ist es nur logisch, wenn du ihm nachläufst. Was aber, wenn die Leute merken, dass seine Ideen sie nur tiefer ins Chaos stürzen? Was, wenn sie erleben müssen, dass die EU genug hat von den ständigen Forderungen und dem Nicht-selber-einstehen? Was, wenn die Griechen merken, dass seine Versprechen sie vollends in den Ruin treiben? - Dann wird er merken, wie schnell und tief man fallen kann. Und für die Griechen? Wird es nur umso schwieriger, wieder Fuss zu fassen. Aber eben: man hört auf den, der einem sagt, was man hören will......

  • K. Tse am 17.05.2012 18:35 Report Diesen Beitrag melden

    Finanzielle Überlegungen

    In der Finanzwirtschaft (und im Casino) gilt doch: kleines Risiko, kleiner Gewinn/Zins, Grosses Risiko, hoher Gewinn/Zins. Die Geldgeber waren sich des Risikos bei Griechischen Anleihen bewusst und haben deshalb viel Zins verlangt. Es ist jetzt fast ein bisschen heuchlerisch von der EU, EZB + IWF Geld für die Griechen respektive sich selbst zu verlangen. Lasst die Griechen Bankrott gehen. Damit wird ihnen, wie den Argentiniern vor ein paar Jahren, ein Neuanfang erlaubt und diejenigen die auf eine "freie" Finanzwirtschaft pochen bekommen auch was sie verdienen.

  • Markus am 17.05.2012 16:26 Report Diesen Beitrag melden

    Mässigung

    Es ist verständlich, dass hier anti-Reflexe geäussert werden, die Problematik ist leider komplizierter und lässt sich nicht auf faule Griechen oder böse EU reduzieren. Wird ohne Mass gespart, liegt die eigene Wirtschaft ab und damit Strukturen, die für eine Genesung notwendig sind. Der Trojka geht es aber in erster Linie darum, ihre Kredite zu sichern und Griechenland "auszpressen". Tsipras ist nicht dumm, er weiss genau dass eine funktionierende Wirtschaft das wichtigste ist, und er weiss auch, dass die EU das land nicht fallenlassen wird: eine bankrotte Nation bedient keine Kredite mehr!

    • Glafki am 17.05.2012 19:22 Report Diesen Beitrag melden

      alles in wenigen Worten

      Danke für diesen aufschlussreichen Kommentar! Es ist das einzige Gescheite was ich seit Tagen lese

    • Ahnungslos am 17.05.2012 22:38 Report Diesen Beitrag melden

      Ahnungslos

      Griechenland hat 104 Mrd. Euro Schulden erlassen bekommen. Oder in anderen Worten: Man hat Griechenland 104 Mrd. Euro geschenkt.

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