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28. Mai 2012 14:09; Akt: 28.05.2012 14:14 Print

Griechen empört über Lagardes harte Worte

Sie denke mehr an Kinder in Niger als an die Menschen in Athen. Mit diesem Vergleich hat IWF-Chefin Christine Lagarde letztere gegen sich aufgebracht - und sie mischt damit auch den Wahlkampf auf.

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«Ich sorge mich mehr um die Kinder in einem kleinen Dorf in Niger. (...) Sie brennen darauf, Bildung zu bekommen. An diese Kinder denke ich die ganze Zeit. Denn ich glaube, sie brauchen viel mehr unsere Hilfe als die Menschen in Athen», hatte Christine Lagarde in einem Interview gesagt. (Bild: Reuters/Pool)

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Unter dem Dauer-Sparzwang liegen in Griechenland die Nerven blank. Und jetzt prangert IWF-Chefin Lagarde die schlechte Steuermoral der Griechen an: Böse Reaktionen sind die Folge. Ob sie damit die radikalen Parteien stärkt, werden die Wahlen Mitte Juni zeigen.

Die IWF-Chefin Christine Lagarde hat mit harten Worten zu Griechenland für Aufregung und Empörung in dem von einer schweren Finanzkrise gebeutelten EU-Land gesorgt. Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds hatte in einem Interview mit der britischen Zeitung «Guardian» die Griechen allgemein wegen ihrer schlechten Steuermoral kritisiert und dabei gesagt, sie denke mehr an die Kinder im afrikanischen Niger als an die Menschen in Athen.

«Das Letzte was wir brauchen, ist das Mitleid der Frau Lagarde», sagte dazu am Sonntag der Chef des Bündnisses der radikalen Linken (Syriza), Alexis Tsipras. Die grosse Mehrheit der Griechen zahle Steuern. Warum die Reichen keine Steuern zahlen, solle Lagarde die Sozialisten und Konservative in Athen fragen und sich nicht an die Bürger wenden, meinte Tsipras weiter. Der Chef der griechischen Sozialisten, Evangelos Venizelos, rief Lagarde auf, sich erneut zu überlegen, was sie wirklich sagen wollte. Sie sollte diese Aussagen zurücknehmen.

Kinder statt Griechen

«Ich sorge mich mehr um die Kinder in einem kleinen Dorf in Niger, die nur zwei Stunden Unterricht am Tag haben und sich zu dritt einen Stuhl in der Schule teilen. Sie brennen darauf, Bildung zu bekommen. An diese Kinder denke ich die ganze Zeit. Denn ich glaube, sie brauchen viel mehr unsere Hilfe als die Menschen in Athen», hatte Lagarde in dem am Samstag veröffentlichten Interview gesagt.

«Ich verstehe nicht, was das soll», meinte Giannis Michelakis, Sprecher der griechischen konservativen Partei Nea Dimokratia. «Es ist als ob man den Kranken, dem man die falsche Medizin gegeben hat, zur Verantwortung zieht.»

Zu gut gehabt

Die Zeitung fragte auch, ob Lagarde ähnlich wie andere in Europa denke, Griechenland habe es sehr gut gehabt und müsse dafür nun zahlen. Ihre Antwort: «Das ist richtig.» Es sei die Aufgabe des IWF und ihr Job, die Wahrheit zu sagen und den Ländern harte Konditionen aufzuerlegen.

Genau drei Wochen vor der erneuten Parlamentswahl zeichnet sich in Griechenland ein spannendes Rennen zwischen der Nea Dimokratia (ND) und dem Links-Bündnis Syriza ab. Insgesamt vier repräsentative Umfragen sehen die Konservativen als stärkste Kraft, die 23,3 bis 25,8 Prozent auf sich vereinen könnte.

Die Radikallinken bleiben ihnen jedoch auf den Fersen und erhalten zwischen 20,1 und 23,2 Prozent. Weit abgeschlagen bleibt die sozialistische Pasok mit Umfrageergebnissen zwischen 12,6 und 14 Prozent. In allen Umfragen wollen mehr als 80 Prozent der Befragten, dass Griechenland in der Eurozone bleibt. Diese Umfragen wurden in der griechischen Presse am Sonntag veröffentlicht.

Koalitionsfrage in Sicht

Nach Einschätzung der Meinungsforscher wird keine Partei die absolute Mehrheit im Parlament erreichen. Damit würde sich erneut die Koalitionsfrage stellen: Wer regiert mit wem in dem Land, das vor dem Zusammenbruch steht? Schon bei der Wahl am 6. Mai hatte keine Partei die absolute Mehrheit erreicht.

Sondierungsgespräche zur Bildung einer Koalition blieben ohne Ergebnis. Bis zur Neuwahl am 17. Juni wird Griechenland von einer Interimsregierung geführt. Die Wahlumfragen sorgten zumindest für eine Festigung der deutschen Aktien am Pfingstmontag.

Die Finanzkrise Griechenlands machte sich am Montag auch in den Medien bemerkbar. Aus Protest gegen Entlassungen und verspätete Gehaltszahlungen traten die griechischen Journalisten in einen 24-stündigen Streik. Zu dem Ausstand hatte der Journalistenverband (ESIEA) aufgerufen. Seit 2010 mussten wegen der dramatischen Finanzkrise zwei Traditionszeitungen (die konservative «Apogevmatini» und die linksliberale «Eleftherotypia») schliessen.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • D.R. am 30.05.2012 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    MENSCHEN

    Alleine schon die Perlen um den Hals würde vielen von diesen armen Afrikanern helfen. Es geht um Menschen und nicht um Griechen oder Afrikaner, Spanier oder Schweizer. Die einzelnen Kommentare stimmen traurig. Leider begreifen viele noch immer nicht wer Länder in Schulden treibt. Es sind sicher nicht die Bürger welche wie hier machen müssen was die jeweiligen Staaten und Regierungen verlangen. Die Bodenschätze in Afrika werden z.B. Von 1% geplündert und dabei verarmen 99% der Menschen. Schade sehen viele Menschen die Probleme nur so wie es geschildert wird. Wenige, zu wenige überdenken die Wirtschaft und wo diese hinführt.

  • Simon Schenker am 28.05.2012 17:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Griechenland räum Deine Schulden auf! 

    Wo Frau Direktorin Recht hat, hat sie Recht. Sollen die Griechen mal endlich ihr selbstverachuldetes Chaos aufräumen und dann können sie bitte auf Augenhöhe wieder mit Europa reden. Die Griechen haben sich ihr Schuldengrab selbst gegraben. Hätten sie früher ihre Regierungen besser abgestraft...

  • Bernt am 28.05.2012 17:27 Report Diesen Beitrag melden

    Schwachsinn!

    Im postchristlichen Europa ist die Fernstenliebe offensichtlich verbreiteter als die Nächstenliebe. Die Banken scheinen gerettet, jetzt kann man die Griechen fallen lassen und ihr Land den Finanzhyänen preisgeben. Schafft endlich diesen unsäglichen Euro ab, der führt noch zu Krieg! Der IWF bringt alle Länder in die Abhängigkeit mit seinen "harten Konditionen". Auch so eine Organisation die abgeschafft gehört. Soll die Lagarde den Kindern im Niger doch Stühle kaufen und sie neoliberale Wirtschaftssysteme lehren, wenn sie so oft an sie denkt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • D.R. am 30.05.2012 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    MENSCHEN

    Alleine schon die Perlen um den Hals würde vielen von diesen armen Afrikanern helfen. Es geht um Menschen und nicht um Griechen oder Afrikaner, Spanier oder Schweizer. Die einzelnen Kommentare stimmen traurig. Leider begreifen viele noch immer nicht wer Länder in Schulden treibt. Es sind sicher nicht die Bürger welche wie hier machen müssen was die jeweiligen Staaten und Regierungen verlangen. Die Bodenschätze in Afrika werden z.B. Von 1% geplündert und dabei verarmen 99% der Menschen. Schade sehen viele Menschen die Probleme nur so wie es geschildert wird. Wenige, zu wenige überdenken die Wirtschaft und wo diese hinführt.

  • Simon Schenker am 28.05.2012 17:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Griechenland räum Deine Schulden auf! 

    Wo Frau Direktorin Recht hat, hat sie Recht. Sollen die Griechen mal endlich ihr selbstverachuldetes Chaos aufräumen und dann können sie bitte auf Augenhöhe wieder mit Europa reden. Die Griechen haben sich ihr Schuldengrab selbst gegraben. Hätten sie früher ihre Regierungen besser abgestraft...

  • Bernt am 28.05.2012 17:27 Report Diesen Beitrag melden

    Schwachsinn!

    Im postchristlichen Europa ist die Fernstenliebe offensichtlich verbreiteter als die Nächstenliebe. Die Banken scheinen gerettet, jetzt kann man die Griechen fallen lassen und ihr Land den Finanzhyänen preisgeben. Schafft endlich diesen unsäglichen Euro ab, der führt noch zu Krieg! Der IWF bringt alle Länder in die Abhängigkeit mit seinen "harten Konditionen". Auch so eine Organisation die abgeschafft gehört. Soll die Lagarde den Kindern im Niger doch Stühle kaufen und sie neoliberale Wirtschaftssysteme lehren, wenn sie so oft an sie denkt.

    • Zimmermann am 30.05.2012 09:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Zuerst muss aufgeräumt werden

      Es steht eigentlich keinem Land an Schulden zu haben. Und wenn dann nur wenn eine garantierte Gegenleistung gegeben ist. Dies ist heute nicht mehr der Fall und fast jedes Land verschuldet sich in einem Ausmaß das nicht mehr tragbar ist und kaum noch zurück bezahlt werden kann. Eine privat Person kann das auch nicht tun. Warum also sollte ein Staat es tun? Fakt ist das Griechenland so unter Korruption leidet das man ihnen erst wieder helfen kann wenn das aufgeräumt ist. Alles andere bringt sie umso mehr in den Sumpf und macht ein paar korrupte reicher.

    • D.R. am 30.05.2012 11:40 Report Diesen Beitrag melden

      SYSTEM

      Herr Zimmermann, Sie sehen es richtig. Eine Privatperson kann nicht solche Schulden machen. Privatpersonen haben diese auch nicht gemacht. Also soll bezahlen wer von den Schulden profitiert hat und eben nicht die Privaten. Oder fragt man Sie ob wir neue Flugzeuge benötigen? Im übrigen sollten Sie das System etwas besser studieren, es funktioniert nur über neue Schulden. Das System muss überdacht werden und nicht die Folgen daraus.

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  • dionisus am 28.05.2012 17:24 Report Diesen Beitrag melden

    Ihrer Meinung Frau Legarde

    Recht hat Sie! Die Griechen haben Jahre lang über ihre Verhältnisse gelebt, es wurden Milliarden zur Rettung investiert, und was ist passiert-nichts! Ich hab noch keine Nachrichten davon gehört, dass Leute in Athen an Hunger gestorben sind, daher ist eine Investition in die Kinder Niger's deutlich sinnvoller. Frau Legarde, endlich traut sich jemand die Wahrheit auszusprechen, bravo!

    • D.R. am 30.05.2012 11:43 Report Diesen Beitrag melden

      Verhältnisse

      Sie sehen sich die falschen Nachrichten an. Es herrscht Zensur und wir hören was wir hören sollen. Doch wer es genauer möchte, es gibt genug Informationen, man muss nur nachsehen Wer hat über die Verhältnisse gelebt?? Was machen wir in diesem Land?

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  • Toni am 28.05.2012 17:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mitleid ist nicht angebracht!

    Da stimme ich voll und ganz zu! Wer solange nur profitiert hat, wie Griechenland, muss jetzt die Rechnung dafür bezahlen!