Auswege für Athen

23. Mai 2012 13:55; Akt: 23.05.2012 14:05 Print

Griechenstempel oder Schattenwährung?

von Balz Bruppacher - An guten und gut gemeinten Ratschlägen für das schlingernde Griechenland fehlt es nicht. Austreten? Weiterwursteln? Zurück zur Drachme? Geuro? Szenarien für ein Ende des Schreckens.

teaser image

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Grexit – so die englische Kurzform für den Austritt Griechenlands aus der Eurozone – ist zurzeit in aller Munde. Dabei wächst das Lager jener, die für ein Ende mit Schrecken plädieren, beziehungsweise den Verzicht auf den Euro für unvermeidlich halten. Allerdings wird auch vor horrenden Kosten für Europa von bis zu einer Billion (1 000 000 000 000) Dollar und vor einem unkontrollierbaren Dominoeffekt im Finanzsystem gewarnt.

Technisch, so die überwiegende Meinung der Experten, wären der Grexit und die Wiedereinführung der Drachme zwar nicht einfach, aber machbar. Als mögliche Anlaufstelle Griechenlands für den Druck neuer Banknoten wird der Orell-Füssli-Konzern genannt. Ein deutscher Informationsdienst wollte schon im letzten Herbst von einem griechischen Geheimplan wissen und schrieb: «Wahrscheinlich wird die Schweizer Orell Füssli Security Printing den Auftrag bekommen.»

Orell-Füssli-Konzernchef Michel Kunz winkt allerdings ab. Auf Anfrage von 20 Minuten Online erinnert er an frühere Stellungnahmen, wonach Orell Füssli weder von Griechenland noch von anderen Euro-Ländern Anfragen erhalten habe. «Das gilt unverändert», sagt Kunz.

Orell-Füssli-Chef glaubt nicht an Geheimplan

Er setzt auch ein Fragezeichen hinter die Spekulationen über einen Geheimplan Athens. Sie hatten unter anderem den Aktienkurs des britischen Weltmarktführers im Banknotendruck, De La Rue, beflügelt. Denn ein Auftrag zum Druck neuer Banknoten bedingt die Beteiligung zahlreicher Stellen und Personen. «Das Risiko bezüglich Geheimhaltung ist viel zu gross», sagt der CEO von Orell Füssli. Hinzu kommt der zeitliche Aspekt. Design, Sicherheit und Druck neuer Banknoten werden laut den Experten des Banknotendrucks von Orell Füssli im allerbesten Fall sechs Monate beanspruchen. «Ich gehe eher von einem Jahr aus», sagt Kunz.

Die Umstellung auf eine neue Währung muss aber sehr rasch geschehen, am besten über ein Wochenende oder während einer Feiertagspause. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg beziffert das Zeitfenster auf 46 Stunden. Statt neue Banknoten in Umlauf zu bringen, bietet sich eine technisch einfachere Lösung an: Die griechischen Euro-Noten können durch einen Stempel oder ein anderes Verfahren klar als neue griechische Währung gekennzeichnet werden. Weil der Wert der neuen Währung deutlich sinken wird, muss nicht befürchtet werden, dass solche Noten gefälscht werden. Sondern es muss einzig sichergestellt werden, dass die Markierung der Euro-Noten nicht beseitigt werden kann. «Dies ist technisch machbar», sagt Kunz.

Euro und Geuro nebeneinander?

Aus der Wirtschaftsgeschichte wird das Beispiel der Tschechoslowakei bei der Auflösung der österreichisch-ungarischen Kronenzone im Jahre 1919 erwähnt, als der gesamte Notenumlauf innert Wochenfrist mit einem Stempel versehen wurde. Auch die Lösung mit einer Schatten- oder Parallelwährung während einer Übergangszeit kommt in Frage. Sie kam im Falle Lettlands zur Anwendung: Beim Austritt aus der Rubelzone ersetzte das Land 1992 den sowjetischen Rubel zunächst durch einen lettischen Rubel.

Der Chefökonom der Deutschen Bank, Thomas Meyer, brachte diese Woche den Geuro als Schattenwährung für Griechenland ins Gespräch. Mit der Ausgabe von Schuldscheinen würde Griechenland seine Zahlungsverpflichtungen im Inland erfüllen. Also unter anderem Löhne und Renten zahlen. Diese Schuldscheine würden, so die Erwartung Meyers, in Griechenland zum Zahlungsmittel, eben zum Geuro. Die nötige Abwertung, um die griechische Wirtschaft wieder konkurrenzfähig zu machen, würde über diese Parallelwährung erfolgen. Ohne dass Griechenland aus der Eurozone austreten müsste. Allerdings würde das nur dann funktionieren, wenn die EU die griechischen Banken rettet.