Wider die Krise

14. Mai 2009 11:27; Akt: 14.05.2009 16:25 Print

Investieren statt resignierenInvestieren statt resignieren

von Katharina Bracher - Sie sind unverbraucht und kennen keine Zukunftsängste. Sie haben investiert, während sich die Banken in die Arme des Staats geschmissen haben. Wie junge, mutige Unternehmen der Wirtschaftskrise die Zähne zeigen – und dabei auf ganzer Linie punkten.

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In Zeiten sinkender Exportraten und schwächelnder Absatzmärkte sinkt so manchem potenziellen Unternehmer der Mut in die Hose, in seine Ideen zu investieren. Doch es gibt Ausnahmen - auch in dieser Zeit.

Die neuen Unternehmer: Recken statt ducken

«Eine Idee haben und daran glauben», lautet der Rat von Cäsar Müller, sozusagen dem Kaiser unter den Recycling-Fachmännern der Schweiz. Sein Unternehmen blüht heute in allen Farben der bunten Getränkeflaschen, die ihm der Grosshandel gleich zu zehntausenden Tonnen leer anliefert. Während andere sich vor der Wirtschaftskrise ducken, stösst dieser Mann mit seinem Familienunternehmen bereits an die Decke: «Wir sind am Rande unserer Kapazität angelangt, verwerten mittlerweile die Hälfte aller PET-Gebinde der Schweiz.»

Müller setzte in der Vergangenheit alles auf eine Karte und wurde dafür belächelt. Sein Vater hatte ihm vor Jahren den Betrieb der Müller Recycling AG in Frauenfeld übergeben. Als Jungspund Cäsar wenig später ankündigte, ins PET-Recycling einzusteigen, schüttelte Vater Müller nur den Kopf: «PET hat doch kein Gewicht, Sohn.» Denn traditionell hatte die Müller Recycling AG Altmetalle und Schrott rezikliert.

Zauberformel: Aus PET statt Schrott mach Geld

Doch während Altmetalle höchst anfällig auf konjunkturelle Schwankungen sind, verhält sich PET geradezu unabhängig von wirtschaftlichen Baissen und Haussen: «Getränke in PET-Flaschen werden immer gekauft und getrunken», sagt Müller. Seine Zuversicht hat sich bezahlt gemacht: Kürzlich hat Müller seinen Gewinn in eine Sortieranlage reinvestiert.

Vom Wachstum hat auch der Thurgauer Arbeitsmarkt profitiert: Mit drei Mitarbeitern ist Müller Junior vor 17 Jahren gestartet. Heute sind es 26 Mitarbeiter, die bei der Müller Recycling AG einen krisensicheren Job haben. Zwei Faktoren bezeichnet der Unternehmer mit Jahrgang 1960 als entscheidend für seinen Erfolg: Mut und Spontaneität. Cäsar Müller hält darum jederzeit Ausschau nach neuen Kunststoffen, deren Recycling vielversprechend sein könnte für seine Firma. Müllers Tipp an ehrgeizige Start-Ups: «Wachsen ist gut. Aber nicht explosionsartig.»

Von Null auf Hundert- in zwei Monaten

Ein Tipp, dem sich diese drei Herren gleich von Anfang an verweigerten: Martin Widmer, Remo Prinz und Raphael Oppenheim haben im vergangenen Herbst ihre eigene Firma gegründet. In einer Zeit, in der die Banken bestürzt ihren davonschwimmenden Fellen nachsahen, feierten sie ihr fulminantes Debut im rückständigen Schweizer Online-Werbemarkt. Innerhalb von zwei Monaten habe ihr Start-up-Unternehmen Serranetga kostendeckend gearbeitet. Und plötzlich zeigten dieselben Banken, die sich zuvor um eine Kreditvergabe drückten, Interesse am jungen Projekt.

«Die Krise spielt uns gewissermassen in die Hände», versucht Mitbegründer Raphael Oppenheim, alias «die Kanone» den raketenmässigen Start von Serranetga zu erklären. Denn: «In Zeiten der schrumpfenden Werbebudgets wird Online-Werbung immer wichtiger.» Oppenheim ist überzeugt, dass Firmen ihre Produkte immer weniger mit kostspieligen Inseraten in den Printmedien oder teuren TV-Spots bewerben, sondern vermehrt von der kostengünstigeren Möglichkeit der Online-Vermarktung Gebrauch machen. Die Online-Vermarkter scheinen recht zu behalten: Rund 150 Websites führen sie im Portefeuille - ein halbes Jahr nach ihrem Markteinstieg.

Entwicklungshilfe für den Schweizer Online-Werbemarkt

Kennengelernt haben sich die drei Ehrgeizigen bei ihrem früheren Arbeitgeber, dem IPTV-Unternehmen Zattoo. Als Vermarktungsexperten wurden sie rasch auf das Potenzial des zukunftsträchtigen Marktes aufmerksam. Remo Prinz, genannt «der Kreative», erklärt den Deal mit Zattoo, der zur Gründung von Serranetga führte: «Wir überzeugten Zattoo davon, dass sie von einer exklusiven Vermarktungsfirma absehen, und mehreren Partnern die Vermittlung von Werbung übertragen sollten.» Einer dieser Partner sollte das neu gegründete Unternehmen der ehemaligen Zattoo-Mitarbeiter werden.

Vom Praktikanten zum erfolgreichen Manager

Marktlücke entdecken - einspringen - Gewinn machen? Lautet so das simple Rezept? «Das unternehmerische Risiko war sicher kalkulierbar», räumt Prinz ein, «denn wir kannten den Markt und sein Entwicklungspotential sehr genau.» Der Online-Werbemarkt in der Schweiz sei im Vergleich zum Ausland vier bis fünf Jahre im Rückstand. Die Jungunternehmer glauben deshalb: «Bis Ende Jahr rechnen wir damit, etwa fünf zusätzliche Mitarbeiter einstellen zu können.» Ein Job, der sich lohnen könnte: Der ehemalige Praktikant etwa hat es in Rekordzeit zum erfolgreichen Kampagnen-Manager von Serranetga geschafft.

«Jetzt stürmen wir den Heimatmarkt!»

Sandy Kertész hingegen blies vor allem Skepsis entgegen, als er sich zum Chef kürte. «Mein ganzes Umfeld hielt mich für verrückt», erinnert sich Jungunternehmer Kertész an seine Anfangszeit als CEO von Emeshel. Der Schweizer hatte vor einigen Jahren in Ungarn die Künstlerin Emeshel kennengelernt und war von Anfang an fasziniert von ihren Kreationen aus Kristall. Kertész war damals Ende Zwanzig und führte in Ungarn einen erfolgreichen Betrieb im Kabelgrosshandel. Von Kunst hatte er eigentlich wenig Ahnung. Trotzdem bestieg er Ende 2007 ein Flugzeug nach Miami und versuchte sein Glück an der Art Basel Miami. Kertész verhalf Emeshel zu einem erfolgreichen Start, Wenig später eröffnete er seine erste Galerie im Miami Design district - Ende 2008 wurde sie zur «best gallery of Florida» gekürt. Während im internationalen Kunstbetrieb angesichts der Finanzkrise die Angst vor ausbleibenden Investoren grassierte, hatte es Kertész geschafft, aus Emeshel eine gefragte Grösse der Kunstszene zu machen und die Luxusmarke international auf Kurs zu bringen.

Kundschaft: Jedermann und der Geldadel

Emeshel hat unterdessen erste Galerien und Boutiqueläden eröffnet und ist weltweit präsent. Zum Sortiment gehören neben Glasskulpturen auch handgefertigte Kristallkunst, Schmuck und seit kurzem ein Parfum. «Alles Ware von ausgesuchter Qualität», wie Kertész betont. Doch nicht nur der Geldadel soll in die Verkaufsstellen von Marbella und Dubai gelockt werden: «Wir zeigen, dass hochwertige Kunst und Design nicht teuer sein müssen.» Das nächste Ziel des jungen Durchstarters: «Jetzt stürmen wir meinen Heimatmarkt», freut sich Kertész, der in der Schweiz aufgewachsen ist und inzwischen auch wieder hier lebt. «Bisher haben wir nur positive Rückmeldungen von Interessenten aus der Schweiz.» Auch gut: Sein Umfeld hält Kertész nun, nach erfolgreichem Start mit Emeshel, nicht mehr für ganz so verrückt.

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  • Brunner am 15.05.2009 15:58 Report Diesen Beitrag melden

    nur mutig

    gehts schief dä papa staat hilft ja, aber eben nur den grossen.

  • @swordfish am 14.05.2009 23:40 Report Diesen Beitrag melden

    Sandy Kertesz

    Sandy Kertesz ist 2007 bei Kertesz Kabel ausgeschieden und seither selbsständig. Das kann man nachlesen. Wo Erfolg ist gibts immer Neider... Ein typischer Fall...

  • Swordfish am 14.05.2009 14:28 Report Diesen Beitrag melden

    Sandy Kertesz...

    Was für ein mutiger Unternehmer...mit einem Millionen-Unternehmen im Rücken, in dem er noch heute im Top-Management tätig ist, einer Künstlerin als "CEO" beizustehen. Da hätte man wahrlich bessere Start-Ups finden können!

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