Nationalbank

29. Mai 2012 15:00; Akt: 29.05.2012 15:35 Print

Jordan bringt Franken-Kanone in Stellung

von Balz Bruppacher - Hat der Ernstfall bereits begonnen? Neue Zahlen deuten darauf hin, dass die Nationalbank möglicherweise schon vergangene Woche mit Milliardensummen gegen die Frankenaufwertung kämpfte.

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SNB-Präsident Thomas Jordan: «Wir können nicht beliebig unsere Währung manipulieren». (Bild: Keystone)

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Alle Augen sind auf Thomas Jordan gerichtet: Für den neuen Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank (SNB) hat die heisse Phase bei der Verteidigung des Euro-Mindestkurses von 1.20 Franken begonnen. Erstmals seit der Einführung der Untergrenze vor knapp 9 Monaten scheint das Versprechen der Notenbank, notfalls unbeschränkt Devisen zu kaufen, einem ernsthaften Test unterzogen zu werden.

Der Grund liegt bei der gestiegenen Wahrscheinlichkeit eines Austritts der Griechen aus der Eurozone. Beziehungsweise der dadurch ausgelösten Flucht von Geldern in den sicheren Hafen Schweiz. Einen Hinweis auf die Reaktion der Nationalbank liefert die heute veröffentlichte Statistik über die Giroguthaben der inländischen Banken bei der Notenbank. Sie schnellten innerhalb einer Woche um fast 17 Milliarden Franken in die Höhe, von 155,1 auf 171,7 Milliarden Franken.

Eine naheliegende Erklärung wäre, dass die Nationalbank zur Verteidigung des Euro-Mindestkurses in grossem Stil Euro kaufen musste und die dafür eingesetzten Franken die Giroguthaben der Banken aufblähten. Ob solche Käufe im Milliardenumfang getätigt wurden, will die Nationalbank nicht sagen. SNB-Sprecher Walter Meier bestätigt auf Anfrage von 20 Minuten Online aber, dass steigende Giroguthaben eine Folge wären, «sollte es Devisenkäufe gegeben haben». Auch andere Elemente beeinflussen aber diese Guthaben.

Anhebung des Mindestkurses kein Thema

Seitdem auch Vertreter von Regierungen und Notenbanken laut über den «Grexit» nachdenken, ist die Lage für Jordan und seine Leute um einiges ungemütlicher geworden. Eine Anhebung des Mindestkurses, wie er der Exportwirtschaft und dem Tourismus entgegenkäme, ist für ihn jedenfalls kein Thema. Er verstehe zwar die Forderungen nach einem höheren Mindestkurs, sagte der SNB-Chef der «SonntagsZeitung» und fügte hinzu: «Wir können aber nicht beliebig unsere Währung manipulieren. In einer noch schlimmeren Krisenlage wäre das fatal und kontraproduktiv.» So klar hatte die Nationalbank die Grenzen ihrer Möglichkeiten noch nie verdeutlicht.

Nicht von ungefähr ist in den letzten Tagen die Notfallplanung ins Rampenlicht gerückt. Also die Frage nach jenen Massnahmen, die Bundesrat und Nationalbank vorbereiten, wenn der Damm trotz des SNB-Kanonenfeuers auf den Devisenmärkten zu brechen droht. Geprüft wird das Abwehrinstrumentarium von einer Task Force, der neben der SNB die Departemente von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Amman angehören.

Die Rezepte aus dem Giftschrank

Jordan nannte am Wochenende Kapitalverkehrskontrollen als mögliche Massnahme. Widmer-Schlumpf war schon früher konkreter geworden. Sie erwähnte Negativzinsen, ein Einfuhrverbot für ausländische Banknoten, ein Ausfuhrverbot für Schweizer Noten, ein Verbot des Immobilienerwerbs durch ausländische Anleger sowie Transaktionsabgaben auf derivativen Finanzinstrumenten. Das sind alles Rezepte aus dem währungspolitischen Giftschrank. Bereits in den 1960er und 1970er Jahren versuchten Bundesrat und Nationalbank, einen Abwehrwall gegen den Zufluss ausländischer Gelder aufzubauen – ohne anhaltenden Erfolg.

Bund kassiert schon Negativzins

Wie stark der Franken schon jetzt als Anlagewährung gesucht ist, zeigt eine zweite Statistik, die die SNB heute veröffentlichte. Es geht um die Aufnahme von kurzfristigen Mitteln auf dem Geldmarkt durch den Bund. Die jüngste Auktion solcher Geldmarktbuchforderungen warf eine negative Rendite von 0,620 Prozent ab. Das ist der höchste Negativzins seit dem letzten September. Bei den Anlegern, die für diese Gebühr während drei Monaten 689 Millionen Franken bei der Eidgenossenschaft parkieren, dürfte es sich allerdings nur zu einem geringen Teil um Ausländer handeln.