Flugsicherheit

23. Januar 2012 13:03; Akt: 23.01.2012 14:29 Print

Handy ausschalten - wieso eigentlich?

von Kian Ramezani - Flugpassagiere müssen elektronische Geräte bei Start und Landung ausschalten, tun dies aber nicht immer. Kein Wunder: Wissenschaftlich steht das Verbot auf wackligen Beinen.

Sicherheit an Bord der Swiss: Keine elektronischen Geräte während Rollen, Start und Landung. (Video: Youtube/TheWorldsAirlines)
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«Aus Sicherheitsgründen dürfen elektronische Geräte während Start und Landung nicht benutzt werden.» So oder so ähnlich lauten die Anweisungen vor jedem kommerziellen Flug. Kein einziger Flugzeugabsturz konnte bis dato auf Interferenzen von Handys, Laptops, Tablets und E-Books zurückgeführt werden. Ein Zeichen, dass die strengen Vorschriften ihren Zweck erfüllen – wäre da nicht der Umstand, dass manche Passagiere ihre Gadgets gar nicht ausschalten. Mal ehrlich, wer kann von sich behaupten, das Verbot nicht schon einmal vergessen oder ignoriert zu haben?

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Zwei Fragen drängen sich auf: Wenn elektronische Geräte selbst im sogenannten Flugmodus gefährlich sind, warum setzen die Airlines das Verbot nicht konsequent durch? Bei Mineralwasser im Handgepäck drückt auch niemand ein Auge zu. Und wenn weltweit jeden Tag hunderttausende Handys in den Kabinen strahlen, warum fallen deswegen trotzdem keine Flieger vom Himmel?

Die Swiss gibt an, das Verbot konsequent umzusetzen: «Die Passagiere werden von der Crew vor jedem Start und vor jeder Landung kontrolliert», erklärt Sprecherin Sonja Ptassek auf Anfrage. Sollten die Piloten Störungen der Bordinstrumente feststellen, würden die Passagiere «noch einmal gründlich kontrolliert». Dass die Elektronik im Cockpit eine gewisse Toleranz gegenüber einzelnen, nicht ausgeschalteten Geräten in der Kabine aufweist, erscheint wahrscheinlich. Anders sähe es wohl aus, wenn sich hunderte Passagiere an ihren iPhones zu schaffen machten. Doch so plausibel diese Annahmen klingen: Wissenschaftlich lassen sie sich kaum erhärten.

Feldstärke nimmt nicht linear zu

Der US-Flugzeughersteller Boeing geht seit Jahren Rückmeldungen von Airlines über Anomalien bei den Bordinstrumenten nach, die Passagiere mit ihren elektronischen Geräten verursacht haben sollen. Wenn möglich versucht Boeing im Nachhinein, den Passagieren die aufgefallenen Geräte abzukaufen, um sie in seinem Labor unter möglichst identischen Bedingungen zu testen. Offenbar ist es bisher noch nie gelungen, die beobachtete Anomalie zu reproduzieren.

Selbst die Auswirkungen von dutzenden gleichzeitig betriebenen Geräten im Vergleich zu einem einzigen sind unklar. Das E-Book Kindle von Amazon etwa erzeugt laut Tech-Blog der «New York Times» 30 Mikrovolt (0.00003 Volt) pro Meter. Das elektromagnetische Feld, das 100 Kindels erzeugen, ist aber nicht 100 mal grösser. Und selbst wenn die Zunahme immer linear ausfallen würde: Die Bordinstrumente eines Verkehrsflugzeug müssen gemäss US-Luftfahrtbehörde F.A.A. 100 Volt pro Meter aushalten. Das ist über 3 Millionen Mal mehr als von einem einzelnen Kindle ausgeht.

Im Zweifelsfall auf Nummer sicher

Die F.A.A. verweist auf eine 2006 durchgeführte Studie, in der die Radio Technical Commission for Aeronautics die Auswirkungen von elektronischen Geräten auf die Bordinstrumente eines Flugzeugs untersuchte. Das Resultat: Keine Beweise, dass diese Geräte ein Flugzeug beeinflussen können und keine Beweise, dass sie es nicht können. Dieselbe Argumentation macht sich auch die Swiss zu Eigen. Es sei eine «Tatsache», dass die Benutzung von elektronischen Geräten zu Störungen bei den Bordinstrumenten führt. Deswegen bleibe die Nutzung der Geräte während Start- und Landephase verboten, «so lange nicht das Gegenteil ausgeschlossen werden kann», hält Sonja Ptassek fest.

Der Beweis, dass tragbare elektronische Geräte die Bordinstrumente eines Flugzeugs nicht negativ beeinflussen, ist wissenschaftlich nur schwer zu erbringen, wie BAZL-Sprecher Daniel Göring auf Anfrage bestätigt. Instrumente, welche Piloten brauchen, um das Flugzeug fliegen zu können, seien in umfangreichen Verfahren zertifiziert worden. «Um das generelle Verbot von elektronischen Geräten für Passagiere aufzuheben, müssten alle erdenklichen Modelle auf dem Markt auf die gleiche Weise geprüft werden», sagt Göring. Ein Ding der Unmöglichkeit. Die Devise, im Zweifelsfall lieber auf Nummer sicher zu gehen, sei daher gerechtfertigt.

Andere Gründe ausschlaggebend?

Vor dem Hintergrund der dünnen Faktenlage geistern in der Aviatik-Community seit jeher alternative Erklärungsversuche für die umstrittene Regelung herum. In Wirklichkeit seien die Airlines während Start und Landung, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls am höchsten ist, auf die ungeteilte Aufmerksamkeit der Passagiere angewiesen. Lebensrettende Anweisungen der Crew sollen in einer Krisensituation nicht mit iTunes konkurrieren müssen. Anstatt sich auf die Einsicht der Passagiere zu verlassen, würde ein technisches Verbot vorgeschoben.

Dass ein Reisender auch durch spannende Lektüre oder ein angeregtes Gespräch (bisher noch erlaubt) abgelenkt sein könnte, berücksichtigt diese Theorie nicht. Andere warnen vor den scharfen Kanten frei herumfliegender iPads und Laptops und vergessen, dass bei heftigen Turbulenzen auch vermeintlich harmlose Gegenstände wie Bücher Verletzungen verursachen können. Es bleibt dabei: Das Verbot elektronischer Geräte bei Start und Landung basiert nicht auf Wissen sondern auf Unwissen.

Was denken Sie? Besser Vor- als Nachsicht? Oder einfach eine weitere unnötige Vorschrift? Diskutieren Sie mit.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter Pan am 28.01.2012 11:53 Report Diesen Beitrag melden

    Auch wenn ein eingeschaltetes Handy kaum zum Flugzeugabsturz führt, wieso kann man nicht einfach die Vorschriften befolgen? Wenn ich bei jemandem zu Besuch bin halt ich mich auch daran wenn dort in seinem Haus Rauchverbot herrscht, obwohl er kaum sterben würde wenn ich eine rauche.

  • Dani am 28.01.2012 00:30 Report Diesen Beitrag melden

    Unfähige Leute

    Verboten oder nicht, die meisten Leute sind (entschuldigung ist halt leider so) einfach zu blöde um ihr Handy auszuschalten oder es in den Flugmodus zu schalten. Ob es die Flugzeuginstrumente nun stören kann oder nicht, wenn die Fluggesellschaft ein Verbot vorschreibt ist es so - wenn sich niemand daran hält darf nachher auch niemand jammern, wenn es am Ende verboten ist, die Geräte im Flugzeug bei sich zu haben. So wegen kein Empfang im Flugzeug - dann sendet das Gerät besonders stark um eine Funkzelle zu finden, obs stört oder nicht, nützen tuts auch nichts. Aber angurten ist ja auch nutzlos

  • Peter M. am 27.01.2012 16:40 Report Diesen Beitrag melden

    Kontrolle

    Grundsätzlich geht es ja um Kontrolle. Das einige Personen ohne Ihr Händy sterber könnten ist eine andere Geschicht. Ziel ist es, alles im Flugzeug unter Kontrolle zu haben und keine Zwischenfälle zu erzeugen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Yannick Müller am 28.01.2012 12:10 Report Diesen Beitrag melden

    Sinnlos

    Ich kann mit Sicherheit sagen, dass das Verbot sinnlos ist. Ich bin Flugzeugmechaniker und kann bestätigen, dass solche Einstrahlungen keine wirklich Gefählichen Einflüsse auf die Elektronik hat... Zudem haben viele Piloten sogar im Cockpit ihr Handy eingeschaltet...

  • Peter Pan am 28.01.2012 11:53 Report Diesen Beitrag melden

    Auch wenn ein eingeschaltetes Handy kaum zum Flugzeugabsturz führt, wieso kann man nicht einfach die Vorschriften befolgen? Wenn ich bei jemandem zu Besuch bin halt ich mich auch daran wenn dort in seinem Haus Rauchverbot herrscht, obwohl er kaum sterben würde wenn ich eine rauche.

  • Dani am 28.01.2012 00:30 Report Diesen Beitrag melden

    Unfähige Leute

    Verboten oder nicht, die meisten Leute sind (entschuldigung ist halt leider so) einfach zu blöde um ihr Handy auszuschalten oder es in den Flugmodus zu schalten. Ob es die Flugzeuginstrumente nun stören kann oder nicht, wenn die Fluggesellschaft ein Verbot vorschreibt ist es so - wenn sich niemand daran hält darf nachher auch niemand jammern, wenn es am Ende verboten ist, die Geräte im Flugzeug bei sich zu haben. So wegen kein Empfang im Flugzeug - dann sendet das Gerät besonders stark um eine Funkzelle zu finden, obs stört oder nicht, nützen tuts auch nichts. Aber angurten ist ja auch nutzlos

  • Stefan Eich am 27.01.2012 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    Es geht auch mal ohne Handy!!

    Ich wäre sogar dafür, dass man es abgibt und bei der Landung wieder erhält. Es geht auch mal ohne. Und wenn nicht, wäre wohl eine Behandlung beim Psychiater notwendiger!

    • The Shooter am 27.01.2012 21:26 Report Diesen Beitrag melden

      Langeweile

      Ich nehme an sie sind noch nie 9h geflogen? Den es ist ziemlich langweilig.

    • chris s am 28.01.2012 08:41 Report Diesen Beitrag melden

      The Shooter

      Schon mal was von "Büchern" gehört?

    • Gerhard B. am 28.01.2012 09:06 Report Diesen Beitrag melden

      @ The Shooter

      Ich weiss nicht mit welchen Fluggesellschaften Sie rumfliegen. Ich fliege sehr, sehr viel und auch mehr als 9h und ich gebe Ihnen recht, es ist ziemlich langweilig! Aber, jede einigermassen gute Fluggesellschaft hat ein Entertainment-System an Bord mit Filmen, Musik, Games etc. um sich die Zeit zu vertreiben. Ich weiss nicht was da das Handy noch mehr bieten kann?

    • Andreas Eich am 28.01.2012 15:29 Report Diesen Beitrag melden

      Warum nicht?

      Ich hoffe Sie sind ausserhalb des Mobilfunkbereichs offen für neue Sachen die das Leben vieler Menschen vereinfachen und gleichzeitig sogar ein bisschen Abwechslung in einen langen Flug bringen können. Ich verstehe Ihre Aussage absolut nicht.

    • ristretto am 28.01.2012 18:25 Report Diesen Beitrag melden

      buch lesen!

      dann lesen sie doch mal ein gutes buch! dasandy brauhts dazu nicht!

    • Peter Steffen am 28.01.2012 20:29 Report Diesen Beitrag melden

      Es gibt mehr als nur Handys

      Für das gibt es Laptops und Tablets das kann man während dem Flug einschalten, und darauf Videos schauen oder spielen, man muss ja nicht sms'len oder telefonieren...richtig unnötig.

    • D. S. am 28.01.2012 23:51 Report Diesen Beitrag melden

      Echt?

      Wow, und was hat man vor dem Handy und Ipad so gemacht? Sich zu Tode gelangweilt? Es gibt immer noch Bücher, Zeitschriften usw. Ich verstehe schon, dass das Handy wenig bis keine Risiken darstellt. Das man es aber gegen Langeweile braucht verstehe ich noch weniger als die Massnahme der Fluggeselschaften. Ich habe auch keine Ahnung weshalb ich mein Handy auf meinem Flug nach New York gebraucht hätte. (Deshalb habe ich auch kein Problem mein Handy auszuschalten, wenn ich es nicht vergesse.)

    einklappen einklappen
  • Peter M. am 27.01.2012 16:40 Report Diesen Beitrag melden

    Kontrolle

    Grundsätzlich geht es ja um Kontrolle. Das einige Personen ohne Ihr Händy sterber könnten ist eine andere Geschicht. Ziel ist es, alles im Flugzeug unter Kontrolle zu haben und keine Zwischenfälle zu erzeugen.

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