Als Chauffeur am WEF

27. Januar 2012 14:34; Akt: 30.01.2012 17:54 Print

«Gianni Agnelli bestellte mir einen Cuba Libre»«Gianni Agnelli bestellte mir einen Cuba Libre»

von Sabina Sturzenegger - Er chauffierte Präsidenten, Prinzen und Patriarchen. Er plauderte mit Fiat-Boss Agnelli und Sir Peter Ustinov und hörte dem leisen Bill Gates zu: «Pedro» Putscher, Fahrer des WEF.

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Mit den Reichen und Mächtigen in Davos: Brasiliens Ex-Präsident Fernando Henrique Cardoso (Mitte) mit zwei seiner Minister am WEF 1998 auf der Schatzalp. Die Herren wurden damals von VIP-Fahrer Peter Putscher betreut. (Bild: Keystone)

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Herr Putscher, was war das Seltsamste, das Sie als VIP-Chauffeur am WEF erlebt haben?
Peter «Pedro» Putscher: Als der brasilianische Präsident Fernando Henrique Cardoso in Kloten ankam, hiess es, er komme mit sieben bis acht Leuten. Tatsächlich kam er mit 150 in zwei Flugzeugen. Ich musste fast die ganze Entourage in Zürich in Hotels unterbringen. Zudem musste ich den Leuten Geld pumpen: Die Militärs hatten schlicht kein Geld bei sich. Das waren, auf Schweizerdeutsch gesagt, «armi Sieche»!

Was war für Sie am langweiligsten an Ihrem Job?
Die Warterei. Das war schlimmer als im Militärdienst! Oft sass ich einfach an einer Hotelbar und wartete auf meine Gäste. Aber ich habe dabei auch sehr interessante Bekanntschaften gemacht.

Zum Beispiel?
Sir Peter Ustinov. Der Schauspieler sass in seinem Kamelhaarmantel an der Bar im Steigenberger in Davos und sprach mich an. Ich wusste nicht sofort, wer er war, aber das machte ihm nichts aus. Ustinov war als Unicef-Delegierter am WEF und erklärte mir, dass er um Geld «bettle». Er war ein sehr netter Kerl! Wir haben uns blendend unterhalten.

Wen haben Sie sonst noch kennengelernt?
Den ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf. Der war ebenfalls sehr nett, als ich ihn in einer Gaststube traf. Ich sollte mich einfach neben ihn setzen und ihm Gesellschaft leisten. Aber wie gesagt, es gab auch die weniger schönen Seiten der Warterei.

Erzählen Sie!
Einmal habe ich beim Kaffeetrinken einem Vermummten zugesehen, wie er vor meinen Augen eine Limousine demoliert hat.

War es Ihr Wagen?
Nein, der von meinem indischen Kollegen. Der Vermummte ist einfach über die Autos hinweggerannt. Später hat er einem Polizisten mit einem Ski eins an den Kopf gehauen. Das war schrecklich!

Was haben Sie gemacht?
Ich habe mein Auto in Sicherheit gebracht und die Polizei gerufen. Eigentlich hätte ich den gewalttätigen Mann aber am liebsten selber verhauen.

Zurück zu Ihren Gästen: Wen haben Sie sonst chauffiert?
Microsoft-Chef Bill Gates habe ich viermal ans WEF gefahren. Er ist mir aber nicht so in Erinnerung geblieben – er war eher zurückhaltend und still. Ein anderes Mal hatte ich den Sicherheitschef von Bill Clinton, Oberst John Bush, im Auto. Er wollte bei jeder Kreuzung die Fluchtwege für den US-Präsidenten inspizieren – und das im Landwassertal! (lacht)

Bill Clinton selber haben Sie nie getroffen?
Nein, ich habe ihn nur einmal von Weitem gesehen auf einer Autobahnraststätte im Glarnerland. Ich war mit einem mexikanischen Gast unterwegs von Davos nach Zürich, und der wollte Kaffee trinken. Doch dort war schon eine Riesenaufregung und eine Wagenkolonne mit Chauffeuren und allem drum und dran. Clinton konnte wegen des schlechten Wetters nicht mit dem Heli zurück nach Zürich fliegen, also war er auch mit dem Auto unterwegs.

Was war Ihr lustigstes Erlebnis?
Als der Fiat-Chef Gianni Agnelli für mich an der Bar einen Cuba Libre bestellte – ausgerechnet für den Fahrer! Oder als ich den spanischen Kronprinzen Felipe fuhr: Damals habe ich gar nicht gewusst, wer er ist. Ich habe meiner Frau nachher erzählt, dass eine lange «Latte» von einem Mann, der spanisch sprach, mit mir unterwegs war. Meine Frau hat mich ausgelacht, weil ich nicht begriffen hatte, wer dieser Mann war.

Wie sind sie denn als Menschen, die Reichen und Mächtigen, die das WEF besuchen?
Das sind Leute wie wir, wenn man Sie normal behandelt. Ich stand auch nie wie eine Rakete neben dem Auto, wenn ich die VIP aussteigen liess. Und ich habe nie um Autogramme gebeten. Das hat mir sicherlich einen gewissen Respekt eingebracht.

Beschäftigen Sie sich noch mit dem WEF?
Übers Internet, ja. Aber sonst nicht.

Wie hat sich der Anlass verändert?
Das WEF ist natürlich viel professioneller geworden. Die Chauffeure, die heute dort arbeiten, sind alle Vollprofis, im Gegensatz zu mir. Und die Sicherheitsvorkehrungen sind wahnsinnig geworden.

Würden Sie das wieder machen?
Auf jeden Fall! Die haben mich vor einem Jahr sogar angerufen, ob ich wieder für das WEF arbeiten möchte. Aber ich kann das nicht mehr. Ich hatte einen Hirnschlag und habe meinen Fahrausweis abgegeben.

Aber man erinnert sich an Sie.
Offensichtlich.

Wie sind Sie eigentlich zu diesem Job gekommen?
Nach meiner Pensionierung bekam ich Ende der Neunzigerjahre einen Anruf von der brasilianischen Botschaft in Bern. Ich sollte den Präsidenten betreuen.

Was bedeutete das?
Ich sollte ihn vom Flughafen abholen, ihn zuerst nach Bern und dann nach Davos fahren, ein Hotel für seine Entourage suchen – ich war einfach Cardosos Kontakt- und Vertrauensmann in der Schweiz. Das muss 1998 gewesen sein. Ich hatte keine Ahnung, was auf mich zukommt.

Womit sind Sie gefahren?
Mit einem Mercedes 600, zwölf Zylinder, ein gepanzertes Fahrzeug. Ich konnte ja nicht mit meinem eigenen BMW vorfahren.

Wem gehörten die Limousinen?
Das waren Autos einer professionellen Transport-Agentur aus Genf, für die ich arbeitete. Ich musste die VIP von Zürich nach Davos fahren und zurück. Manchmal fuhr ich drei-, viermal hin und her. Oder ich musste die Gäste in Davos vom Hotel abholen und zu den Veranstaltungen bringen. Teilweise musste ich auch woanders hinfahren.

Wohin?
Zur UBS B”rsenkurs in Zürich, in ein typisches Schweizer Restaurant, zum Einkaufen an die Bahnhofstrasse oder ins Glattzentrum.

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  • Carmen Putscher am 28.01.2012 10:53 Report Diesen Beitrag melden

    Photo

    Ohhh lieber Papa, hättest Du nicht lächeln können, als die Journalistin Photo gemacht hat....- Du bist live viel viel hübscher! ;-).....und ich hätte trotzdem liebend gern ein Autogramm von Peter Ustinov gehabt.... Carmen

  • Jürg Meili / Fortaleza / Brasilien am 27.01.2012 21:23 Report Diesen Beitrag melden

    Richtigstellung

    "Zudem musste ich den Leuten Geld pumpen: Die Militärs hatten schlicht kein Geld bei sich. Das waren, auf Schweizerdeutsch gesagt, «armi Sieche»!" Das kann man so nicht stehen lasse. Unser Präsident Fernando Henrique Cardosa (FHC) war nie ein "Militär" !!! Die Mitär's haben den Stab ende 80-er Jahre abgegeben. FHC ist der Vater der neuen Währung , der Real, in Brasilien. Die Währung gibts seit 1994. Sicher hatte der Mann nur US$ in der Tasche, der CHF spielt in Brasilienb keine Rolle und ist schwer zu bekommen und wenn zu einem Haarsträubenden Kurs.

  • Dankbarer Mensch am 27.01.2012 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    VIELE sollten sich ein Vorbild nehmen!

    Ich bewundere diesen Mann! Viele "alte" Leute hängen an ihrem Führerschein, als wäre es ihr Herz, wenn man es weg gibt stirbt man auf der Stelle! Endlich mal einer der es eingesehen hat, dass es irgend einmal zu gefährlich wird sich in ein Auto zu setzen und andere Menschen damit zu gefährden. (Dies von einem Chauffeur). Meine HOCHACHTUNG! und DANK!

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