Paradise Papers und die Folgen

08. November 2017 14:35; Akt: 08.11.2017 15:27 Print

«Beim Sneaker-Kauf denkt keiner an Steueroasen»

von I. Strassheim - Nike steht nach den Enthüllungen der Paradise Papers am Pranger: Die Steuertricks dürften dem Konzern aber nicht schaden, sagt Wirtschaftsethiker Martin Kolmar.

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Herr Kolmar*, die Recherchen von «SonntagsZeitung» und «Tages-Anzeiger» zeigen, dass Nike in der Schweiz und anderen Staaten kaum Steuern zahlt, sind wir aber im Grunde nicht alle Steueroptimierer?
Es spricht nichts dagegen, dass wir versuchen, unser Geld zusammenzuhalten. Multinationale Firmen haben aber einen viel grösseren Spielraum als Private oder kleinere, nationale Unternehmen, um weltweite Steuerkonstrukte zu schaffen.

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Diese Art der Steueroptimierung ist legal, ist sie aber auch legitim?
Das ist sehr umstritten. Offensichtlich ist aber, dass der Gemeinsinn in den letzten Jahrzehnten erodiert ist. Früher hat man zwar auch nicht gern Steuern gezahlt, aber doch eingesehen, dass auch der Staat Geld braucht, um Schulen oder Strassen zu bauen.

Sie meinen, es ist asozial, legale Tricks auszunutzen, um möglichst keine Steuern zu zahlen?
Wir sollten die Debatte nicht mit solchen Begriffen führen, denn sie sind nicht zielführend. Aber es gibt ein viel stärkeres Argument: Es ist aus Sicht der Staatengemeinschaft schlicht
unvernünftig, am Steuerwettbewerb festzuhalten, weil es
langfristig ökonomisch ineffizient ist. Die Wissenschaft weiss
das seit 30 Jahren: Die internationale Konkurrenz um Arbeitsplätze und Kapital führt letztlich dazu, dass die Staaten ihre Aufgaben nicht mehr sinnvoll erfüllen können. Denn es geht ihnen mehr und mehr das Geld aus. Am Anfang mag der Steuerwettbewerb noch gut sein, aber dann kommt ein Punkt, an dem es kippt. Auch für die OECD ist diese Grenze nun erreicht.

Warum scheinen einige Konzerne Steuer-Schlupflöcher eher auszunutzen als andere?
Das ist schwierig zu sagen. Klar ist, dass manche Konzerne nicht nur Produkte produzieren, sondern auch Politik. Grosse Unternehmen können zum Beispiel in vielen Ländern das
regulatorische Umfeld durch Lobbyarbeit beeinflussen. Sie
produzierent nicht nur Waren, sondern auch Politik. Deswegen ist Transparenz und Kontrolle der Parteienfinanzierung so wichtig.

Bleibt Nike eine beliebte Marke oder schädigt die Steuervermeidung den Ruf des Konzerns?
Unmittelbar nach der Aufdeckung von Skandalen können zwar schon Reputationsschäden auftreten. Aber meist nur kurz. Auch Nike dürften die Paradise Papers langfristig nicht schaden. Wenn Kunden neue Sneakers wollen und im Laden stehen, denken die meisten nicht an Steueroasen und die zweifelhaften Steuerpraktiken des Konzerns. Genauso wie bei Apple. Für Konsumenten sind auch prekäre Produktionsbedingungen generell kaum ein Thema beim Einkauf.

Auch Lewis Hamilton wird nicht zum Aussätzigen, weil der Formel-1-Weltmeister laut Paradise Papers mit seinem Privatjet die Mehrwertsteuer umging?
Das glaube ich nicht. Naming und Shaming wirkt in der globalen Welt nur bedingt.

Welche Rolle spielen die immer häufiger werdenden Datenleaks wie die Panama Papers oder jetzt die Paradise Papers?
Die Leaks sind wichtig, die Öffentlichkeit muss wissen, was vorgeht. Möglicherweise kommen einzelne Leute innerhalb der Firmen in Gewissenskonflikte. Es kann aber auch sein, dass sie sich für eine fehlende Beförderung rächen wollen. Die Gründe, Daten an Journalisten zuzuspielen, können ganz unterschiedlich sein. Aber es stellen sich auch an dieser Stelle Fragen der Legalität und Legitimität der Leaker.

Was meinen Sie, wie geht es nun weiter?
Das Steuerdumping kann nur international gestoppt werden. Denn für sich genommen, verhält sich jeder Staat, der seinen Steuersatz senkt, um Kapital anzuziehen, rational. Aber genau damit ist am Ende allen geschadet. Deswegen braucht es ein gemeinsames Vorgehen.

Und wie?
Wichtige grosse und mächtige Staaten müssten an einem Strang ziehen. Aber ich denke nicht, dass sie sich in der jetzigen Situation zusammenraufen, denn die Politik geht gerade in die entgegengesetzte Richtung, nämlich in die Renationalisierung. Dabei lassen sich die grossen Probleme wie Klimawandel, Digitalisierung oder Steuerumgehung nur international angehen.

*Martin Kolmar ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Der Ironiker am 08.11.2017 14:42 Report Diesen Beitrag melden

    Moderne Marktwirtschaft

    Ein Sneaker kostet 260.-. Davon gehen 0.000001 an die Arbeiter in Indien. 5.- sind Materialkosten. 30.- sind Steuern. 85.- werden vom Staat subventioniert. Die 30.- Steuern werden hinterzogen. So liegt der Gewinn bei 310.-. Von diesem Gewinn gehen 309.- als Lohn und Boni an das Management. Und 1.- an das Personal. Das ist die moderne Marktwirtschaft.

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  • Lukas am 08.11.2017 14:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Volkinitiative und Vorbild für die EU

    Also ich bin der Meinung die Steuern sollen dort bezahlt werden wo der Gewinn erwirtschaftet wird und nicht wo der Briefkasten angeschrieben ist. Starten wir die "fair tax"? Es geht ja nicht, dass zb der iPhone 1000 CHF kostet und Apple nur 50 cents in Irland statt die 8% = rund 100 CHF in der Schweiz.

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  • Mark Frank am 08.11.2017 14:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    moment mal

    Wenn ich von Deutschland die Umsatzsteuer Rückerstattung mache (grüner Zettel), dann legt der deutsche Fiskus noch Geld drauf,da Nike die Steuern umgeht?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bona am 09.11.2017 11:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abwählen

    Siehe Bundesrat Amman auf legalen Weg seine 250 000 ooo.- nach Luxemburg transferiert ohne steuern zu bezahlen. Denke an Arbeitnehmer sind gezwungen Steuern zu zahlen. Ist das legitim?

  • Susi am 09.11.2017 10:06 Report Diesen Beitrag melden

    Danke der Globalisiserung

    Diese ganzen Tricksereien sind nur dank der Globalisierung und der Freihandelsabkommen möglich. Es braucht schon im Interesse des Klimawandels (Der globale Warentransport ist hauptverantwortlich für all die Emissionen)eine massive Einschränkung dieser Globalisierung und mehr Protektionismus um die heimischen Märkte zu stärken. Die normale Bevölkerung zahlt den Preis für die Libarale Haltung zum Welthandel, es ist ein globaler Beschiss mit Steuertricksereien, Subventionen und Klimazertifikaten etc.

  • Dani am 09.11.2017 08:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das eigentliche Problem ist,....

    ....das die Politik gar nichts änder will! Sie verdienen-optimieren am jetzigen System alle mit. Bestes Beispiel ist unser BR JSA (400 MIO. Steueroptimierung auf den Kanalinseln). Wer noch Fragen hat müsste halt mal beginnen nachzudenken... Solange das jetztige Politsystem nicht geändert wird, wird sich auch bei den Gesetzen zur Steueroptimierung wenig ändern. Das Volk abzuzocken ist halt soviel einfacher. Dabei wäre alles so einfach: Steuern zwingend da erheben wo der Umsatz resp. der Gewinn eingefahren wird...

  • piet am 08.11.2017 18:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    verlochen

    muss ich jetzt auch machen. Die Steuerzahlerei für verstopfte Strassen und dauernd Nachsteuern zu zahlen ist genug. Das Geld wird verlocht in sogenannte Entwicklungs und Aufbauhilfe in ost oder andere Länder denen wir Nichts schulden denn die lachen sich krumm über unseren Fleiss.

  • Swissgirl am 08.11.2017 18:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verwerflich

    Genau deshalb braucht es eine globale Steuerpolitik. Es ist moralisch verwerflich, wenn Firmen die wirtschaftlich günstige Infrastruktur eines Landes nutzen, ohne Steuern zu bezahlen und dann verschwinden kaum dass sie einen Rappen bezahlen müssen. Ausnützen nennt man das!