George Sheldon

20. April 2014 21:08; Akt: 20.04.2014 22:20 Print

«Der Mindestlohn ist die falsche Therapie»

von Yves Hollenstein - Der Arbeitsmarktprofessor hält den Mindestlohn für das falsche Mittel zur Armutsbekämpfung. Besser seien Steuergutschriften. Bedenken, dass die Zuwanderung steigt, hat er nicht.

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George Sheldon, Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie an der Universitaet Basel. (Bild: Keystone)

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Herr Sheldon, mit einem gesetzlichen Mindestlohn von 4000 Franken läge die Schweiz weltweit an der Spitze. Kann sich die Schweiz das leisten?
Leisten schon. Die Frage ist aber, ob die Schweiz sich das leisten will. Der geforderte Mindestlohn wäre im internationalen Vergleich in der Tat sehr hoch.

Aber die Schweiz ist auch eine Hochpreisinsel. Da muss der Mindestlohn auch höher sein als beispielsweise in Deutschland.
Das stimmt, aber um zu ermitteln, ob ein Mindestlohn hoch ist, muss man ihn mit dem Medianlohn vergleichen (die Schwelle, wo die Hälfte darunter und die andere Hälfte darüber ist). In Ländern, in denen man den Mindestlohn bereits kennt, entspricht dieser rund einem Drittel des Medianlohns. In der Schweiz würde der von den Initianten angepeilte Mindestlohn aber über zwei Drittel betragen. Der hierzulande geforderte Mindestlohn ist sehr hoch angesetzt.

Wenn der Mindestlohn eingeführt würde, was hätte dies für Konsequenzen?
Man kann davon ausgehen, dass die Beschäftigung zurückgehen würde. Und zwar hauptsächlich für niedrig qualifizierte Arbeitnehmer, weil sie tendenziell vermehrt in den Genuss von Mindestlöhnen kommen würden. In Anbetracht dessen erweist man genau diesen Personen einen Bärendienst, wenn man die Löhne anhebt. Sie haben bereits bei den gegebenen Löhnen Mühe, eine Stelle zu finden. Wenn das Ziel ist, genau diese Leute an Bord zu holen, dann ist es kontraproduktiv, wenn man deren Arbeit verteuert.

Die Gewerkschaften argumentieren mit den Working Poor. Es sei ein Skandal, dass Leute nicht von ihrer Arbeit leben können.
Selbstverständlich gibt es in der Schweiz das Problem der Erwerbsarmut. Die Frage ist einfach, ob ein Mindestlohn die richtige Therapie ist, um dies zu bekämpfen. 4000 Franken können für einen Ein-Personen-Haushalt mehr als ausreichend sein, während es für eine Familie in Zürich viel zu wenig ist. Ein flächendeckender Mindestlohn ist eine viel zu ungezielte Massnahme.

Was wäre zielführender?
Ein sehr gezieltes Instrument sind so genannte Steuergutschriften. Diese kennt man vor allem aus angelsäschischen Ländern wie beispielsweise den USA. Anhand der Einkommensteuer wird geprüft, ob aufgrund der familiären Verhältnissen der Verdienst reicht, um über die Runden zu kommen. Wenn man ein gewisse Schwelle unterschreitet, bekommt man, statt Steuern zu zahlen, Geld vom Staat. Man kann dies mit Subventionen für Bauern vergleichen.

Aber solche Länder haben gleichzeitig auch einen Mindestlohn.
Das stimmt. Nur hat dieser dort eine ganz andere Funktion. Das Hauptziel ist nicht, die Erwerbsarmut zu bekämpfen, sondern Missbrauch zu verhindern. Beispielsweise kann ein Arbeitgeber sagen: «Da du Steuergutschrift kriegst, zahle ich dir nur noch einen Hungerlohn.» Durch den Mindestlohn ist er aber gezwungen, ein angemessenes Gehalt auszuzahlen. Gleichzeitig ist der Mindestlohn nicht zu hoch angesetzt, damit die Beschäftigung nicht darunter leidet.

Die Schweiz hat im internationalen Vergleich eine niedrige Arbeitslosigkeit. Würde diese dann mit einer Annahme der Initiative gefährdet?
Im Gesamtdurchschnitt wird man vielleicht keinen grossen Anstieg zu sehen bekommen. Aber gerade bei Ungebildeten ist die Arbeitslosenquote in der Schweiz dreimal so hoch wie beim Rest der Bevölkerung. Und wenn hauptsächlich diese entlassen würden, ist das schon ein gewichtiger Anstieg bei einer Gruppe, denen der Mindestlohn eigentlich helfen sollte.

Für Arbeitnehmer der umliegenden Länder wäre der Schweizer Mindestlohn sehr attraktiv. Kommt eine neue Zuwanderungswelle?
Die Attraktivität der Schweiz als Arbeitgeberin wird steigen, aber das wird nicht reichen, um eine Zuwanderungswelle auszulösen. Denn die Zuwanderung in der Schweiz ist nicht angebots-, sondern nachfragegesteuert. Das heisst, es kommt nicht darauf an, ob die Schweiz für die Ausländer attraktiv ist, sondern ob die Arbeitgeber ein Bedarf nach ausländischen Arbeitskräften haben. Und durch den Mindestlohn wird dieser Bedarf eher sinken.

Besteht die Gefahr, dass Firmen aus der Schweiz abwandern, weil sie die hohen Löhne nicht mehr zahlen wollen oder können?
Dafür kämen nur exportorientierte Firmen in Frage. Diese sind aber nicht vom Mindestlohn betroffen, da sie bereits jetzt höhere Löhne zahlen. Aber ein Gartenbauer, Coiffeur oder Restaurantbetreiber hat kaum die Möglichkeit, über die Grenze zu wechseln, da er an die hiesige Wirtschaft gebunden ist.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Monaco Franze am 20.04.2014 21:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mittelstand adieu

    Die Schweiz läuft langsam aber stetig Gefahr ein Land nur für Gutbetuchte zu werden. Auf den ersten Blick schön, dass Einwanderer mit grossem Vermögen oder hohem Einkommen hier sesshaft werden. Die Chefs der Steuerämter reiben sich die Hände, Aber diese Nachfrage treibt die Preise von Mieten und Bauland in enorme Höhen, Der normale Büezer muss schauen, dass er sich noch über Wasser halten kann. Den wahren Mittelstand aus de 70er und 80er gibt es nicht mehr. Die Patrons von damals sind schon längst in Pension. Nun herrschen sog. Manager, Guet Nacht Schweiz

  • G.Brin am 20.04.2014 21:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Henry Ford

    Henry Ford hat 1914 all seinen Mitarbeitern den Lohn verdoppelt und eine Arbeitsstunde pro Tag verkürzt (von 9 auf 8) und leitete damit den Wirtschaftsboom der Amerikanischen Autoindustrie ein...seine Pressemitteilung lautete:lieber 20'000 Menschen mit einem anständigen Einkommen, als wenige Sklaventreiber zu Multimillionären machen...

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  • R. Hofer am 20.04.2014 21:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Relativ

    Logischerweise würde ein Mindestlohn die Produktion und somit sämtliche Konsumgüter verteuern, womit sich der Mindestlohn wieder relativiert - ein Teufelskreis ... Steuergutschriften müssten wir uns aber leisten können. Vielleicht bliebe dann halt weniger für gewisse fragwürdige Projekte, welche einem ohnehin fragen lassen, warum wir Steuern zahlen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • AnthonySmith am 22.04.2014 14:35 Report Diesen Beitrag melden

    unfassbar

    Das Problem ist, jeder der eine eigene Firma hat und sich selber nur zB 2'500.- oder 3'500.- Lohn auszahlen kann (das ist nicht ungewöhnlich), also Angestellter in seiner eigenen Firma ist, der muss sich danach 4'000.- auszahlen. Evtl. will er das gar nicht, um sein EK nicht zu belasten oder Gelder für Investitionen bereit zu halten. Also nur schon deswegen macht das ganze kein Sinn. 2. Gehen stellen verloren. Jeder der das leugnet ist für mich ein Banause, weil wenn man 1 + 1 zusammenzählt kommt einfach 2 raus. Auch wenn das zB Juso/Unia SP oder Grünlinge nicht kapieren wollen.

  • AnthonySmith am 22.04.2014 10:00 Report Diesen Beitrag melden

    stop it

    Auf den Punkt gebracht. Weise Worte. Ganz klares NEIN von mir.

  • proVernunftgesellschaft am 21.04.2014 13:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    4000 zu viel?

    Eigentlich sollte man sich fragen was ist meine Lebenszeit wert, von der ich einen Löwenanteil bei der Arbeit aufwende. Dan erkennt man das Manager Gehälter grad mal so als Mindestlohn durchgehen. Allgemein sollten wir unsere Wirtschaftssystem endlich stärker hinterfragen und Alternativen bilden die allen (damit ist auch die Natur gemeint) nützt. Die A-Sozialpartnerschaft funktioniert nur noch für die ganz Naiven. Solange Rüstung, Gesundheit, Nahrung ja sogar die Menschen und die Natur selber den Gesetzen des Wirtschaftlichen Wachstums unterliegen machen wir nur noch mehr verlierer. Nichts lässt die Kassen der Reichen so klingeln wie Krieg und Humanitäre Krisen.

  • I. Rexhepi am 21.04.2014 13:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Egoisten 

    In meinen Augen ist die Schweiz und sind wir Schweizer egoisten. Warum sollte nicht jeder 4000.- verdienen können? Seine Familie ernähren können? Seine Kinder eine normale Kindheit haben können? Auch eine Putzfrau und auch ein portugiesischer Gastarbeiter arbeiten genau so hart wie ihr alle auch und haben auch eine Familie und eigene Bedürfnisse...wie Ferien, ein Auto, ein Haus....schämt euch alle,die meisten die gegen den Mindestlohn sind, sind mit goldenen Löffel im Mund aufgewachsen und wissen nicht was es bedeutet zu Teilen und auch einem einfachem Arbeiter respekt zu zollen...

  • Chrampfer am 21.04.2014 12:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zweite Seite der Medalie

    Wenn ich sehe wer sich alles an meinem Lonh bereichert wie Parasitten,frage ich mich war zuerst das Huhn oder das Ei? 1. Vermieter = keine Ammortisation = hohe Schulden = hoher Steuerabzug = hohe Mieten. 2. Versicherungen = Staatlich verordnete Rechnungssteller ohne grosse Gegenleistung. Falls doch nötig meist mit Rückzieher,Regress oder Bonusverlust. 3. Kranke Gesundheitsindustrie = Profi Schwarzpeter zuschieber, Spitäler, Pharma, Aertzte.Aus Profitgier werden sogar gesunde krank. 4. Lobbypolitiker betonieren erneut die Hochpreisinsel. 5.Multis werden mit Steuergeschenken angelockt. Profitiert wird von Infrastruktur, Sicherheit, Arbeitsfrieden, wenig Ferien, 42 & mehr Stundenwoche, weltweiter Handel auch mit Boykotierten. All diese Dienstleister"verweigerer", Firmen,Banken bezahlen orbitante Bohnilöhne und VR-Honorare. Hier wird profitiert von der Merzischen Steuerreform. Börsengewinne müssen immer noch nicht versteuert werden! Wenn diese Schmarotzer mithelfen würden unser Staatswesen mitzutragen könnten wir Chrampfer sofort mit 1000.- weniger auskommen und wären Weltweit konkurenzfähig. Vielen Dank der ununterbrochenen bürgerlichen Mehrheitspolitik seit 1848. P.S. Professionelles jammern muss wohl ein Studiengang an unsern Hochschulen sein.

    • Rafael am 21.04.2014 13:01 Report Diesen Beitrag melden

      @Chrampfer

      Diese 'Schmarotzer' tragen 95% der Steuerlast. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass von einem 'Chrampfer' Gehalt Ihre Gemeinde die benötigten Infrastrukturen in Stand hält? Also bitte.

    • Schwamendingen am 21.04.2014 13:14 Report Diesen Beitrag melden

      Verschwörungsblödsinn

      In Zürich bietet meine Genossenschaft eine 3-1/2 Zimmerwohnung mit 70qm. für 870 Franken pro Monat an. Exakt die gleiche Wohnung im exakt baugleichen Haus kostet 950 Meter weiter östlich auf der selben Strasse 1.850 Franken. Eine Vermietungsgesellschaft ist dort Eigentümer der heruntergekommenen Häuser. Keine Mietzinssenkung seit 2008 wie bei uns, sondern nur abkassieren, abkassieren, abkassieren. Unsere Häuser sind top gepfegt und 20 Vollzeitmitarbeiter kümmern sich täglich um die Pflege von Haus und Grund.

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