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Organisiertes Verbrechen
14. Juli 2010 15:13; Akt: 14.07.2010 15:48 Print
«Die Schweiz wird die Mafia nicht mehr los»
von Othmar Bamert - Die Mafia hat auch Verbindungen in die Schweiz. Expertin Stephanie Oesch erklärt, wie die Ndrangheta etwa Schweizer Restaurants zu Geldwaschmaschinen macht.

Begehrte Geldwäschwereiobjekte: Villen im Engadin. (Bild: Keystone)
Nach der grossen Verhaftungsaktion gegen die kalabrische Ndrangheta in Italien stellt sich einmal mehr die Frage nach den internationalen Verbindungen von kriminellen Organisationen. Die Mafia sei auch in der Schweiz sehr aktiv, sagt die Politologin Stephanie Oesch im Gespräch mit 20 Minuten Online.
Geld parkiert? Luxuswagen im Genf.
Waschmaschine? Restaurant an bester Lage.
Infografik
Die Mafia in Italien
Schweiz und Geldwäscherei
Weltweit 2 bis 5 % des Bruttoinlandproduktes aller Staaten haben ihren Ursprung in Schwarzgeldern, schätzt der internationale Währungsfonds IWF. Gemäss Experten ist die Schweiz weiterhin ein attraktiver Geldhort. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) meldet einen Rekord: Die eingegangenen Verdachtsmeldungen haben 2009 um 5.3% zugenommen, die involvierten Vermögenswerte sind mit rund 2.23 Milliarden Franken so hoch wie nie. Zwei Drittel aller Meldungen kommen aus dem Bankensektor. Geldwäscherei gibt es laut Experten aber auch bei Bordellen, Beizen, Modeboutiquen, Reisebüros oder beim Autoleasing.
Das Fedpol warnt vor den Gefahren: Insbesondere die Mafiagruppierung Ndrangheta wird als äusserst gefährlich erachtet, da deren Exponenten teils sehr gut in der Schweizer Gesellschaft integriert sind. Aber auch kriminelle Organisationen aus den GUS-Staaten operieren aktiv in der Schweiz.
Geldwäscherei bleibt nach wie vor schwer zu fassen. Bislang kam es nur bei rund 4 % aller gemeldeten Verdachtsfälle tatsächlich zu einem Urteil.
Hat die Mafia die Schweiz im Griff?
Stephanie Oesch: Die Mafia ist sehr aktiv. Dazu eine Zahl: Im Jahr 2007 hat nur schon die Ndrangheta in der Schweiz geschätzte 10 bis 30 Millionen Franken gewaschen. Und das ist nur eine von vielen kriminellen Mafia-Verbindungen. Es ist stark anzunehmen, dass die Mafia hierzulande im grossen Stil operiert. Die Schweiz wird vor allem benutzt, um Geld zu parkieren und reinzuwaschen.
Wie geht die Mafia dabei vor?
Die Mafia kauft wertvolle Güter, zum Beispiel investiert sie in Immobilien, in Kunstwerke oder auch in teuren Schmuck. Auch Luxusautos kommen in Frage. Einfach gesagt: Die Mafia tritt überall dort auf, wo relativ problemlos und unerkannt viel Geld umgesetzt werden kann. Eine Geschäftsimmobilie zum Beispiel mit einem Restaurant ist geradezu ideal, denn nach dem Kauf der Liegenschaft kann später mit dem Betrieb des Lokals laufend Geld gewaschen werden.
Welche Regionen sind besonders gefährdet?
Insbesondere das Tessin, zum Teil auch das Wallis und der Kanton Graubünden - insgesamt also grenznahe Gegenden, wo die Muttersprache der Mafiosi gesprochen wird. Das erleichtert natürlich ihre Integration und damit die lokale Infiltration.
Wie sieht es mit den grossen Schweizer Städten wie Zürich, Genf oder Bern aus?
Gerade Zürich und Genf sind anfällig wegen ihres Finanzplatzes. Grossstädte sind ausserdem immer gefährdet wegen ihrer Infrastruktur und Anonymität.
Gibt es auch mafiöse Strukturen rein schweizerischen Ursprungs?
Ganz klar nein. Die Schweiz wird von den ausländischen Mafia-Gruppierungen, vor allem aus Italien und aus Russland, als Transitland und Logistikbasis missbraucht. Die Schweizer Bevölkerung ist mit ihrer demokratischen Kultur in der Regel nicht anfällig für mafiöse Entwicklungen.
Ist die schweizerische Politik von der Mafia infiltriert?
Kaum. Jedenfalls nicht im grossen Stil. Es kann aber schon sein, dass einzelne Lokalpolitiker Verbindungen zur Mafia haben, aber von einer Unterwanderung weiter Teile der eidgenössischen Politik kann noch keine Rede sein. Aber wir müssen aufpassen, dass die Mafia unsere Demokratie nicht untergräbt.
Welches ist die grösste Gefahr, die von der Mafia für Schweizerinnen und Schweizer ausgeht?
Die 'Normalbürger' merken kaum etwas von der Mafia, das ist ja auch das Problem bei einer geheimen kriminellen Organisation. Aber im oberen Segment kann es schon Veränderungen geben, zum Beispiel bei den Preisen. Immobilienkäufer könnten etwa merken, dass die Villa im Engadin noch teurer und für sie unerschwinglich wird.
Wird sich die Mafia weiter ausbreiten?
Wenn wir nicht aufpassen, sind auch kartellartigen Ausschreibungen zum Beispiel im Bausektor möglich, was zur Folge hätte, dass immer die gleichen Firmen zu den lukrativen Aufträgen kämen. Eine weitere Folge der Infiltration durch die Mafia wären dann auch mehr Gewaltdelikte. Aber beides ist hierzulande zum Glück noch in weiter Ferne.
Trotzdem ist die Gefahr offensichtlich da. Hat die Schweiz überhaupt eine Chance, die Mafia wieder loszuwerden, oder sind wir schon auf direktem Weg zu einem ‚Berlusconi-Staat’?
Ganz los werden wir das Problem im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr. Sonst müssten wir dicke Mauern um die Schweiz bauen.
Wie können wir im täglichen Leben gegen die Korruption vorgehen?
Leider gibt es keine klaren Hinweise. Aber seien Sie kritisch und vorsichtig, verlangen Sie Transparenz. Und zögern Sie nicht, sich an die Behörden zu wenden, wenn Ihnen etwas suspekt vorkommt.
Wohin wendet man sich mit einem Verdacht?
Gehen Sie zur örtlichen Polizei. Die geniesst schliesslich unser Vertrauen. Sie leitet den Verdacht auch weiter an die zuständige Stelle bei der Bundespolizei.
Die Politologin Stephanie Oesch verfasste 2010 das Buch «Die organisierte Kriminalität - eine Bedrohung für den Finanzplatz Schweiz?».





























