Eurokritiker im Interview

21. Juli 2011 07:27; Akt: 21.07.2011 10:07 Print

«Die Währungsunion ist gescheitert»

von Sandro Spaeth - Professor Willhelm Hankel hatte bereits vor über zehn Jahren vor dem Euro gewarnt – und Recht bekommen. Er sieht in der Währungsunion die Ursache der Schuldenkrise.

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Professor Wilhem Hankel fordert von den EU-Staatschefs, dass sie die Hilfe an Griechenland einstellen. (Bild: Keystone)

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Professor Wilhem Hankel sah das Unheil kommen. Der Deutsche hatte als einer der wenigen Ökonomen bereits Ende der Neunzigerjahren vor der Gemeinschaftswährung gewarnt. 1998 klagte der Währungsspezialist gegen Deutschlands Beitritt zur Eurozone – und unterlag. Von seiner Angriffslustigkeit hat der 82-jährige Wirtschaftswissenschaftler nichts eingebüsst: Er prozessierte 2010 auch gegen Berlins Milliardenkredite an Griechenland.

Herr Hankel, Sie hatten bereits bei der Euro-Einführung vor der Währung gewarnt. Das Schuldenschlamassel zeigt, Sie haben Recht bekommen. Ist das eine Genugtuung?
Wilhelm Hankel:
Wissenschaftlich ist es eine Genugtuung, politisch aber keinesfalls. Ich sehe mich in der Rolle des Vaters, der sein Kind vor dem Überfahren durch ein Auto retten muss.

Um bei Ihrem Bild zu bleiben: Wie nahe ist denn das Fahrzeug bereits?
Das Kind ist halb überfahren. Das Unglücksgefährt muss dringend gestoppt werden. Die Währungsunion in dieser Form ist gescheitert. Jede Rettungsaktion vergrössert die Krise zusätzlich und macht die Situation in einzelnen Staaten nur noch schlimmer.

Wie meinen Sie das?
Die schuldengeplagten Staaten verlieren an Demokratie, weil sich Brüssel stärker einmischt und ihnen Regeln aufzwingt. Zudem werden die Bürger in den helfenden Staaten geschröpft. Der deutsche Finanzminister Schäuble will 80 Prozent der Staatseinnahmen für die Rettung maroder Euro-Länder verpfänden. Damit lähmt sich Deutschland selbst massiv.

Deutschland hat stark vom Euro profitiert. Jetzt wird das Land zur Kasse gebeten. Das ist doch gerecht.
Dass Deutschland vom Euro profitiert hat, ist eine der dreistesten Lügen überhaupt. Es wird immer übersehen, dass der Exportanteil der deutschen Wirtschaft schon vor über zehn Jahren bei 40 Prozent lag – und dort liegt er noch heute. Deutschland verdankt den Erfolg dem wachsenden Weltmarkt und der Lohndisziplin. Die Reallöhne sind seit Einführung des Euro nicht gestiegen.

Was wäre heute anders, wenn die EU-Staaten ihre eigenen Währungen behalten hätten?
Die finanzielle Situation in den Euroländern wäre massiv besser. Die Angst vor der Abwertung der eigenen Währung sowie Bedenken, dass Investitionen ausbleiben könnten, hätten die Überschuldung verhindert. Eine Misswirtschaft, wie wir sie beispielsweise in Griechenland sehen, hätte nicht statt gefunden.

Wird die Eurozone wegen der Schuldenproblematik auseinanderbrechen?
Wenn die Eurozone auseinander bricht, ist das kein Unglück. Es wird auch danach ein Europa geben. Wenn aus der Währungsunion wieder eine Wechselkursunion würde, könnte jedes EU-Land nach seiner Façon selig werden. Die Krisen-Länder könnten ohne Diktat von ausländischen Vögten eigene Reformen durchführen. Mit dem Auseinanderbrechen der Eurozone würde der europäische Wirtschaftsraum EWR, wie wir ihn bis 1994 hatten, wiederbelebt.

Am Donnerstag beraten die EU-Staatschefs über die Rettung Griechenlands. Könnte eine weitere Hilfe auch den Rettern gefährlich werden?
Das Problem ist, es geht lediglich um eine Pseudo-Rettung. Und diese wird wegen des immer grösseren Ausmasses für die Helfenden gefährlich. Es ist als ob der Ertrinkende den Retter mit in die Tiefe zieht. Früher oder später wird der Bankrott Athens eintreffen. Tragisch ist: Die Europäische Zentralbank hat während Jahren die Augen vor der desolaten Situation im griechischen Haushalt verschlossen.

Fakt ist doch: Die EU hat bereits so viel Geld nach Griechenland gepumpt – nun können die Minister nicht einfach Stopp sagen. Sonst wäre alles Vorherige für die Katz.
Die Regierungschefs müssen die Hilfe an Griechenland einstellen, wenn sie den Euro retten und ihre Glaubwürdigkeit wiedergewinnen wollen. Eine kleinere Währungsunion mit den starken Ländern des Nordens könnte erfolgreich sein.

Dann wollen Sie die Griechen also aus dem Euro schmeissen?
Ja. Man sollte Griechenland im gegenseitigen Einvernehmen aus der Eurozone ausschliessen. Das ist eine Lösung der ökonomischen Vernunft. Historisch wurden alle Währungskrisen über Abwertung gelöst. Nur ist das nicht möglich, so lange die Griechen in der Euro-Zone sind.

Bei einem solchen Schritt würden alle Griechen die Konten plündern und das System könnte zusammenbrechen.
Das ist ein Märchen, um Griechenlands Ausschluss aus der Währungsunion bereits im Keim zu ersticken. Die Rückkehr zur Drachme wäre möglich, man müsste dies einfach über Nacht umsetzen. Die Euro-Guthaben der Griechen bei griechischen Banken würden eins zu eins in Drachme umgewandelt, deren Wert zum Euro aber massiv sinken dürfte. Wer sein Geld bei einer ausländischen Bank hortet hat, hat Glück gehabt. Diese Guthaben bleiben verschont.

Geht es nach Ihnen, würde Griechenland also besser zur Drachme zurückkehren. Wünschen Sie sich auch die D-Mark zurück?
Ja, und ich sage das als überzeugter Europäer und Demokrat. Man kann Währung und Staat nicht trennen. Ich bin der Meinung, dass Deutschland und die EU mit der Mark besser dran waren.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Realist am 21.07.2011 14:58 Report Diesen Beitrag melden

    Fakten, Fakten, Fakten (2)

    Die Behauptung von Hankel, dass Deutschland nicht vom Euro profitiere ist - vom wissenschaftlichen Standpunkt aus und vorsichtig formuliert - eine bewusste oder unbewusste Fehleinschätzung. Er selbst sagt, dass die Abwertung betroffener Währungen (Spanien, Portugal, Griechenland, Irland) die Lösung des Problems wäre. Wie aber sieht die andere Seite aus? Dies erlebt gerade die Schweiz mit einer übertriebenen Aufwertung des Franken und massiven Problemen für die Industrie. Die bleibt Deutschland ersparrt. Hankel verschweigt, das Deutschland enorm von niedrigen Zinsen profitiert.

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  • A.D: am 21.07.2011 11:53 Report Diesen Beitrag melden

    der Fluch der Vielseitigkeit...

    Die EU hätte funktionieren können, wenn nicht zu unterschiedliche Staaten in die Union aufgenommen worden wären. Ich bin überzeugt eine EU die aus D,F und den Beneluxstaaten bestehen würde, würde auch heute ohne Probleme eine Wirtschaftsmacht darstellen.

  • K. Räschter am 21.07.2011 09:12 Report Diesen Beitrag melden

    Prof. Hankel sagt das, was ...

    ... ich auch schon lange gedacht habe. Denn eine starke Währung wie den Euro aufbauen zu wollen, indem man Staaten wie Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, Zypern, Estland, Tschechien, etc. aufnimmt und diese plötzlich zu Hart-Währungsländer macht, konnte nie und nimmer gut gehen. Man sieht es ja heute ...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Frank R. am 03.08.2011 17:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anfang vom Ende ?

    Währungsunion gescheitert...? und der Dollar ? Vielleicht ist es der Kapitalismus der hier scheitert....das Ende eines Luftballons der viele Reiche und noch viel mehr Arme produziert hat...?? wir werden sehen !

  • Reto Stadelman am 30.07.2011 21:14 Report Diesen Beitrag melden

    Denkt Langfristig, statt Kurzsichtig

    Ich finde es immer wider schmerzhaft zu sehen wie viele sich in kindlicher und kindischer Art und Weise über die Probleme der EU freuen. Ebenfalls finde ich es erschreckend wie wenig Verständnis diese Leute für einen funktionierenden Markt haben und wie wenig visionär ihre Vorstellungen sind... Wie auch immer: Die EU wird überleben und in zwei drei Jahrzenten neben den USA und China eine dritte Weltmacht sein, mit einem Garant für Reichtum und stabilität. Bis dahin werden einige Federn lassen müssen, vieles wird sich, auch politisch, verändern. Aber die Narren unter euch werden noch belehrt :)

    • Gute Nacht vereinigtes Europa am 02.08.2011 18:58 Report Diesen Beitrag melden

      Die grosse Vision !

      Ja Gott sei Dank gibt es Propheten wie den Reto ;-). Klar kann die EU überleben und die Menschen dürfen in ähnlich " tollen " Verhältnissen leben wie die meisten Menschen in den USA. Wirtschaftsmacht USA ? wieviele Billionen Schulden ?! Wenn das Voebildfunktion für Europa haben soll kann man sich nur noch fragen wer auf dem alten kontinemt das Licht aus macht und auf China werden in den nächsten Jahren noch ganz andere Probleme zukommen wie ein Wachstum von 10 % ! Wetten ;-)

    • Kleines Kugerl am 03.08.2011 15:58 Report Diesen Beitrag melden

      Seltsame Weltmachtsphantasien

      Was mich wundert ist, wie man noch an diese Vision glauben kann. Die EU wird zu einem Superstaat ohne Volk. Die Vereinigten Staaten von Europa zu schaffen kann nicht funktionieren. Liebe Schweizer, lasst euch nicht von seltsamen Visionen einer Weltmacht EU in die Irre leiten und behaelt euer Selbstbestimmungsrecht. Es ist schon befremdlich, wenn man Bilderbergprotokolle liest. Dort wird gebetsmuehlenartig wiederholt, dass Nationalstaaten aufgeloest werden muessen und ihre Souveraenitaet an eine Supranationale Macht abgeben muessen. "National States are outmoded..." Wie gehirngewaschen!

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  • Ronny Flury am 28.07.2011 17:37 Report Diesen Beitrag melden

    Unverständnis...

    Ich lese hier von Weltunion, Weltwährung... die EU sei wie eine Beziehung wo am Anfang es ein wenig Turbulent zugeht, dann man sich aber findet. Wir reden hier aber nicht nur von "2" Menschen sondern von einigen Hundert Millionen im Falle einer Weltunion von ca. 7-8 Milliarden; ausgestattet mit unterschiedlichen Religionen, Bräuchen, Ansichten, Philosophien etc. Solche Ideen klingen für mich nach Kommunismus (Aufgabe des Individuums zugunsten der Gemeinschaft) welches historisch klar versagt hat. Irrsinn! Nebenbei erwähnt... wie hoch ist doch gleich die Scheidungsquote?

  • Martin Frei am 23.07.2011 10:59 Report Diesen Beitrag melden

    Narrenschiff

    An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ich sehe nicht mal eine welche aus diesem EU Affenzirkus entstanden wäre. Zur Orientierung kann ich nur das Lied "Narrenschiff" von Reinhard Mey empfehlen.(you tube)

  • Kurt Aegeri am 22.07.2011 17:07 Report Diesen Beitrag melden

    EU nicht "Worst-Case-tauglich"

    Mir ist es schleierhaft, warum geistig voll zurechnungsfähige Staaten nicht auch zu einem Miteinander imstande sein sollten, wenn sie keine gemeinsame Währung besitzen. Mittlerweilen empfinde ich die ganze EU-Geschichte als eine Zwängerei von Technokraten auf dem Buckel der SteuerzahlerInnen, welche in der EU null Mitsprache haben. Ich halte wenig von einem schwerfälligen Polit-Gebilde, das gänzlich unfähig sein wird (und jetzt schon ist!) adäquat auf Krisen zu reagieren. Im übrigen: ob Atomkraft oder Finanzkraft - jedes Konstrukt muss fähig sein, auch einem Worst-Case-Szenario zu trotzen!

    • Pablo am 30.07.2011 16:08 Report Diesen Beitrag melden

      Tja....

      Weiter ist mir schleierhaft, warum angeblich gebildete Leute Schulden mit neuen Schulden bekämpfen wollen, wo man doch schon in jeder Gewerbeschule lernt, dass dies nur noch ins grössere Desaster führt. Ich jedenfalls lege mir in nächster Zeit noch einen Notvorrat an Essen zu und stell mich schon mal gut mit Bauern aus der Umgebung :-)

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