5G-Netz

07. März 2018 10:42; Akt: 07.03.2018 10:42 Print

«Erst die Antenne zeigt uns die Gefahr»

von V. Sadecky - Warum stört eine Funknetzantenne erst, wenn sie ins eigene Quartier soll? Psychologin Mirjam Hauser über das «Not in my backyard»-Phänomen.

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Bei Menschen, die schnelles Internet wollen, aber keine Funknetzantenne im Quartier, spricht man laut Konsumpsychologin Mirjam Hauser von der Gesellschaft für innovative Marktforschung vom «Not in my backyard»-Phänomen. Dabei wird versucht, potenzielle Gefahren von sich wegzuschieben, weil man sie nicht in der Nähe haben möchte. Die Swisscom hats mit 5G eilig – der Ständerat nicht. Er lehnte am Montag eine Motion der Fernmeldekommission zur beschleunigten Anpassung des Strahlenschutzgesetzes mit 22 zu 21 Stimmen bei zwei Enthaltungen ab. Mit höheren Antennenkapazitäten werde ein «Kollaps der Mobilfunknetze» abgewendet, so die Kommission. Im Februar hatte Swisscom angekündigt, ihr 5G-Netz schon dieses Jahr zu lancieren. Dazu sei eine Lockerung der Vorschriften notwendig. Die Vorschriften regeln die Kapazität von Handyantennen in der Schweiz. Der Ständerat will die Strahlenschutzvorschriften vorerst nicht ändern, obwohl der Bundesrat die Annahme der Motion empfohlen hatte. Zu Demonstrationszwecken wurde bei der Swisscom bereits im Februar ein kleines », so ein Sprecher des Unternehmens. Zudem wird das bestehende 4G-Netz der Swisscom weiter optimiert und ausgebaut. In elf Schweizer Städten werde die Geschwindigkeit punktuell auf bis zu 800 Megabit erhöht, was etwa doppelt so schnell ist wie die aktuelle Spitzengeschwindigkeit. Ralf Beyeler, Telecom-Experte bei Moneyland.ch, bezweifelte allerdings, dass Swisscom schnell mit seinem 5G-Netz vorankommt ... ... noch gebe es viele Hürden für den neuen Mobilfunk-Standard. 2018 würden Konsumenten in der Schweiz darum von 5G noch nicht wirklich profitieren, so Beyeler. Zurzeit liegt die Schweiz, was die aktuelle Surfgeschwindigkeit angeht, weltweit auf Platz 17 mit einer durchschnittlichen Downloadgeschwindigkeit von 30,4 Mbit/s.

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Die Swisscom verspricht, noch 2018 ein 5G-Netz zu lancieren. Der Ständerat will das Strahlenschutzgesetz aber noch nicht revidieren. Die Debatte um die Funknetzantennen ist emotional aufgeladen. Immer wenn neue Antennen geplant werden, kommt es zu regionalen Protesten. Diese gehen so weit, dass antennenfreie Wohngebiete gefordert werden.

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Braucht es ein 5G-Netz in der Schweiz?

Die Konsumpsychologin Mirjam Hauser von der Gesellschaft für innovative Marktforschung erklärt, warum Menschen erst gegen Antennen, Fluglärm und Atommüll-Lager protestieren, wenn sie in der Nähe davon wohnen.

Frau Hauser, alle wollen schnelles Internet, aber keiner eine Antenne vor dem Haus. Ist das nicht total widersprüchlich?
In der Psychologie gibt es einen Ausdruck für dieses Verhalten: «Not in my backyard», also «Nicht in meinem Hinterhof». Man versucht potenzielle Risiken und Gefahren von sich wegzuschieben, weil man sie nicht in der Nähe haben möchte.

Aus den Augen, aus dem Sinn?
Besonders bei Umweltthemen wie der Ablehnung von Fluglärm oder Atommüll-Lagern. Solange der Strom einfach aus der Dose kommt, muss man sich nicht damit auseinandersetzen, weil man Atomenergie nur abstrakt kennt. Sobald Atomabfälle ins eigene Dorf verlegt werden, wird die Gefahr real.

Wie funktioniert das genau?
Wenn man die Gefahr an etwas Realem festmachen kann, also zum Beispiel die mögliche Strahlengefahr an einer Antenne, wird man ständig an sie erinnert. So kämpft man immer wieder mit einem Dilemma, einem Widerspruch in sich.

Kann man das Dilemma überwinden?
Im ersten Moment nicht. Denn da ist nach dem Psychologen Daniel Kahneman das intuitive, schnelle Denken am Werk. Manche nennen es auch Bauchgefühl. Man kann sich aber dafür entscheiden, das rationale, langsame Denken einzusetzen, das mehr kognitive Energie kostet. Es kommt immer dann zum Zug, wenn man wichtige Entscheidungen treffen soll: Welches Jobangebot nehme ich an? Für welche Wohnung unterschreibe ich den Mietvertrag? Beende ich eine Beziehung?

Handystrahlung soll schädlicher sein als die von Antennen. Trotzdem telefoniert jeder mit dem Handy am Ohr. Ist das nicht irrational?
Ja, wenn etwas im Alltag schon sehr wichtig ist, fällt es schwer, darauf zu verzichten, da der Verzicht persönliche Folgen hat. Bei «Not in my backyard» hingegen geht es häufig um Dinge, von denen die ganze Gesellschaft profitiert, aber nur das Quartier die Kosten tragen muss, in dem die Antenne montiert wird.

Haben Sie schon mal gegen eine in Ihrer Umgebung geplante Antenne Einsprache erhoben? Und falls ja, wie sieht es mit Ihrer Handy-Nutzung aus?

Sind Menschen überhaupt rational bei ihren Entscheidungen?
Wir sind häufig nicht rational, wenn wir entscheiden. Wir können aber nur so im Alltag funktionieren. Wir fällen pro Tag Tausende schnelle Entscheidungen, und für diese kommt nur das schnelle Denken in Frage, das bezieht unser Bauchgefühl mit ein, unsere Erfahrungen. Wenn wir jedes Mal komplett rational das Pro und Kontra abwägen würden, wäre das viel zu aufwändig, es ist einfach nicht effizient.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Radaroperateur am 07.03.2018 11:19 Report Diesen Beitrag melden

    Beispiel Flughafen

    Gerade das mit dem "Fluglärm" ist ja schon bizzar.. Da ziehen Leute in die Nähe des Flughafens und machen nachher ein riesen Drama und man (Politiker) Fällen dann völlig unsinige Entscheidungen. Gerade letzte Woche kam eine Swiss Maschine aus Asien (glaub Honkong) zurück, auf so eine Distanz kann man nur schon wegem Wetter nicht auf eine exakte Zeit in Zürich sein. Doe Maschine war um 05:15 hier, musste aber bis zur Flughafenöffnungszeit um 06:00h warten mit landen.. Also kreisste die Maschine 45 Minuten über Winti/ Frauenfeld.. Das hören die Leute dort nicht?, Ökologie 45min Sprit verbrennen

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  • Bänz am 07.03.2018 11:17 Report Diesen Beitrag melden

    Irrational

    Unterhaltend finde ich die Ergebnisse der Studie zur Elektrosensibilität der University of Essex, bei welcher 12 Studienteilnehmer den Test wegen Übelkeit abbrechen mussten - obwohl die Antenne ausgeschaltet war. Die Existenz einer Elektrosensibilität konnte selbstredend nicht nachgewiesen werden.

  • Klaus am 07.03.2018 11:05 Report Diesen Beitrag melden

    Geld regiert die Welt

    Schön zu sehen das man für alles gesundheitsschädliche die Normen so anpasst, damit man es trotz Bedenken einführen kann, aber für belangloses zeugs wie co2 Vorschriften und Gebühren erlässt. Aber eben es geht wie immer nur ums Geld und den Vorteil für ein paar Wenige, denen das ganze System dient.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mipi am 07.03.2018 13:15 Report Diesen Beitrag melden

    Alle wollen?

    Ich will überhaupt nicht. Ich wüsste nicht, wozu ich noch mehr Speed bräuchte. Versende ab und an mal ein Bild. Streaming nutze ich gar nicht. Habe noch keinen Fall erlebt, wo 4G nicht gereicht hätte. Ich sehe auch nicht ein, warum Swisscom und Co. das unbedingt wollen. Das Abo wird ja nicht teuer, wenn man 5G nutzt. Warum also die Investition? Ausser es gibt dann ein noch teureres Abo, welches für 5 G benötigt wird. Wer will den sowas?

    • Nordkantonler am 07.03.2018 14:55 Report Diesen Beitrag melden

      @Mipi

      Mit einer solchen Einstellungen hätten sie noch daheim ein 14.4k Modem. Nur weil _Sie_ sowas nicht brauchen, bleibt die Welt zum Glück nicht stehen - wer hätte vor 10 Jahren gedacht, dass heute auch 4k-TV über das Internet übertragen wird?

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  • Marco am 07.03.2018 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    Wozu noch schneller

    Das ist der einzige Grund momentan womit Swisscom auf sich aufmerksam machen kann, weil denen langsam die Kunden davon rennen. Brauchen wir echt 5G??? 4G reicht vollkommen.

  • Baba das Original am 07.03.2018 13:03 Report Diesen Beitrag melden

    Bei der

    Frage ..alle wollen schnelles Internet..habe ich aufgehört zu lesen,weil dies eine Untersrellung ist welche durch nichts bewiesen ist. Wenn nur 1 Person das nicht will sind es schon nicht mehr alle .

  • Stefan am 07.03.2018 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    Alles haben aber nichts geben

    Jeder hat ein smartphone aber antennen freies wohnen, alle wollen strom aber kein atommüll endlager, in die nähe des flughafen ziehen weils günstiger ist mit dem flieger in urlaub aber kein fluglärm. Langsam zweifle ich stark am verstand. Das ist doch nicht normal.

  • B. Wisser am 07.03.2018 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    10 h Bestrahlung am Arbeitsplatz ist ok

    Wer sich zu den Antennenstandorten informiert sieht dass sie auch massenhaft in Industriequartieren stehen. Dort 10 Stunden täglich bestrahlt werden ist eben kein Problem.