Schuldenfalle

12. August 2014 21:23; Akt: 13.08.2014 14:07 Print

«Es braucht einen höheren Verzugszins»

von C. Landolt - Eine Statistik zeigt, dass besonders Jugendliche von einer lebenslangen Schuldenfalle bedroht sind. Der Chef der grössten Inkassofirma fordert daher drastische Massnahmen.

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Thomas Hutter ist Managing Director bei Intrum Justitia, der landesweit grössten Schuldeneintreiberin mit Sitz in Schwerzenbach ZH. (Bild: 20 Minuten)

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Je jünger, desto höher ist das Risiko zum Schuldenmachen, so lautet das Fazit des sogenannten «Radars 2014» zur Verschuldungssituation in der Schweiz. Laut der grössten Schuldeneintreiberin des Landes, Intrum Justitia, wiesen die 25- bis 29-Jährigen «einen Negativrekord» und somit das höchste Verschuldungsrisiko auf.

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Diese Altersgruppe hat durchschnittlich 330 Franken Schulden pro Person. Bei der jüngeren Altersgruppe (18 bis 25 Jahre) sind es noch mehr: 358 Schweizer Franken bleiben unbezahlt. Besonders betroffen sind Singles oder Alleinerziehende. Sie haben laut Intrum ein eklatant höheres Verschuldungsrisiko. «Sie müssen sämtliche Kosten allein bestreiten, das kann eine grosse Belastung sein», erklärt Thomas Hutter von Intrum Justitia.

Oft helfen Mami und Papi

Laut Hutter ist diese Altersgruppe auch besonders betroffen, weil sie auf sich selbst gestellt sei. «Wer mit 18 einmal einen 'Seich' gemacht hat, darf in der Regel auf die Hilfe der Eltern zählen», sagt Hutter. «Mit 25 bis 29 Jahren dagegen gilt diese Devise nicht mehr. Man wohnt nicht mehr daheim und ist auf sich selbst gestellt.»

Für Junge sei es einfach, in die Schuldenfalle zu tappen. «Wir leben in einer Konsumgesellschaft, in der die Versuchung sehr gross ist», sagt Hutter. Schon als Teenager gehe es darum, das richtige Mobiltelefon zu haben und die angesagten Kleider zu tragen – «da haben sich viele nicht mehr im Griff».

Sei man da nicht gut behütet von Eltern oder Schule, führe das schnell zu einem Leben auf Pump, so Hutter. 67 Prozent der Betreibungen enden laut Intrum Justitia mit einer Pfändung und 40 Prozent mit einem Verlustschein. «Als Jugendlicher braucht man jemanden, der einem sagt: Du kaufst das jetzt nicht, weil du das Geld dazu gar nicht hast.»

Arztrechnungen und E-Shopping

Am häufigsten verschulden sich junge Männer im Online-Shopping. Frauen begleichen die Arzt- und Laborrechnungen nicht. Auch Handy- oder Kabelrechnungen bleiben oft unbezahlt. Die ausstehenden Rechnungen im Telekom-Bereich sind in der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen mit durchschnittlichen Forderungen von 730 Franken denn auch am höchsten.

Junge hätten es schwer, die frühe Erstverschuldung wieder loszuwerden. Mehr als jede dritte Person, die sich vor 5 Jahren im Alter von 18 bis 25 Jahren erstmals verschuldet hat, sei noch immer verschuldet – weil laufend neue Schulden generiert würden.

Höherer Verzugszins

Intrum Justitia setzt sich laut eigener Aussage ein für Prävention in Schulen, plädiert aber auch für eine Verschärfung der Schuldenpraxis. «In der Schweiz haben wir einen Verzugszins von fünf Prozent», sagt Hutter. «In Schweden sind es zwölf Prozent. Dort herrscht eine ganz andere Zahlungsmoral.» In den nordischen Ländern dauere es auch nicht Monate bis zu einer Betreibung.

Ein hohes Einkommen und eine entsprechend gute Ausbildung sei die beste Schuldenprävention. Sowie die tröstliche Aussicht, dass im Alter alles besser wird: Ab 55 nimmt laut Intrum nämlich das Verschuldungsrisiko drastisch ab.

In die Erhebungen von Intrum Justitia fliessen allerdings nur die Daten der eigenen Kunden ein. Steuer- und Krankenkassenausstände werden von der Firma nicht eingetrieben, weshalb zwei wichtige Kategorien fürs Schuldenmachen unberücksichtigt bleiben.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Queenmum am 12.08.2014 11:53 Report Diesen Beitrag melden

    Schuldenfalle

    Meines Erachtens ist die Verschuldung auch in der "kaufe jetzt - bezahle später"-Mentalität begründet, die seit Jahren herrscht. Tastenklick, eingekauft. Egal ob ich Ende Monat bezahlen kann oder nicht. Man will haben, haben, haben und wer lange über seinen Verhältnissen lebt, der verschuldet sich zwangsläufig.

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  • falamanki am 12.08.2014 11:49 Report Diesen Beitrag melden

    "irrtum justizia" oder wie auch immer

    jaja.. und mit den dubiosen geschäftsmethoden, welche die intrum da fährt, macht es das dem schuldner auch nicht einfacher: oftmals werden noch aufwände, bearbeitungskosten, etc. geltend gemacht, die man laut OR nicht zu bezahlen hat, sondern nur die schuld und verzugszinsen.. alles andere ist unrechtens.. immer genau hinschauen!!!

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  • Jammer am 12.08.2014 11:53 Report Diesen Beitrag melden

    Kredit Geier

    ich glaube dieses Thema wurde schon 100 mal hier drin gewälzt !! lasst es doch. Manche lernen es sowieso nie. Zudem sollte man all diese Kredit Geier Firmen in die Pflicht nehmen, die in der Werbung denn Jugendlichen alles versprechen, ausser auf die Risiken hinzuweisen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • M.......... K................. am 13.08.2014 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    wenn schon der Staat auf Pump

    lebt...Wie sollen denn seine Bürger schuldenfrei leben? denn Sie müssen ja bürgen für Entscheide die sie nicht gefällt haben und Politiker die Sie nicht gewählt haben...zuerst sollte die Re-GIERung mal Ihre Finanzpolitik gründlich überarbeiten..und Zins muss immer zuerst jemand verlieren bevor ein anderer seine Schuld erfüllen kann in dem Sinne Wir bestrafen uns selber mit Zinsrechnen..denn der Zins ist niemals erschaffen oder gedruckt worden. Am Schluss tragen Wir wider alle für wenige.

  • Roland K. Moser am 13.08.2014 12:34 Report Diesen Beitrag melden

    Besser wäre...

    ...wenn im Internet nur noch gegen Vorauszahlung gekauft werden könnte und wenn die Handyrechnung im Voraus mit Akonto-Zahlungen in einem positiven Saldo gehalten werden müsste. Dann ein zentrales Register für gewährte Kredite welches von potenziellen Kreditgebern eingesehen werden muss und ein Gesetz, dass pro Person nur 1 laufenden Kredit erlaubt. Und Schwupps! Die Intrum-Justitia ist zum Glück föörig.

  • Hans-Jorg Merz am 13.08.2014 12:20 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht immer selber schuld

    Ich, 73, bin ebenfalls verschuldet. Warum? Weil mich die Scheidung ruiniert hat. Die Frau ist abgehauen, zu einem Anderen gezogen, jung, könnte ohne weitere noch arbeiten. Aber wer zahlt? Ich. Das ist unser Ehe(un)recht.

  • Inkasso sichert deinen Job am 13.08.2014 08:29 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Abschreiber - keine Arbeitslose!

    Wann kapiert ihr's endlich? Allein im letzten Jahr mussten in der Schweiz, ganze 8,3 Mia Franken (CHF 8'300'000'000!!!) an Forderungen abgeschrieben werden! Mit diesem Geld könnte JEDER Arbeitslose in der Schweiz (Stand Juni) mit einem Salär von rund CHF 60'000.- EIN JAHR LANG BESCHÄFTIGT werden. Mit anderen Worten: Diese Abschreiber kosten uns täglich unzählige Jobs! Inkasso ist leider ein notwendiges Übel

  • der Deutsche am 13.08.2014 08:18 Report Diesen Beitrag melden

    ein sauberes Konkursverfahren --

    mit 5/6/ 7 Jahren Laufzeit, prozentualer Tilgung (gemessen am Einkommen) und Restschuldbefreiung sowie danach konsequente Löschung des Konkurs - und keine Verlustscheine mit 20J Laufzeit - das ist, m.E. , ein Ansatz, um die Betroffenen wieder zu integrieren. Job- oder Wohungswechsel um die Kosten zu senken (bzw. Einkommen zu erhöhen) sind fast unmöglich - viele Unternehmen und (fast) alle Vermieter verlangen einen Betreibungsauszug. Dies gräbt auch diesen Eintreibern (oder Geier'n) das Wasser ab. Diese Register die hier geführt werden sind noch nicht einmal unter einer Aufsicht.