Banken am Wendepunkt

27. Dezember 2012 09:29; Akt: 27.12.2012 10:20 Print

«Es ist Zeit für einen Strategiewechsel»

von Sandro Spaeth - Seit Jahren ist der Schweizer Finanzplatz von allen Seiten unter Beschuss. Wird das so weitergehen? Ex-Botschafter Thomas Borer über Freund und Feind und den grossen Befreiungsschlag.

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Herr Borer, bei all den Problemen mit Bankgeheimnis und Steuerhinterziehung: Hat die Schweiz eigentlich noch Freunde?
Thomas Borer:
Staaten haben Interessen – und keine Freunde. Es gibt aber Staaten, die in jeweils verschiedenen Bereichen ähnliche Interessen haben wie die Schweiz und daher so etwas wie unsere Freunde sind.

Keine Freunde, ein schlechter Ruf. Das war früher besser.
Die Reputation der Schweiz im Ausland ist sehr differenziert zu betrachten. In vielen Ländern und bei vielen Bevölkerungsteilen – vor allem je weiter wir uns weg bewegen – hat die Schweiz einen ausgezeichneten Ruf. Es ist aber nicht wegzudiskutieren, dass die Schweiz in gewissen Kreisen zum Beispiel in Deutschland, Frankreich und den USA auf Steuerhinterziehung und Ähnliches reduziert wird. Doch das ist nicht repräsentativ.

Sollte der Bundesrat in Österreich und Luxemburg nach Verbündeten suchen - nach dem Motto «zusammen sind wir stärker»?
Ich plädiere seit zwölf Jahren dafür, dass wir unsere Interessen gerade auch in Bezug auf Finanzplatzfragen viel aktiver und energischer wahrnehmen. Die Schweiz hat es versäumt, ein tragfähiges Goodwill-Reservoir aufzubauen. Der Schweiz ist es nicht gelungen international aufzuzeigen, dass Staaten wie Österreich, Luxemburg, Singapur und letztlich auch die USA bezüglich Bankdienstleistungen ähnlich agieren.

Das tönt jetzt so, als sollte man auf die anderen Bösen zeigen.
Es geht nicht darum, andere anzuschwärzen. Man hätte längst klarmachen müssen, dass die Schweiz nicht alleine das Problem ist. Andere Staaten setzen auf ihren Finanzplätzen ähnliche Instrumente ein. Auf dieses Verständnis hätte man aber schon vor zehn Jahren hinarbeiten sollen.

Wird sich die Schweiz 2013 weiter isolieren?
Es ist nie zu spät, um Allianzen aufzubauen. In meiner Wahrnehmung wäre die Schweiz aber gut beraten, jetzt einen Strategiewechsel vorzunehmen.

Stellen Sie sich vor, Sie wären noch Schweizer Botschafter in Berlin: Was würden Sie zu Finanzminister Wolfgang Schäuble sagen, um gut Wetter zu machen?
Einzelne Handlungen und Aussagen nützen nichts. Es geht darum, die Schweiz gegenüber Deutschland und anderen Ländern umfassend und nachhaltig zu positionieren. Ich plädiere für eine Gesamtstrategie, die Politik-, Wirtschaft-, Kultur-, Sport- und Wissenschaftsbeziehungen miteinbezieht.

Was braucht es konkret?
Es braucht eine Analyse des Beziehungsnetzes zwischen beiden Ländern und eine Analyse der Interessen Deutschlands an der Schweiz. In einem zweiten Schritt müsste man einen Aktionsplan erarbeiten, der aufzeigt, bei welchen Gelegenheiten die Akteure die Schweiz angemessen darstellen können. Deutschland muss klar gemacht werden, dass die Schweiz ein wichtiger Partner ist.

2012 dominierten vor allem Negativmeldungen über die Schweizer Banken und den Finanzplatz. Wird das nächstes Jahr aufhören?
Das hört dann auf, wenn sich die Schweiz zu einem Strategiewechsel bekennt. Unser Vorhaben, die Abgeltungssteuer europaweit durchzusetzen, wird scheitern. Viel mächtigere Staaten und Organisationen als die Schweiz drängen auf den Informationsaustausch.

Der Grössere zwingt dem Kleineren die Regeln auf.
Wenn der Kleinere nicht in der Lage ist, sich nachhaltig und klug zu verteidigen, diktiert der Stärkere die Regeln.

Welchen Anteil am aktuellen Schlamassel haben die Banken?
Die Banken tragen die Hauptverantwortung für die Situation. Ihr Netzwerk und ihr Goodwill-Reservoir haben nicht getragen. Zudem haben sie strafrechtlich relevante Handlungen begangen.

Die Schweizer Strategie war immer zu reagieren statt zu agieren.
Genau darum ist mein Ansatz proaktiv. Wenn wir die mächtigen Staaten nicht schlagen können, müssen wir uns ihnen eben anschliessen. Die Schweiz sollte mit der EU Verhandlungen über den Informationsaustausch aufnehmen und fordern, dass dieser auch auf andere Finanzplätze weltweit ausgedehnt wird. Es braucht gleich lange Spiesse für alle. Mit dieser Strategie, davon bin ich überzeugt, kann die Schweiz auch das Altlastenproblem lösen.

Die USA werden ihren Finanzplatz Delaware nie opfern.
In einer ersten Phase wird der Informationsaustausch nur in Europa erfolgen. In einem zweiten Schritt könnte man aber gemeinsam Druck aufbauen, dass sich Finanzplätze wie Singapur und die USA ebenfalls dem System anschliessen.

Wird die Schweiz den Schwarzen Peter in Sachen Steueroase je wieder abgeben können?
Die Schweiz kann es sich nicht leisten, von relevanten Staaten weiterhin auf Steuerhinterziehung reduziert zu werden. Das schadet unserer Wirtschaft und dem Land insgesamt. Sobald der Strategiewechsel verkündet wäre, würde die Polemik sehr rasch aufhören. Mit der Ankündigung würde der Kontroverse die Spitze gebrochen.

Die Schweiz kam vor Jahren wegen der Holocaust-Gelder in Verruf. Nun sind es die Banken. Was kommt als Nächstes?
Angesichts der angespannten Haushalte in vielen Ländern erwarte ich Druck auf unser Steuersystem. Es wird aber zu Unrecht als unfair gebrandmarkt. Wenn wir die Front im Bankgeheimnisstreit durch einen Strategiewechsel befriedigen, dürfte es der Schweiz leichter fallen, Problemfelder wie die Holdingbesteuerung zu lösen.

Auch hier läuft alles auf eine Abwehrschlacht hinaus.
Wenn wir sie richtig führen, haben wir gute Argumente. Beispielsweise gewähren viele EU-Staaten zwar keine Steuervergünstigungen, subventionieren die Neuansiedlung von Unternehmen aber durch andere Beihilfen. Diesen Umstand muss man in den relevanten ausländischen Foren früh genug und deutlich aufzeigen.

Die Schweiz wird immer stärker zur Rohstoffdrehscheibe. Ein weiteres Reputationsrisiko?
Tatsächlich droht auch aus dieser Ecke Gefahr. Die Rohstoffhändler könnten das Schweizer Problemfeld der Zukunft werden. Sie müssen aus den Fehlern der Banken lernen, rechtzeitig Goodwill aufbauen und aufzeigen, dass ihre Tätigkeit für uns alle notwendig und wirtschaftlich sinnvoll ist.

Ab 2014 gilt mit den USA das FATCA-Abkommen. Zudem hat die Schweiz auf Druck der OECD zahlreiche Doppelbesteuerungsabkommen abgeschlossen. Was ist das Bankgeheimnis noch wert?
Etwas überspitzt gesagt, gilt das Bankgeheimnis noch gegenüber den Schweizer Steuerbehörden und Privatpersonen. Gegenüber dem Ausland ist es in vielerlei Hinsicht obsolet geworden. Mit dem FATCA-Abkommen wird es auch gegenüber den USA hinfällig. Darum wird man Deutschland oder Frankreich nicht vorenthalten können, was man den USA gibt.

Sie beraten unter anderem vermögende Russen. Raten Sie ihnen noch zu einem Schweizer Bankkonto?
Ich habe meinen Klienten immer geraten, den Wohnsitz in einem Land zu nehmen, wo sie fair Steuern zahlen. Wenn man nichts zu verbergen hat, ist die Schweiz wegen ihrer Stabilität und der effizienten Banken ideal.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Denise am 28.12.2012 13:18 Report Diesen Beitrag melden

    Soviel Borer-Gezwitscher schadet der CH

    Warum gibt man diesem Mann in der Öffentlichkeit dauernd eine Plattform ?

  • Barbara am 27.12.2012 14:11 Report Diesen Beitrag melden

    Mir lauft die Galle über

    was dieser Mann alles in der Öffentlichkeit ausbreitet - solche Leute schaden der Schwezer-Politik mehr als sie nützen.

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  • Freidenker am 27.12.2012 10:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Veränderung gewollt? Machbar!

    - Wer hat sein Konto, seine Hypothek noch bei einer Grossbank? - wer kauft die Produkte der Grosskonzerne sie Kinderarbeit betreiben? - Wer hinterfragt seinen täglichen blinden Konsum nicht? Wir Konsumenten halten in einer ökonomisierten Welt die grösste Macht in den Händen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Michael am 30.12.2012 21:09 Report Diesen Beitrag melden

    Das richtige Strategiewechsel-Rezept

    Für allen 150 ausländischen Banken in der Schweiz Lizenz-Entzug einführen. In der Schweiz hat es zuviel Gläserne Banken - kein Mensch weiss warum diese überhaupt sich hier niederlassen und was diese genau im Schilde führen - die Schhweiz muss entlich aufräumen.

  • Alex Kramer am 28.12.2012 15:51 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts zu verbergern und Steuern zahlen?

    "Wenn man nichts zu verbergen hat, ist die Schweiz wegen ihrer Stabilität und der effizienten Banken ideal." Das gilt natürlich nur für die Pauschalbesteuerung, womöglich in einem Trittbrett-Kanton mit zugepflasterter Seesicht. Oh du liebe Schweiz...?

  • Denise am 28.12.2012 13:18 Report Diesen Beitrag melden

    Soviel Borer-Gezwitscher schadet der CH

    Warum gibt man diesem Mann in der Öffentlichkeit dauernd eine Plattform ?

  • Herbert Bertherr am 28.12.2012 12:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo Borer

    Herr Borer hat schon einmal die Kohle für die Schweiz aus dem Feuer geholt. Die Schweizer Rosinenpickerei wird sich rächen. Wenn uns statt wohlwollen Abneigung von der ganzen Welt entgegen gebracht wird, dann wegen eigener Arroganz und Überheblichkeit. Attribute, die wir sonst selbstgefällig den Deutschen unterstellen. Herr Borer hat absolut recht und sieht es realistisch. Bitte übernehmen Sie!

  • Felix am 28.12.2012 00:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein Kniefall ist kein Befreiungsschlag

    Die günstigen Unternehmenssteuern inkl. Holdingbesteuerung sind sowieso die nächste Zielscheibe der Hochsteuerländer. Das wird ein Kniefall beim Informationsaustausch bez. Besteurung natürlicher Personen nicht verhindern. Sondern begünstigen!