Nutzlose «Meinung»

17. Januar 2012 17:04; Akt: 17.01.2012 17:17 Print

«Ratingagenturen bloss nicht ernst nehmen!»«Ratingagenturen bloss nicht ernst nehmen!»

von Sandro Spaeth - Die Bonitätswächter haben neun Eurostaaten und dem Rettungsschirm das AAA-Rating entzogen. Alles Humbug, findet Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar. Die Märkte geben ihm Recht.

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«Bewerten tötet» – Demonstranten protestieren vor den Gebäuden der Ratingagentur Standard & Poor’s in Paris. (Bild: Keystone)

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Die Bonitätswächter von Standard & Poor’s (S&P) haben am Montagabend zum zweiten Coup innert drei Tagen ausgeholt. Nachdem am Freitag Frankreich und acht weiteren Ländern die Top-Bonität entzogen wurde, musste der Europäische Rettungsfonds (EFSF) daran glauben – jene Institution, die den maroden Staaten bisher mit Geld unter die Arme gegriffen hat.

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An den Märkten ist wegen der Zurückstufung von AAA» auf «AA+» aber keine Hektik ausgebrochen. «Der Markt reagiert heute nicht mehr panisch auf Ankündigungen der Agenturen», erklärt Anastassios Frangulidis, Chefökonom bei der Zürcher Kantonalbank. Die Euro-Rettung sieht er nicht als gescheitert, zumal die übrigen Ratingagenturen den Rettungsschirm noch immer mit den besten Bonitätsnoten auszeichnen.

Frankreich finanziert sich billiger

Noch vor Monaten hatten die Bonitätswächter in der Eurokrise ein gewichtiges Wort mitgeredet. Mit ihren Urteilen wurde die Panik zuweilen erst richtig angeheizt und Staaten damit das Genick gebrochen. «Der Markt hat die Ratingagenturen überschätzt», sagt Frangulidis. Heute könne er aber unterscheiden. Mittlerweile ist klar: Die Ratingriesen sind kein Fiebermesser für die Beurteilung der Problematik der Staatsschulden.

Dass Investoren, Analysten und Börsianer die Urteile von Ratingagenturen nicht mehr für bare Münze nehmen, zeigt sich am Umstand, dass die Refinanzierungskosten für die am Freitag zurückgestuften Länder nicht gestiegen sind. Trotz Verlust der AAA-Bonität gelang es Frankreich am Montag problemlos frisches Geld an den Märkten aufzunehmen – und erst noch zu günstigeren Konditionen als bei der letzten Auktion von Geldmarktpapieren. Dasselbe gilt bei kurzfristigen Papieren auch für Italien und Spanien.

«Einfach nicht beachten»

Kein gutes Haar an den Ratingagenturen lässt Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar. «Die Analysequalität der Bonitätswächter ist jämmerlich, ihre Vorschläge sind nutzlos», schreibt der Direktor des hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts in seiner neusten Kolumne auf «Stern.de». Daraus folgert der bekannte Ökonom: Die Herabstufung von Frankreich, Österreich & Co. sollte man einfach nicht beachten, sondern vielmehr darüber lachen. Straubhaar fordert: Nachrichten über Bonitätsnoten, gehören nicht in den Wirtschaftsteil seriöser Medien, sondern auf Witzseiten.

Der ZKB-Chefökonom Frangulidis will die Ratingagenturen nicht schlecht reden: «Sie sind ein Player im Finanzmarkt, ein Informant, aber kein Teufel.» Er kritisiert auch die Politik: «Als die Ratingagenturen verkündet hatten, was der Markt sowieso dachte, wurden die Ratingriesen schnell zum Schuldigen gestempelt.» Es sei aber klar, dass die Agenturen in der Vergangenheit Fehler gemacht hätten. So hatte S&P die Titel der Bank Lehman bis kurz vor deren Pleite als sicheres Investment eingestuft, oder weder die Finanzkrise noch den Schuldenkollaps einiger europäischer Staaten ausreichend vorhergesehen.

Wird gewürfelt?

Besonders störend am Verhalten der Bonitätswächter findet Straubhaar, dass die Methoden und Wahrscheinlichkeiten, die der Benotung zugrunde liegen, wie ein Betriebsgeheimnis gehütet werden. Straubhaar folgert: Es könnte also auch sein, dass die Ratingagenturen einfach würfeln. Wie sehr die Agenturen selbst ihre Arbeit für Hokuspokus halten, lasse sich daraus erkennen, dass sie ihre Ergebnisse nicht etwa als «Empfehlung» bezeichnen, sondern lediglich als «Meinung».

Ein weiteres Problem der Bonitätswächter liegt in ihrer zweifelhaften Unabhängigkeit. Die Agenturen sind längst nicht die neutralen Schiedsrichter, als die sie sich gerne sehen. «Sie sind privatrechtliche Unternehmen, deren oberstes Ziel es ist, Gewinne zu maximieren», sagt Straubhaar. Die grossen Bonitätshüter erzielen ihre Einkünfte fast ausschliesslich von den Herausgebern von Wertpapieren. Sie werden also von den Firmen oder den Staaten bezahlt, die sie bewerten.

Eine Bande von Idioten

Sind die Ratingagenturen nun Brandstifter, Überbringer der schlechten Nachrichten oder Firmen, die vor allem an ihr eigenes Wohlergehen denken? Als S&P Anfang August 2011 die USA an den Schuldenpranger stellte und ihre die AAA-Bonität entzog, wetterte der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugmann: «Warum sollen wir uns darum kümmern, was eine korrupte Bande von Idioten denkt?» Vernichtend fällt das Urteil des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble auf die Zurückstufung des EFSF aus: «Ich glaube nicht, dass S&P versteht, was wir in Europa schon auf den Weg gebracht haben.»

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  • Marcel Amgwerd am 19.01.2012 19:52 Report Diesen Beitrag melden

    Ratingagenturen sind zu milde

    Die Ratingagenuten sind vor allem eines: viel zu lasch. Die Ausfallwahrscheinlichkeit der ruinösen Euro Staaten ist massiv höher und daher verdienen sie nicht einmal ein A. Die Ratingagenturen sind dennoch objektiver als die linke Politelite welche die technischen Mängel des Euro nich einmal sehen will.

  • Kurt Kammermann am 19.01.2012 08:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kritische Stimmen abschaffen

    Ich traue aber den Wirtschaftskapitänen und Politiker auch nicht. Um das Schuldenproblem zu lösen kann es doch nicht sein, dass die kritischen Stimmen einfach abgeschafft werden. Auf diese Weise fährt jeder so nahe an den gefährlichen Riffs vorbei bis das "Schiff" aufläuft und kentert. Irgend wie kommt mir das bekannt vor.

  • Kurt Kammermann am 19.01.2012 08:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kritische Stimmen abschaffen

    Ich traue aber den Wirtschaftskapitänen und Politiker auch nicht. Um das Schuldenproblem zu lösen kann es doch nicht sein, dass die kritischen Stimmen einfach abgeschafft werden. Auf diese Weise fährt jeder so nahe an den gefährlichen Riffs vorbei bis das "Schiff" aufläuft und kentert. Irgend wie kommt mir das bekannt vor.

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