Einschätzung

13. Dezember 2011 16:10; Akt: 14.12.2011 09:43 Print

«Weniger Schutz als für jeden Mafioso»«Weniger Schutz als für jeden Mafioso»

von Lukas Hässig - Der Ständerat reisst die Tür für Massen-Datenoffenlegungen gegenüber den USA auf. Für Staatsrechtler Rainer Schweizer ist das Verrat an langjährigen Bankkunden.

storybild

Das Bundeshaus ist nicht länger eine Trutzburg zum Schutz des Bankgeheimnisses. (Bild: Keystone)

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Eveline Widmer-Schlumpf kämpft sich durch den US-Steuer-Dschungel. Sie tut dies ganz offensichtlich ohne inneren Kompass, ohne sichtbare Strategie und ohne klares Ziel. Nur eines hat die Finanzministerin, die am Mittwoch auf ihre Wiederwahl hofft, im Kampf mit den USA um die Bereinigung der Schwarzgeld-Affäre erreicht: die Verhinderung einer erneuten Systemkrise.

Eine solche wäre eingetreten, wenn die USA die CS angeklagt hätten. 2009 stand die andere Grossbank an diesem Punkt. Weil die UBS als «Too Big To Fail» galt, sagte die Schweiz Ja zum US-Diktat und lieferte rund 4500 US-Kunden ans Messer.

Wieder Staatsvertrag, viel Geld und Gesetzes-Willkür

Nun nähert sich das Land zügig dem gleichen Punkt. Und siehe da: Es zeichnet sich eine Wiederholung des Sündenfalls ab: wieder ein Staatsvertrag, wieder viel Bussgeld, wieder gesetzliche Willkür.

Im Ständerat erhielt die fehlende Strategie der Finanzmagistratin zwar schlechte Noten. «Was wir hier machen, ist eine veritable Slalomfahrt», brachte es die Baslerin Anita Fetz, SP, auf den Punkt.

Copy-Paste-Vertrag

Doch die Bundesrätin der Kleinpartei BDP gab sich unbeirrt. Man könne sich «noch lange unterhalten, ob uns das Freude macht oder nicht», meinte die Schweizer Iron Lady, die im US-Steuerkrieg aber nie Härte gezeigt hat. Nötig sei ein Schlussstrich unter das leidige Thema.

Wohlan, die Zeit für ein Copy-Paste des UBS-Vertrags ist gekommen. Die bedrängten 11 Banken, allen voran CS und Julius Bär, erhalten von den USA eine Anklageaufschiebung. Sie müssen im Gegenzug zahlen und Daten liefern. Der Globaldeal für alle übrigen 320 Banken beinhaltet auch eine hohe Zahlung, die von den Kunden geleistet werden könnte.

Der Frosch hat ausgequakt

So weit, so gut. Das Problem ist, dass die Schweiz alles, was ihr einst heilig war, über Bord wirft, um endlich von den USA in Ruhe gelassen zu werden. Der Ständerat macht das deutlich. Im Doppelbesteuerungs-Vertrag mit den USA öffnete die Kleine Kammer am Dienstag mit dem Ja zu Gruppenanfragen sämtliche Offenlegungs-Schleusen.

Nicht mehr konkrete Steuersünder-Namen sind für eine Offenlegung nötig, sondern es genügt ein Verhaltensmuster. Dabei verkaufte Widmer-Schlumpf den Namenszwang vor noch nicht langer Zeit als grosse Errungenschaft. Wenn voraussichtlich im Frühjahr der Nationalrat folgt, ist die Zeit reif für die Deals zwischen den USA und den 11 Banken respektive dem ganzen Finanzplatz.

Damit erleben wir den zweiten grossen Kniefall im US-Steuerstreit. Das Parlament, das gegen die Gruppenanfragen anfänglich noch laut opponierte, erinnert nun nur noch an einen Frosch, der im heiss werdenden Wasser nicht merkt, dass er bald ausgequakt hat.

Staatsrechtler: «Banken liefern sich US-Klagen aus»

Nur in der Provinz regt sich noch Widerstand. Staatsrechts-Professor Rainer Schweizer von der Sankt-Galler Hochschule fuhr gestern in der NZZ den Verantwortlichen an den Karren.

In seinem Essay rief der Professor in Erinnerung, dass Steuerhinterzieher in den USA nichts zu lachen hätten. Wer sich selbst anzeigt, muss meistens 25 Prozent seines Vermögens hergeben, sonst drohen gar bis zu 70 Prozent Bussen plus obendrauf eventuell Gefängnis. «In der Schweiz werden diese Folgen der Datenlieferung bewusst übersehen», kritisierte Schweizer.

Banken zu Geständnis gezwungen

Laut dem Staatsrechtler zwingt Bern die Banken zudem, sich schuldig zu erklären. Nur so könnten die Banken die von Bern den USA quasi versprochenen Daten herausrücken. Damit würden sich die Institute aber «erst recht der US-Justiz» ausliefern. Später könnten die betroffenen US-Kunden auch noch «Haftungsprozesse wegen Fehlberatungen» gegen ihre Schweizer Banken einleiten.

Für Schweizer bleiben nur zwei Möglichkeiten. Entweder schafft die Schweiz zuerst die nötige Rechtsgrundlage für die geplante Mammut-Offenlegung. Oder aber wir als Land gehen in uns und fragen uns, ob «wir zum Schutz straffälliger Bankmitarbeiter und des Rufs einzelner Banken Tausende von Bankkunden in Sonderverfahren ohne den sonst jedem Mafioso zustehenden Rechtsschutz der US-Strafjustiz zuführen» dürften.

20min Login Facebook Connect
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 72 Stunden, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.
  • Verärgerter Kleinsparer am 14.12.2011 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    Weg mit dem unsäglichen Bankgeheimnis

    Das ist richtig so. Diese Daten müssen an alle Staaten geliefert werden. Das dumme, völlig unnütze und völlig veraltete Bankgeheimnis gehört schon längstens abgeschafft. Es nützt nur Verbrechern, Steuerhinterzieher und Millionären. Wir Kleinsparer haben absolut nichts davon. Der Steuervogt weiss auf den Rappen genau, wieviel Geld auf unserem Konto liegt. Das ganze nennt sich einfach "Verrechnungssteuer", ist aber nur ein staatlich erlaubter BG-Verrat. Also sofort weg mit dem Unsinn und unseren banken geht es sofort viel besser. Kunden verlieren sie deswegen keinen einzigen.

  • fabe888 am 14.12.2011 10:21 Report Diesen Beitrag melden

    Skandal

    Bereits die UBS-Geschichte hätte sich so nicht abspielen dürfen. Gibt man ein mal 'kleinbei' wird dies als Swäche gewertet und weiter gemacht. Damals hätte der Bundesrat niemals auf die US-Forderungen eingehen dürfen! So eine Farce

  • Ehrlicher Steuerzahler am 14.12.2011 06:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist eh Hehlerei

    Das hat doch nichts mit Verrat zu tun! Weiss eigentlich jemand von euch, dass das Bankgeheimnis nur gut ist für Reiche und Kriminelle? Das dient nur zur Steuerhinterziehung! Staatlich gedeckte Hehlerei. Ich weiss dass der aufschrei jetzt gross sein wird, aber überlegt euch das doch mal! Schönen Tag wünsche ich euch allen trotzdem :)

Immobilien

powered by

Immobilien finden

PLZ
Preis bis
Zimmer bis

Nachmieter finden? Jetzt bei homegate.ch inserieren