Lehrstellensuche

16. Juni 2017 16:00; Akt: 16.06.2017 16:00 Print

Stellen Firmen nur Schüler mit guten Noten ein?

von V. Blank - Viele Jugendliche auf Lehrstellensuche klagen, dass Firmen zu stark auf die Noten schauen und nur die besten Schüler einstellen. 20 Minuten hat bei einem Lehrbetrieb nachgehakt.

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«Nur gute Noten und Zeugnisse wollen sie sehen»: So lautet der Vorwurf vieler Schüler an die Lehrbetriebe. Auch eine Mutter, deren Sohn aufgrund der Schulzeugnisse nur Absagen erhält, klagt: «Ohne gute Noten haben Jugendlich keine Chance.» Franz Aebli, CEO von Landis Bau sagt zu 20 Minuten: «Natürlich stellen wir auch gern diejenigen Lehrlinge ein, die in der Schule super sind.» Aber er betont: «Auch die Mittelmässigen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.» Wer keine besonders guten Noten hat, sollte laut Michael Kraft, Experte Jugendpolitik und -beratung beim Verband KV Schweiz, seine anderen Stäkren betonen. Trotz Überangebot an Lehrstellen tun sich viele Schweizer Jugendliche schwer, den gewünschten Ausbildungsplatz zu finden – besonders in beliebten Lehrstellen-Branchen wie dem Detailhandel. Die Detailhandelsfachfrau gehört zu den beliebtesten Lehren bei jungen Frauen. Bei jungen Männern ist die Informatiker-Lehre populär. Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen ist entsprechend gross. Schwierig kann sich die Lehrstellensuche auch in Nischen-Berufen gestalten, wo schlicht nicht so viele Lehrstellen angeboten werden. Ein 20-Minuten-Leser sucht beispielsweise erfolglos nach einem Ausbildungsplatz als Ziergärtner. Im Bild: Ein Gärtner bei der Arbeit. In der Schweiz sind hochgerechnet 23'500 Lehrstellen noch nicht besetzt. Das Baugewerbe ist eine der Branchen, die mit Lehrlingsmangel zu kämpfen haben. Wo bekommt man als Lehrling am meisten Lohn? Die Rangliste, beginnend mit Rang 15: Gemüsegärtner/in EFZ, 1217 Franken gibts hier im Schnitt über die ganze Lehrzeit gerechnet. Je nach Lehrbetrieb kann es (wie bei den anderen Berufen) individuell natürlich mehr oder weniger sein. Rang 14: Obstfachmann/-frau EFZ, Lohn: 1220 Franken pro Monat. Als Gleisbauer verdient man 1223 Franken, das reicht für Rang 13. Rang 12 und 11 gehen an Strassenbauer ... ... und Maurer. Beide bekommen in der Lehre 1225 Franken Lohn. Rang 10: Gebäudereiniger/in EFZ, 1268 Franken Lohn. Rang 9: Pflästerer/Pflästerin EFZ, 1280 Franken Lohn. Auf Rang 8 bis 5 verdienen laut Empfehlung alle gleich viel. Ob Koch/Köchin EFZ, ... ... Restaurationsfachmann/frau EFZ, ... ... Systemgastronomiefachmann/frau EFZ, ... ... oder lernende/r Hotelfachmann/frau EFZ: Man erhält einen Lohn von durchschnittlich 1290 Franken. Platz 4 geht an den Landwirt. Hier gibts im Schnitt einen Lehrlingslohn von 1313 Franken. Auf Platz 3 landet die Lehre für Geflügelfachleute. Diese kümmern sich auf dem Bauernhof, in Brütereien oder auf Geflügelfarmen um die Aufzucht der Hühner. Auf Platz 2 kommen die Winzer. Hier verdient man während der Lehre im Schnitt 1388 Franken pro Monat. Platz 1: Als Grundbauer-Lehrling verdient man laut den Empfehlungen im Schnitt 1548 Franken pro Monat.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Schlechte Noten, keine Lehrstelle? Dieser Meinung sind zumindest viele 20-Minuten-Leser. Zu der Meldung über das Überangebot an Lehrstellen in der Schweiz schrieb etwa Leser Mr. X an die Adresse der Lehrbetriebe: «Nur gute Noten und Zeugnisse wollen sie sehen.» Eine Mutter, deren Sohn aufgrund der Schulzeugnisse nur Absagen erhält, klagt: «Ohne gute Noten haben Jugendliche keine Chance.» Leserin Nozomi hat auch die Erfahrung gemacht, dass die Betriebe auf ein gutes Zeugnis achten – ihr hingegen haben ihre guten Noten geholfen: «Ich bekam nach nur einer Bewerbung eine KV-Lehrstelle. Aber ich hatte auch nur 5er und 6er im Zeugnis.»

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«Wir brauchen nicht nur Superstars»

Ob es stimmt, dass die Schweizer Firmen stark auf die Zeugnisse der potenziellen Lehrlinge fixiert sind, wollte 20 Minuten von Franz Aebli wissen. Er ist Chef des Bauunternehmens Landis Bau in Zug – und räumt ein: «Natürlich stellen wir auch gern diejenigen Lehrlinge ein, die in der Schule super sind.»

Das Zuger Unternehmen beschäftigt rund 250 Mitarbeitende. Der 48-jährige CEO schaut sich jede Bewerbung auf eine Lehrstelle persönlich an. Dieses Sommer fangen sieben Jugendliche bei Landis Bau ihre Lehre an – sie lernen Maurer, Strassenbauer, Bauwerktrenner oder Kaufmann. Nicht alle von ihnen seien «Superstars» in der Schule, betont Aebli: «Auch die Mittelmässigen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.» Schliesslich wolle oder könne nicht jeder später Polier oder Bauführer werden.

«Absenzen sprechen für schlechte Motivation»

Wenn Bewerbungen für eine Lehrstelle auf dem Tisch des Chefs landen, fällt dessen Blick nicht zuerst auf die Noten, sondern auf die «Kreuzchen daneben», wie er sagt. Eine gute Beurteilung von Verhalten und Umgang sei für Jobs auf dem Bau wichtiger als die schulische Leistung. «Ich will jemanden, der im Team arbeiten kann», so Aebli.

Die Alarmglocken schrillen beim Chef hingegen, wenn im Zeugnis viele unentschuldigte Absenzen vermerkt sind. Das spreche oft für eine schlechte Motivation der Jugendlichen. «Wenn jemand oft in der Schule gefehlt hat, ist das für mich viel schlimmer als die Note 3,5 in Deutsch.»

«Auch wir haben Fehler gemacht»

Landis Bau ist eine der ältesten Baufirmen in der Schweiz. Den Nachwuchs selbst auszubilden, ist Geschäftsführer Aebli wichtig. «Und das müssen wir auch, wenn es uns weiterhin geben soll», sagt er. In den letzten paar Jahren sei es gut gelungen, passende Lehrlinge zu finden – aber auch nur, weil man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt habe.

«Wir haben uns Mühe gegeben, für die Jungen als Arbeitgeber attraktiver zu werden, etwa durch einen eigenen Lehrlingschef, der Zeit hat für die jungen Menschen.» Weitere Massnahmen der Firma waren Schulbesuche mit dem Infomobil des Baumeisterverbandes, schöne Arbeitskleidung oder Sponsorings von Festen und Vereinen in der Region. «Trotzdem ist es aus Unternehmersicht immer noch ein langer Weg, passende Lehrlinge zu finden», so Aebli.

Den ersten Teil der 20-Minuten-Serie «Deine Lehre» finden Sie hier, den zweiten hier.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ali G am 16.06.2017 16:08 Report Diesen Beitrag melden

    Vitamin B

    Nein natürlich nicht, solange Vitamin B im Spiel ist sind schlechte Noten kein Problem

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  • T. Huggi am 16.06.2017 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    Tipps ;)

    Nunja, aus erfahrung kann ich sagen das bei der Lehrstellensuche auf folgende dinge geachtet wird: 1.) Noten - Dies weil der Lehrbetrieb sich nicht mit dem Lehrling "herumschlagen" muss wenn er in der Berufsschule durchfällt. 2.)Hinter dem Notenblatt hängt noch ein Blatt Papier das zeigt wie der Schüler zwischenmenschlich ist, ob er aufpasst, pünktlich ist etc. Dies hat viel mehr gewicht als die Noten. 3.) Persönlichkeit an sich, keine Schlaftabletten! 4.) Vitamin B - Wie mein Vater mir immer Sagte, ein gutes Netzwerk ist alles was du brauchst um in der Berufswelt erfolg zu haben ;)

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  • Franz Hofer am 16.06.2017 16:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keiner ist ihnen gut genug!

    Die Anforderungen sind immer höher als was sie kriegen können. Gestern habe ich ein Stellenangebot gelesen da stand: "Wir suchen einen Jungen Arzt mit viel Berufserfahrung." Sorry aber ihr müsst euch entscheiden!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Dani am 19.06.2017 20:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nichts hinzugelernt

    Es hat sich nichts geändert-vor 36 Jahren (als ich eine Lehrausbildung antrat) schauten die Lehrbetriebe/Lehrmeister in erster Linie auf die Noten, dann auf die Sozialkompetenz und zuletzt auf die effektiven Fähigkeiten. Ich kann durchaus verstehen wenn heutzutage dem Gymi bzw. einer akademischen Ausbildung der Vorzug gegeben wird. Solange die Betriebe nicht zuerst die praktischen Fähigkeiten dann die Sozialkompetenz und zuletzt die Noten als Bewertungsgrundlage heranziehen, wird sich die Misere auf dem Lehrstellenmarkt wohl nicht eindämmen lassen!

  • Vater am 19.06.2017 19:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Regulierung wegen Unvernunft..

    ...gefordert. Ja ihr Betriebe, macht weiter so mit Euren ständig wachsenden Anforderungen. Willkürlichen Multichecks, nur supergute Noten usw. Irgendwann kommt die Forderung nach Regulierung, und dann geht Euer Gehäul los. Ich fordere, dass ein Betrieb der mehr als drei Lehrlinge im gleichen Beruf im gleichen Lehrjahr hat, mindestens 1 Lehrling mit ADHS einstellen MUSS! Selber schuld dass es soweit kommen wird!

  • simo am 19.06.2017 18:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noten sind nicht alles

    das ist das Problem, nur die Noten. wir hätte schon Lehrlinge mit guten Noten im Betrieb die sozial nicht gebrauchen könntest geschweige denn einen Bohrer in die Hand nehmen. lieber haben wir einen der einen Durchschnitt von 4,5 hat aber dafür gebrauchen kannst zum arbeiten.

  • Bauzeichner am 19.06.2017 17:49 Report Diesen Beitrag melden

    Schnupperlehre sagt mehr als 100 Noten

    Auf 5 Bewerbungen 3 zusagen, obwohl ich in der Sekundarschule mehr prov. als def. Zeugnisse bekam und nicht mal den Abschluss machte. Allerdings habe ich mich in Schnupperwochen gut benommen, habe mich auch für den Beruf intressiert und scheinbar auch kompetent genug angestellt dass ich die Lehrstelle schlussendlich angeboten bekam. Ich entschied mich für eine Lehre als Bauzeichner und habe diese 2015 mit einer 4.9 abegschlossen.

  • hmmmm am 19.06.2017 16:55 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Probleme

    Ich habe auf 4 geschriebene Bewerbungen 3 Zusagen erhalten und dies für eine achso beliebte Informatiker Lehrstelle. Liegt vermutlich an meinen Noten, den nicht vorhandenen unentschultigten und kaum vorhandenen entschuldigten Absenzen. Ebenfalls dürfte die Tatsache das ich Schweizer bin, auch nicht von Nachteil gewesen sein.