Schweizerinnen gefragt

15. November 2012 07:47; Akt: 15.11.2012 08:49 Print

EU-Frauenquote hat fatale Folgen für die Schweiz

von Sabina Sturzenegger - Plötzlich werden Schweizer Managerinnen vom Ausland umworben: Die EU will mindestens 40 Prozent Frauen in Verwaltungsräten – der hiesige Frauenmangel wird sich weiter verschärfen.

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Die Europäische Geldpolitik soll in den nächsten Jahren vermehrt von Frauen gesteuert werden. Dank einer entsprechenden Quote sollen bis 2019 im mittleren Management der 35 Prozent und im oberen Management 28 Prozent der Stellen mit Frauen besetzt seien. Sie hat am 14. November 2012 in der EU den Durchbruch geschafft: Viviane Reding, Vizepräsidentin der EU-Kommission. sollen ab 2020 einen Frauenanteil von 40 Prozent in ihren Verwaltungsräten haben. In der Schweiz ist in der eine Frauenquote in Planung: Mindestens 35 Prozent der Führungspositionen in der Berner Stadtverwaltung sollen von Frauen besetzt werden müssen. In gibt es zudem eine Frauenquote von 30 Prozent für die Aufsichtsgremien von öffentlichen und halb-öffentlichen Unternehmen. In hat die Regierung im Dezember 2003 eine Frauenquote von mindestens 40 Prozent für Sitze in allen Verwaltungsräten der 600 börsenkotierten Unternehmen beschlossen. In den wurde eine Quote von 30 Prozent für Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen aller Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern eingeführt. Bis 2016 soll die Quote erreicht sein. (im Bild die Meerjungfrau in Kopenhagen) hat 2000 ein Gesetz verabschiedet, das Firmen mit staatlicher Mehrheitsbeteiligung zu einem ausgeglicheneren Geschlechterverhältnis verpflichtet. In wurde 2007 ein noch sanktionenloses Gesetz verabschiedet, das Firmen mit mehr als 250 Angestellten verpflichtet, 40 Prozent Frauen im Verwaltungsrat zu haben. Die Übergangsfrist dauert noch bis 2015.

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Am Mittwochmorgen um 8.56 Uhr twitterte EU-Kommissarin Viviane Reding: «Geschafft. EU-Kommission hat meinen Vorschlag für ein EU-Gesetz verabschiedet, damit 40% der Aufsichtsräte bis 2020 mit Frauen besetzt sind.»

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Wandern qualifizierte Frauen wegen der Quote aus der Schweiz in EU-Firmen ab?
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Das von der Brüsseler Behörde verabschiedete Gesetz muss zwar noch vom EU-Parlament und von den Mitgliedsstaaten angenommen werden, doch mit dem Entscheid hat Viviane Reding einen grossen persönlichen Sieg errungen. Für männerdominierte Konzerne sei der Entscheid «ein Schuss vor den Bug», schrieb die Nachrichtenagentur AP. Diese werden bei Inkrafttreten des Gesetzes gebüsst, sollten sie die Frauenquote nicht erreichen.

«Problem wird sich mit gesetzlicher Quote verschärfen»

Um sich die Zustimmung zu ihrem Gesetz zu sichern, ist Kommissarin Reding allerdings Kompromisse eingegangen. Geschäftsleitungen wurden von der Quote ausgenommen, der Sanktionskatalog entschärft. Länder, die schon wirksame Regeln zur Frauenförderung haben, sollen zudem von der Quotenpflicht ausgenommen werden.

Dennoch könnte nicht nur die EU selber, sondern auch die Schweiz mit der Quote auf ein grösseres Problem zusteuern: Gemäss Matthias Mölleney, Leiter des Centers für Personalmanagement an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich, stehen bereits heute zu wenig Frauen für Führungspositionen zur Verfügung. «Dieses Problem wird sich mit der Einführung einer gesetzlichen Quote noch verschärfen», sagt Mölleney.

Schweizer Frauen in der EU gefragt

Für die Schweiz würde das bedeuten: Führungserfahrene Frauen könnten in EU-Firmen abwandern. Dort dürften sie künftig sehr gesucht sein. «Weibliche Führungskräfte aus der Schweiz werden sich überlegen, ob sie für einen gut bezahlten Job ins Ausland gehen.»

Das Angebot in der EU könnte für Schweizer Frauen verlockend sein: «Faktisch ist ein Sitz in einem deutschen Aufsichtsrat mit einigen Tagen Anwesenheit pro Jahr verbunden», sagt Mölleney. Die gesetzliche Verantwortung sei im Vergleich zur Schweiz aber weniger gross.

Werden Qualifikationskriterien herabgesetzt?

Doch nicht nur die Abwanderung wird zum Problem. Diana Strebel, Verwaltungsrätin beim Milchverarbeiter Emmi und selbständige Beraterin: «Bei einer 40-Prozent-Quote werden zwangsläufig die Qualifikationskriterien bei Frauen herabgesetzt. Das nützt ihnen langfristig nicht.»

Auch Mölleney befürchtet, dass Frauen mit der Quote vermehrt den «abgekürzten Weg» in den Verwaltungsrat nehmen müssten: «Wenn es für Frauen künftig vom KV-Abschluss auf dem kürzesten Weg in einen Verwaltungsrat geht, ist das kritisch – nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Frauen.»

Norwegerinnen mit Mandaten überfordert

Untersuchungen zeigten zudem, dass es mit einer fixen Quote zumindest anfangs zu einer Ämterhäufung für Frauen komme. «In Norwegen, wo es die 40-Prozent-Quote bereits seit 2003 gibt, sind viele Verwaltungsrätinnen mit ihren zahlreichen Mandaten überfordert.»

Vor diesem Szenario hat Clivia Koch, Präsidentin der Wirtschaftsfrauen Schweiz, keine Angst. «Es gibt genügend Frauen für Verwaltungsräte», ist sie überzeugt. Der Vorteil der EU-Regelung sei, dass sie in diesem Gremium ansetze: «Ein VR-Mandat bietet Frauen die Möglichkeit, in qualifizierter Position Teilzeit zu arbeiten. Zudem können sie Männer, die durch Management und VR doppelt belastet sind, entlasten.»

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Markus W. am 15.11.2012 17:24 Report Diesen Beitrag melden

    EU Blödsinn

    Tja, dann wandern halt ein paar Frauen ins Ausland ab - who cares? Hauptsache unser BR kommt nicht auf die gleiche blöde Idee. Frauen nur wegen einer Quote in den VR zu holen ist kontraproduktiv - es sollen die besten MA geholt werden und nicht aufgrund ihres Geschlechts. Grundsätzlich soll die Frauenquote aber nicht nur für den VR gelten sondern für ALLE Berufe! Handkehrum aber auch eine Männerquote einführen für bisher von Frauen dominierten Berufen!! Alles Andere ist Diskriminierung!

  • Student am 15.11.2012 14:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinn?

    Ich sehe den Sinn dahinter nicht. Wiso sollte eine Quote von 40% erzwungen werden? Ich habe ja nichts gegen die Gleichberechtigung. Aber wenn man zwingend 40% Frauenanteil benötigt und sonst gebüsst wird vermute ich, dass wahrscheinlich "unqualifizierte" Frauen den Beruf erhalten. Das wäre für die europäischen Firmen ein Nachteil, wie auch für die Wirtschaft.

  • tanja am 15.11.2012 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    gleichberechtigung????

    dass ich nicht Lache, dann sollten alle Frauen ins Militär oder Zivilschutz, gleiches Rentenalter aber dass wollen sie dann doch nicht, nur das rausnehmen was Ihnen passt, gleicher gestellter Lohn, Frauenquote, dann sollen die Lieben Frauen mal die genau gleiche Leistung bringen wie Männer und das immer, geht aber nicht da MANN und FRAU einfach verschieden sind

  • patrick schmitt am 15.11.2012 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    Logik?

    Jahrzehnte lang bemängelten die Frauen dass sie aufgrund ihres Geschlechts in der Wirtschaft benachteiligt werden. Jetzt dreht man den Spiess einfach um. Wo ist da die Logik und der Gleichstellungsgedanke???

  • together ag am 15.11.2012 10:13 Report Diesen Beitrag melden

    Female Recruiting

    Unternehmen müssen Ihre Einstiegs- und Aufstiegsmöglichkeiten für qualifizierten Frauen stärker aufzeigen und sich bei dieser Zielgruppe als fortschrittlicher Arbeitgeber positionieren. Mögliche Plattformen werden in der Schweiz bereits angeboten: Die women&work, ein Messekongress für Studentinnen, Absolventinnen, Young Professionals, Wiedereinsteigerinnen und weibliche Führungskräfte, ist ein Erfolgskonzept aus Deutschland und wird im Frühling 2013 erstmals in der Schweiz (Kongresshaus Zürich) durchgeführt.