Keine Jobs über 50

25. Juni 2013 11:03; Akt: 25.06.2013 11:17 Print

«Die jungen Chefs fürchten sich vor uns»

von J. Büchi - Zu alt zum Arbeiten, zu jung für die AHV. Immer mehr über 50-Jährige werden entlassen. Auf dem Stellenmarkt erfahren sie Ablehnung, Ausreden und Desinteresse. Drei Betroffene erzählen.

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Jürg Schertenleib: «Manchmal möchte man einfach alles hinschmeissen.»

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Arbeitskräfte über 50 Jahren werden in jüngster Zeit überproportional häufig entlassen. Im vergangenen Jahr betrafen 41 Prozent aller Kündigungen in der Schweiz die Generation Ü-50. Auf dem Arbeitsmarkt sind die Chancen älterer Arbeitnehmer, einen neuen Job zu finden, gering – obwohl die Schweizer Wirtschaft eigentlich dringend auf zusätzliche Fachkräfte aus dem Inland angewiesen wäre.

Das Thema bewegt: Über 200 Kommentare und zahlreiche Mails zum Thema erreichten die Redaktion. Viele kamen von Menschen, die selbst im Alter von über 50 Jahren die Kündigung erhalten haben. 20 Minuten hat mit drei Betroffenen gesprochen.

Jürg Schertenleib, 54

Einst hatte Jürg Schertenleib einen Job im Verkauf, gehörte zum mittleren Kader. Im Laufe seiner Karriere führte er Teams aus weit über hundert Mitarbeitern, fuhr teure Geschäftsautos. Doch dann kommt die Entlassung.

15 Monate lang geht Schertenleib stempeln, schreibt rund 150 Bewerbungen. Es ist eine Zeit, die der 54-Jährige nie vergessen wird. «Wenn du über 50 bist, ist es schwierig, etwas zu finden. Es ist so deprimierend: Dein Profil stimmt zu 90 Prozent oder mehr mit den Anforderungen der Stellenanzeigen überein. Dennoch bekommst du nichts als Absagen – und das noch ohne Begründung.» Schertenleib ruft bei den Unternehmen an, bohrt nach. «Dann rückten sie jeweils mit der Wahrheit heraus: Viele gaben widerwillig zu, ihr Team habe halt einen tieferen Altersdurchschnitt. Da würde ich nicht hineinpassen.»

Es sei ein «Scheissgefühl», wenn man aufgrund des Alters immer wieder auflaufe. «Manche Absagen sind so absurd. Da möchte man einfach alles hinschmeissen.» Jemand habe ihm einmal gesagt, er habe «zu viel Erfahrung». «Die jungen Chefs fürchten sich oft davor, einen älteren Mitarbeiter zu haben, der mehr wissen könnte als sie selbst», vermutet der Mitfünfziger. Dazu kämen die Vorurteile, dass Ältere teurer seien.

In seiner Verzweiflung wendet sich Schertenleib an Speranza, die Stiftung des verstorbenen FDP-Nationalrats Otto Ineichen. Die Stiftung hat ein Programm, das Personen über 50 Jahren bei der Stellensuche unterstützt. In Schertenleibs Fall mit Erfolg – seit Anfang Monat hat er wieder einen Job. «In einem Familienbetrieb. Da gilt die Erfahrung eines Mitarbeiters noch etwas», freut sich der 54-Jährige. Zwar habe er eine Lohneinbusse von 20 Prozent hinnehmen müssen – dies sei aber in Ordnung. «Viele Arbeitslose meiner Generation finden schliesslich gar keine Stelle mehr.»

Simone Keller*, 51

Zu denen, die bislang kein Glück hatten, gehört Simone Keller*. «Ich kann gerade nicht, ich bin im Wiedereingliederungsprogramm der Sozialversicherungsanstalt», sagt sie am Telefon. «Um 12 habe ich Mittag, dann kann ich reden.» Seit rund zwei Wochen besucht die 51-Jährige die Reintegrationsmassnahme, die ihr nach erfolgreichem Bestehen endlich wieder einen festen Job verschaffen soll. Zuvor hat sie jahrelang dafür gekämpft, überhaupt ins Programm aufgenommen zu werden.

«Ich habe den Glauben an eine neue Stelle noch nicht verloren», sagt Keller – «aber es war nicht einfach.» Alles beginnt mit einer Zeckenbiss-Infektion im Jahr 2002. Nach einem längeren Ausfall muss die gelernte Verkäuferin, die eine Zweitausbildung an einer Wirtschaftsmittelschule absolviert hat, merken, wie schwierig es ist, in ihrem Alter noch eine Stelle zu finden. «Betroffen ist nämlich nicht nur die Generation Ü-50, schon ab 45 wird es schwierig», so Keller.

Sie schreibt Bewerbung um Bewerbung, bekommt Absage um Absage. Auch ihr wird am Telefon unverblümt gesagt, sie sei zu alt. Das ärgert die 51-Jährige, zumal sie nach eigenen Angaben alle Qualifikationen für die ausgeschriebenen Stellen mitgebracht hätte. 2009 schreibt sie Bundesrätin Doris Leuthard in ihrer Not einen Brief, in dem sie auf die Situation der älteren Arbeitnehmer aufmerksam macht. Das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco lässt sie wissen, diesbezüglich würden bereits Massnahmen ergriffen.

Kurz darauf ist Keller erfolgreich, bekommt eine Anstellung als Direktionssekretärin an einem Zürcher Spital. Die Erleichterung ist gross. Als im Rahmen des Sanierungsprogramms San10 dann aber im Jahr 2011 Stellen abgebaut werden, flattert Keller erneut die Kündigung ins Haus. «Es riss mir den Boden unter den Füssen weg», sagt die Frau heute. Und ist überzeugt: «Es traf mich, weil ich zu den Ältesten gehörte.» Die Suche geht für sie deshalb weiter.

Robert Maier*, 56

Auch Robert Maier* gehört zu den Arbeitslosen der Generation Ü-50. «Nicht schon wieder», schiesst es dem 56-Jährigen durch den Kopf, als ihm im März dieses Jahres eröffnet wird, dass seine Dienste nach zehn Jahren nicht mehr benötigt werden.

Schon 2003 ist Maier eine Kündigung ins Haus geflattert – damals nach 25 Jahren im gleichen Betrieb. Beide Male wurde die Stelle ins Ausland ausgelagert. Während er nach der ersten Kündigung schnell wieder einen Job fand, gestaltet sich die Stellensuche dieses Mal schwieriger.

Nach der Entlassung im März schreibt der 56-Jährige rund 60 Bewerbungen. Einige Male darf er zum Bewerbungsgespräch, bekommt aber jedes Mal eine Absage. Eine Begründung fehlt meistens. Aber für Maier ist klar: «Wenn eine Online-Bewerbung nach nicht einmal einem Tag zurückkommt, wurde sie mit Sicherheit nicht eingehend geprüft.» Die älteren Jahrgänge würden wohl einfach aussortiert.

Trotzdem gibt der Zürcher nicht auf. Jeden Tag setzt er sich nach dem Morgenkaffee hin und ackert die Stellenanzeigen durch. Oft werden explizit Bewerber zwischen 25 und 35 gewünscht. Manchmal bewirbt er sich trotzdem, einfach nur, damit er es zumindest versucht hat. «Es macht einen hässig, vor allem aber traurig. Man beginnt, an sich selbst zu zweifeln», so der 56-Jährige. Aufgeben kommt für die Kämpfernatur aber nicht infrage: «Ich will wieder arbeiten. Und ich muss. Sonst kann ich mich ja gleich an den nächsten Baum hängen.»

Unterstützung bekommt Maier in diesen schwierigen Stunden vom Verein 50plus, der auf Fälle wie seinen spezialisiert ist: «Die Leute haben mir sehr geholfen. Sie haben mir beigebracht, den Mut nicht zu verlieren, mir auch privat Ziele zu stecken. Jetzt mache ich viel mit Freunden oder gehe in der Natur spazieren. Denn wenn man den ganzen Tag nur Bewerbungen schreibt, wird man noch verrückt.»

*Name von der Redaktion geändert

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • ein Visionär am 27.06.2013 15:57 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz schafft sich ab....

    Erst seit Einführung der PFZ gibt es dieses Ü50- und noch weitere negative Phänomene: kaum noch Lohngespräche, nur noch Lohndiktat, hohes Verkehrschaos (Leuthard will sogar auf unsere Kosten das Strassennetz noch ausbauen anstatt die Ursache anzugehen), immer teurere Mieten, Islamisierung, Parallelgesellschaften, Kriminalität, Überfremdung, immer weniger Lehrstellen usw.. Da offensichtlich Arbeitgeber und Politiker im gleichen Golfklub spielen, wird sich nichts ändern. Also - dringend die Rücknahme der PFZ, die sowieso nur den Arbeitgebern etwas gebracht hat....

  • lisa am 27.06.2013 15:19 Report Diesen Beitrag melden

    Das schlimmste, keine Perspektive mehr!!

    Bin auch eine Betroffene ü55 Med. Praxisassisten (35 Jahre/100% gearbeitet) . Bewerbe mich seit 2 Jahren, konnte mich in dieser Zeit NIE vorstellen gehen. Fazit, auch bei den Ärzten landet frau mit 56 sofort auf dem Absagehaufen. Verschweige nach Möglichkeit, dass ich seit 2 Jahren keine Arbeit mehr habe (schäme mich). Noch fallen wir nicht auf, landen ja bei RAV, IV, Sozialamt. Aber das ist das Schlimmste, nur Abhängigkeit und keine Perspektive. Solange wir ruhig bleiben, werden die Statistiken auf unsere Kosten geschönt und die Politik schliesst weiter die Augen (arbeiten bis 70).

  • Beatrice Trösch am 26.06.2013 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Du darfst alles - nur nicht 50 sein

    Es ist eine Frechheit und zum schämen was hier in der Schweiz diesbezüglich abgeht! Ich wünsche allen Betroffenen Ausdauer, Geduld und glaubt weiter an eure Fähigkeiten und Können!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jacky Postizzi am 28.06.2013 17:37 Report Diesen Beitrag melden

    hmmm

    Hmmm. sowieso, in einem Unternehmen, könnten ja die Älteren eine gewisse Coaching Funktion übernehmen für Lernende..Vorallem in der IT benötigt es Fachleute... z.B. auch für Quereinsteiger... Einer der 30 Jahre in der IT war und die ganze Entwicklung miterlebte, ist sehr wertvoll... Für Lernende, Quereinsteiger unerfahrene....

    • M. Mueller am 28.06.2013 19:20 Report Diesen Beitrag melden

      Ene mene mu

      Wem erzählen Sie das!? Wo nur Zahlen zählen, zählt nicht die Erfahrung. Ene mene mu, Alter, raus bist du!

    einklappen einklappen
  • Zu Spät am 28.06.2013 14:41 Report Diesen Beitrag melden

    irgendwann merkens dann alle

    Rentenaltererhöhung + diese massive Einwanderung = versteckte Rentenreduktion; die Spezialisten aus dem Ausland (= billige Arbeitskräfte) werden nur gebraucht um die Löhne zu drücken

  • J. Meyer am 27.06.2013 21:06 Report Diesen Beitrag melden

    Es hapert gewaltig in der Wirtschaft

    Und die Politik spricht davon, dass man ältere Leute einstellen sollte, erhöht sie doch zudem noch das Rentenalter, was am Ende bedeutet, dass man noch länger um eine neue Stelle suchen muss. Dann werden noch die vielen IV-Fälle kommen, wo die Wenigsten unter 50 sind, die trotz Krankheiten /Behinderungen in diesen Arbeitsmarkt entlassen, wo die Chancen für sie noch geringer sind, als ohnehin schon bei den Gesunden. Ganz zu schweigen von all den Schulabgängern, welche auch unzählige Bewerbungen schreiben müssen u das oft über 2 Jahre lang, bis es vielleicht mal klappt.

  • Alex am 27.06.2013 16:59 Report Diesen Beitrag melden

    Paradox

    Weil wir mit 50 keine Arbeitsstelle mehr finden, wird jetzt paradoxer Weise das Rentenalter erhöht. Langsam Frage ich mich, ob die in Bern eigentlich noch irgend etwas auf die Reihe kriegen! Das Finanzloch wird anstatt gelöst nur von einer Stelle zur Anderen verschoben. Aus den Augen aus dem Sinn. Top diese Arbeitsweise. Bringt uns sicher weiter?????

  • Hans Ruch am 27.06.2013 16:50 Report Diesen Beitrag melden

    Zug abgefahren

    Ich bin 56 und habe leider keine Lehre machen können. Versuchen Sie mal, eine Stelle zu finden. Unmöglich. Habe schon fast 200 Bewerbungen und ebensoviel Absagen. Wenn man überhaupt eine Antwort kriegt.....