Euro-Krise

15. Mai 2012 23:08; Akt: 20.05.2012 19:19 Print

Ziehen die Griechen nun alle ins Verderben?

von Balz Bruppacher - Politiker und Ökonomen denken laut über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone nach. Was bedeutet ein solcher «Grexit»? Die wichtigsten Antworten aus Schweizer Sicht.

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Kann Griechenland aus der Eurozone ausgeschlossen werden?

Der Euro kann den Griechen nicht von den anderen Mitgliedern der Europäischen Währungsunion weggenommen werden. Griechenland selber müsste den Austritt aus der Eurozone beschliessen und die Drachme als Währung wieder einführen. Das würde möglicherweise auch den Austritt aus der EU bedeuten. Der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman rechnet schon im nächsten Monat mit dem «Grexit», wie das Szenario eines Austritts Griechenlands in Anspielung auf die Wörter «Greece» und «Exit» im angelsächsischen Raum bezeichnet wird.

Was wären die Folgen?

Eine heftig umstrittene Frage. In jüngster Zeit mehren sich Stimmen, die für den Fall eines Austritts Griechenlands eine Stärkung des Euro und der Eurozone voraussagen. Für Griechenland selber erwarten aber die meisten Ökonomen ein Chaos mit Bankzusammenbrüchen, sozialen Unruhen und einem noch tieferen Absturz des Landes in die Armut.

Die grosse Unsicherheit ausserhalb Griechenlands betrifft die Ansteckungsgefahr. Tritt Griechenland aus dem Euro aus und/oder erklärt die Zahlungsunfähigkeit, dürften auch die Bankkunden in Italien, Spanien und Portugal um ihr Erspartes fürchten und Gelder abziehen. Zusammen mit dem Abschreibungsbedarf für die griechischen Schulden müsste mit einer neuen Finanzkrise gerechnet werden – mit dem Unterschied zu 2008, dass es an Geld für staatliche Rettungsmassnahmen fehlt.

Wie wäre die Schweiz betroffen?

Die direkten Wirtschafts- und Finanzbeziehungen zu Griechenland fallen wenig ins Gewicht. Der Handel ist seit Jahren auf Talfahrt. Die Schweizer Exporte nach Griechenland dürften dieses Jahr unter die Milliarden-Franken-Grenze sinken. Das entspricht noch einem halben Prozent der gesamten Ausfuhren. Auch die Banken sind gegenüber Griechenland mit direkten Forderungen von 1,9 Milliarden Dollar im internationalen Vergleich nur geringfügig exponiert.

Und die indirekten Folgen?

Hier lauern auch für die Schweiz hohe Risiken. Zumindest vorübergehend dürfte sich nach einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone der Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken erhöhen. Es muss mit dem Zufluss von zusätzlichen Geldern in den «sicheren Hafen» Schweiz gerechnet werden. Die Schweizerische Nationalbank müsste zur Verteidigung des Euro-Mindestkurses von 1.20 Franken möglicherweise mit riesigen Summen auf dem Devisenmarkt intervenieren.

Der Euro-Berg in der Bilanz der Nationalbank – schon jetzt mehr als 100 Milliarden hoch - würde weiter wachsen. Und damit auch das Verlustrisiko, falls der Mindestkurs nicht gehalten werden kann. Sollte sich der Griechenland-Kollaps zu einer neuen Finanzkrise ausweiten, wäre die Schweiz mit den beiden Grossbanken stark betroffen. Der Internationale Währungsfonds IWF sagt der Schweiz im Falle einer ernsten Euro-Krise eine tiefere Rezession als 2009 voraus.

Auf was müssen Ferienreisende in Griechenland gefasst sein?

Griechenland-Touristen aus der Schweiz zeigen sich bisher kaum beeindruckt von der Krise. Die Reiseveranstalter melden ein ungebrochenes Interesse an Badeferien auf den Inseln. Die Buchungen liegen zum Teil über den Vorjahreswerten. Von Streiks und Demonstrationen bekommen die Badetouristen kaum etwas mit, weil sie nicht über Athen fliegen. Verzögerungen gab es vereinzelt wegen Streiks von Fluglotsen.

Die Reiseveranstalter erwarten auch im Sommer keine Versorgungsprobleme bei ihren griechischen Partnern. Die Verträge sind für die ganze Saison in Euro abgeschlossen. Sollte Griechenland noch diesen Sommer zur Drachme zurückkehren, könnte es für Touristen zu gewissen Problemen im lokalen Zahlungsverkehr kommen. Der Bedarf an Bargeld ist für Pauschalreisende dank den All-Inclusive-Angeboten jedoch gering.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tobias Hoffmann am 16.05.2012 07:40 Report Diesen Beitrag melden

    Die bösen Griechen

    Wenigstens wurde ein Buhmann für das ganze Disaster gefunden, wobei die Situation Griechenlands schon vor 10 Jahren bekannt war...Aufhören mit dem Fingerzeigen!

  • Tom Egal am 16.05.2012 00:05 Report Diesen Beitrag melden

    Griechenland aus dem Euro

    Das wäre super. Der Euro wird stärker und die Nationalbank kann den 1.20er Kurs nicht mehr halten. Somit rutscht der Dollar ins bodenlose und ich kann mir billig Dollars für die Sommerferien kaufen...

  • Bruno Zelli am 16.05.2012 06:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    EU klappt nicht 

    Besser raus aus der Abhängigkeit und in Frieden leben.. Griechenland war vor der EU besser dran, der Tourismus lebt und ohne EU Beiträge etc kann sich das Land erholen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hugo Goon am 16.05.2012 10:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vorbild

    nehmen wir an die Griechen könnten sich nach einem Ausschluss erholen und käme ohne Euro besser zu recht. So ein Szenario würde Deutschland und Frankreich nicht zulassen aus Angst andere Länder folgen dieser Idee!

  • patrizia am 16.05.2012 10:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schluss mit sparen und versteckter bankenhilfe

    lieber ein ende mit schrecken als ein schrecken ohne ende. aus dieser misere gibt es nun mal keinen angenehmen ausweg mehr. zeit, dass deutschland und frankreich der versteckten hilfe ihrer eigenen banken (denn die rettungsschirme bedeuten nichts anderes) ein ende setzen und die griechen nicht mehr sparen müssen und ihre wirtschaft wieder ankurbeln können.

  • Stefan D. am 16.05.2012 08:29 Report Diesen Beitrag melden

    Euro erstarkt nach Grexit

    Eingans wird ja erwähnt das sich die Stimmen mehren die sagen das der Euro nach dem Grexit erstarken wird. Genau das glaube ich schon lange. Der (T)Euro und auch die Börsen leiden unter der dauernden Unsicherheit wie's mit Griechenland weiter geht. Eine klare Entscheidung wäre zwar für die Einen sehr bitter, würde aber endlich Stabilität bringen.

  • Reto B. am 16.05.2012 08:26 Report Diesen Beitrag melden

    Den Griechen die Drachme

    Wenn die Griechen aus dem Euro geschmissen werden ist das kurzfistig mit Turbulenzen und Armut verbunden, jedoch bietet sich danach die Chance für einen Neuanfang. Auch Europa würde gestärkt. Die Griechen habens vermasselt und sollen nun zu ihren Fehlern stehen, sie haben ja die Regierung gewählt die ihnen diese Verschwendung gebracht hat. Und das auch nur dank den Versprechungen von mehr Geld obwohl das gar nicht da war.

  • Stefan am 16.05.2012 08:15 Report Diesen Beitrag melden

    Immer wieder UdSSR

    Zuerst melkt man die EU und lebt auf kosten der Anderen und wenns ums bezahlen geht, tritt man aus dem sozialen Kreis der Gerberländer aus. Nun, ich bin froh bin ich kein Sozialdemokrat, denn unter einer sozialen Gemeinschaft verstehe ich etwas anderes.