Unternehmensethiker

20. Mai 2014 22:31; Akt: 22.05.2014 07:46 Print

«Die CS muss weg von der einseitigen Profitkultur»

Die CS-Führung hat sich reuig gezeigt, denkt jedoch nicht ans Abtreten. Ist das vertretbar? Ein Unternehmensethiker kennt die Antwort.

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Mathias Schüz ist Professor für Responsible Leadership am Zentrum für Human Capital Management der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). (Bild: 20 Minuten)

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Herr Professor Schüz, der CS-Chef Urs Rohner sagt, er habe «eine weisse Weste». Man habe von den Machenschaften mit Offshore-Konten nichts gewusst. Das ist schwer zu verstehen. Müsste die Führung nicht Verantwortung übernehmen?
Die Frage nach der Verantwortung von Führungskräften ist nicht so einfach zu beantworten. Denn Verantwortung wird erst durch eindeutige Festlegung darauf konkret, welche Werte mit der Verantwortung verfolgt werden sollen. Das wiederum hängt von der vorherrschenden Unternehmenskultur ab. Wenn in einem Unternehmen der Profit als höchster Wert über allem steht, so werden die verantwortlichen Führungskräfte kaum soziale oder ethische Auswirkungen ihres Handelns berücksichtigen. In diesem Sinne ist die Organisation immer mitverantwortlich dafür, wie ihre Mitarbeiter handeln.

Also einmal Profit, immer Profit?
Nein, eben gerade nicht. Die Kultur eines Unternehmens kann geändert werden, wie etwa der Fall Siemens beweist. Diese Firma konnte sich nach ihrer Korruptionsaffäre in relativ kurzer Zeit eine völlige neue Kultur der Transparenz aneignen und im ganzen Unternehmen durchsetzen – mit der Folge, dass sie nun als Best Practice in ihrer Branche gilt. Es ist nun in der Verantwortung des Top-Managements der CS, neue Werte einzuführen und zum Leben innerhalb der Organisation zu wecken, nämlich weg von einer einseitigen Profitorientierung.

CEO Brady Dougan sagte wörtlich, er bereue zutiefst, was geschehen sei. Gleichzeitig wird die Schuld auf eine kleine Gruppe von Angestellten geschoben. Wie glaubhaft ist sein Statement?
Dass Brady Dougan zutiefst bereut, zeigt ja gerade, dass er gewisse Versäumnisse seiner Organisation in der Vergangenheit anerkennt. Er ist nun in der Verantwortung, eine Unternehmenskultur zu fördern, in der ethisches Verhalten der Mitarbeiter proaktiv gefördert wird. Was die Schuldfrage anbelangt, so ist das für Aussenstehende kaum schlüssig zu beurteilen.

Es wird betont, dass dieses Abkommen nun einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehe. Ist ein Neubeginn tatsächlich möglich?
Wenn man die Ursachen vergangener Versäumnisse erkannt hat, ist auch ein Neuanfang möglich, wenn das Topmanagement aufgrund dieser Erfahrung einen Wandel in der Unternehmenskultur einleitet. Das ist nicht einfach, denn es setzt voraus, dass alle Führungskräfte nicht nur einseitig auf Profitabilität ausgerichtete Werte vorleben, sondern auch sozial- und naturverträgliche Entscheidungen treffen. Den Aussagen von Brady Dougan ist zu entnehmen, dass er diesen nicht immer einfachen Weg beschritten hat.


Im Bundesgesetz über Banken steht: Die Führungskraft muss in der Lage sein, fachlich und charakterlich die Bank korrekt zu führen. Wie würden Sie einen guten Bankenchef charakterisieren?

Eine Voraussetzung ist, dass alle Parteien berücksichtigt werden, die von den Aktivitäten eines Unternehmens betroffen sind. Wenn eine Bank einen Kredit zum Bau eines Staudamms in einem tropischen Regenwald gewährt, so sollte sie die Einwände der Ureinwohner bei ihren Entscheidungen nicht einfach ignorieren. Gute Manager werden also alles daransetzten, ihre Mitarbeiter für die komplexen Konsequenzen ihres Handelns zu sensibilisieren, damit keine unerwarteten Einwände von Betroffenen sie an den Pranger stellen. Dann ist er eine ganzheitlich ausgerichtete, verantwortungsvolle Führungspersönlichkeit, die neben der ökonomischen auch soziale und ökologische Verantwortung bei seinen Mitarbeitern fördert, und zwar so, dass sich dies auch auf künftige Generationen vorteilhaft auswirkt.

(cls)