«Überbeschenkt»

18. Juli 2012 10:38; Akt: 18.07.2012 10:52 Print

So wenige Babys, so viele Spielsachen

von Sabina Sturzenegger - Die Umsätze bei Spielwaren wachsen – trotz wenig steigender Geburtenraten. Der Grund: In Patchworkfamilien werden Kinder von mehreren Seiten umworben und beschenkt.

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Traum in rosa: Kinder in Patchworkfamilien werden oft mehr beschenkt, als solche in herkömmlichen Familien. (Bild: Keystone)

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Kindergeburtstage nerven: Überall Geschrei, Päcklipapier und Kuchenkrümel. Der Leo haut den Xaver und die Lina klaut der Mia das Bäbi. Und am Ende: Ein Berg von Geschenken.

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Je grösser dieser Berg ist, desto komplexer dürften die Familienverhältnisse sein. Stichwort: Patchworkfamilien. Neben ihren getrennten oder geschiedenen Elternteilen haben Kinder aus Patchworkfamilien noch Stiefeltern, mehrere Gross-, vielleicht sogar Urgrosseltern sowie Stief- und Halbgeschwister. Alle wollen zum Geburtstag und zu Weihnachten etwas schenken - nicht zuletzt, um die Gunst der Kinder zu erwerben.

Jede 7. Familie ein Patchwork

In der Schweiz gibt es 1,9 Millionen Eltern mit Kindern unter 18 Jahren. Schätzungen gehen davon aus, dass jede 7. Familie im Patchwork lebt – also bei rund 270 000 Elternpaaren die Kinder unterschiedlicher Erzeuger leben.

Das muss für die Spielwarenbranche eine reine Freude sein. Tatsächlich nehmen die Umsätze seit neun Jahren kontinuierlich zu. Im letzten Jahr wurden mit Spielsachen gemäss dem Spielwaren Verband Schweiz (SVS) insgesamt 440 Millionen Franken umgesetzt. Seit 2008 ist der Umsatz um zehn Prozent gestiegen.

Sandro Küng, SVS-Sprecher, bestätigt, dass es auch in diesem Stil weitergehen soll: «Wir rechnen weiterhin mit einem Wachstum von zwei bis drei Prozent im Jahr.» Währungskrise, Auslandeinkäufe oder getrübte Konsumentenstimmung scheinen in dieser Branche kaum Spuren zu hinterlassen.

Der Trend zum Überschenken

In Deutschland ist der Trend noch eindeutiger. Im Gegensatz zur Schweiz, wo die Geburtenrate immerhin flach ansteigt, ist sie dort sinkend. Die Umsätze in der Spielwarenbranche aber explodieren, wie der «Spiegel» schreibt: «Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik kamen so wenige Babys zur Welt wie 2011, noch nie wurde so viel Geld für Spielwaren ausgegeben.» 2011 verzeichnete die Spielzeugindustrie einen Rekordumsatz von 2,7 Milliarden Euro. Seit 2007 ist diese Zahl um satte 22,7 Prozent in die Höhe geschnellt.

Für Karin Schmid, Beraterin beim Eltern Club Schweiz von Pro Juventute, ist der Trend auch in der Schweiz spürbar. In ihrer Beratung stellt sie fest, dass das Thema Geschenke bei den Eltern stark an Bedeutung gewinnt. «Viele Eltern tendieren dazu, ihre Kinder zu überschenken», fügt sie an. In Patchworkfamilien sei dies tendenziell noch stärker der Fall als in herkömmlichen Familien.

Lieber Zeit als Sachen schenken

Obwohl sich Kinder über viele Geschenke freuen, sind sie damit meist überfordert. Schmid rät den Eltern, insbesondere in Patchworkfamilien, gemeinsam ein grösseres Geschenk zu kaufen oder zumindest je nur eines. «Die wertvollsten Geschenke sind diejenigen, die den Kindern Zeit schenken, beispielsweise Zirkusbesuche oder Ausflüge.»

Nicht nur mit Spielsachen versuchen sich Eltern und Stiefeltern gegenseitig zu übertrumpfen. Zunehmend soll auch die Zimmereinrichtung ein Kind in der Entscheidung beeiflussen, bei welchem Elternteil es sich wohler fühlt. Getreu nach dem Motto: «Wenn ich meine Tochter schon so selten sehe, will ich, dass sie sich hier vollkommen zu Hause fühlt.» Mit diesen Worten lässt sich ein Vater im «Spiegel» zitieren. Diese Entwicklung dürfte einer weiteren Branche zu höheren Umsätzen verhelfen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • vane am 18.07.2012 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Krankhaft

    Das ist nicht nur bei Patchworkfamilien der Fall. Ich sehe das bei meinen zwei kleinen Cousins... Man weiss gar nicht was man ihnen zum Geburtstag schenken soll weil sie schon alles haben. Finde das absolut bescheuert, wenn man Kinder so überschenkt! Unternehmt doch bitte was mit denen statt sie so zu beschäftigen Und sagt das auch den Grosseltern und Götti und Gottis, denn die sind genau so schlimm!!

    • Peter Schwarz am 19.07.2012 00:10 Report Diesen Beitrag melden

      Richtig!

      Es is so Ekelhaft! Meine Kids haben schon ein problem weil sie kein Gameboy bekommen. In die Verblödung Industrie müssen meine Kids nicht hineingeworfen werden. So long.

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  • Peschä am 18.07.2012 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr oder weniger Kinder

    Je mehr Kinder eine Familie hat, desto mehr Geld muss für Essen, Versicherungen, Wohnen, Ausflüge, Kleider,... ausgegeben werden, also bleibt schon allein deswegen weniger für Geschenke übrig. Ganz unabhängig davon ist es aber auch so, dass Kinder heute oft soviele Spielwaren haben, dass es kaum mehr Geschenkmöglichkeiten gibt und dass die Kinder schon fast eine eigene Spielhalle brauchen für all ihre Habseligkeiten...

    • C. Brunner am 18.07.2012 15:49 Report Diesen Beitrag melden

      intakte Familien haben keine Lobby

      Ja, SIe haben Recht, wenn eine Familie mit mehreren Kinder noch intakt ist, bleib kaum noch Geld übrig. Spielzeug, Freizeit und Ferien werden je länger je mehr ein Fremdwort, zudem darf keiner wirklich krank werden, dies würde den Ruin einer Familie bedeuten. Sehe all die in der eigenen Familie, dijenigen die geschieden sind, haben Häuser, Ferien, Autos und ihre Kinder dürfen Musikinstrumente lernen etc.

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  • Carlitos am 18.07.2012 13:50 Report Diesen Beitrag melden

    Kaufrausch

    Ich erlebe das leider am eigenen Leib. Ich lebe seit fast 2 Jahren getrennt. Vor allem die ersten Weihnachten waren für mich diesbezüglich erschreckend. Ich habe weder die finanziellen Mittel noch will ich sie mit Geschenke überhäufen, das gleiche gilt für meine Eltern. Aber die anderen Grosseltern haben sie regelrecht mit teuren Geschenken überrolt. von der PS3 bis zum HD-TV, BlueRay Player etc. gab es alles. Auch diese Weihnachten Nintendo DS 3D und weiteres zeugs  und wenn ich das Gespräch suche, will niemand was davon wissen weil unsere Kinder ja Opfer meines egoismus sind.

    • Fräulein am 18.07.2012 16:04 Report Diesen Beitrag melden

      Gemein

      Das ist ja fies. Da geht es nur noch darum, dass der andere Familiezweig sich die Liebe der Kinder erkaufen wollen. Ich finde so etwas ganz, ganz traurig. Und Kinder brauchen keinen eigenen TV und solche Sachen. Das ist doch krank. Tut mir echt leid für Sie. Da bleibt Ihnen nur, Ihren Kindern ganz viel Liebe und tolle Erlebnisse zu schenken.Das zählt eh mehr. Ich erinnere mich nicht mehr, was ich von meinem Vater früher geschenkt bekommen habe, aber ich erinnere mich an Ausflüge etc

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  • Marc Bjorg am 18.07.2012 13:35 Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Familienpolitik

    Ich bin selber geschieden. Aber das mit den vielen Spielsachen sind eben nicht die Eltern sondern die Grosseltern und Tanten usw. Was auch nicht hilft ist das es in der CH/FL immer noch das Krippen Theater gibt. Jede Frau muss zur Zeit einfach nur Angst haben Mutter zu werden weil die Kosten eh alle auf die Eltern und zu oft die alleinerziehende Mutter abgewälzt werden. Eine Skandinavische Lösung wäre hier angebracht. So hätte es auch wieder öfter mal Geschwister... Aber es überwiegt ja der Egoismus.

  • nurmalso am 18.07.2012 13:19 Report Diesen Beitrag melden

    Ersatzliebe

    Wenn beide Eltern arbeiten und ihr Kind mehr Zeit mit der KiTa-Betreuerin verbringt als mit Mama und Papa haben diese oft das Bedürfnis ihr schlechtes Gewissen mit möglichst viel und möglichst teuerem Spielzeug zu bekämpfen.