Finanzkrisen

11. Mai 2011 12:45; Akt: 11.05.2011 13:04 Print

Auch Blasen haben ihre guten Seiten

von Elisabeth Rizzi - Bei Social Networks droht vielleicht schon bald eine nächste Spekulationsblase. Doch drohen ist das falsche Wort. «Blasen bieten auch Chancen», sagen Experten der Credit Suisse.

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In der grossen Depression 1929-1933 fiel der Dow-Jones-Index um 86 Prozent. Der Verkauf von über 16 Millionen Aktien am 24. Oktober 1929, dem Schwarzen Donnerstag, liess den US-amerikanischen Aktienmarkt zusammenbrechen. Die Krise markierte das Ende der prosperierenden «goldenen Zwanzigerjahre». Im zweiten Weltkrieg brach die New Yorker Börse um 42 Prozent ein. 1942 erreichten die Aktienkurse den Tiefpunkt in dieser Periode. Die Suezkrise 1956/57 liess den Dow-Jones-Index um 13 Prozent einbrechen. Grund für die Krise war ein Streit um die Vorherrschaft über den Suezkanal. Der bewaffnete Konflikt zwischen Ägypten auf der einen sowie Grossbritannien, Frankreich und Israel auf der anderen Seite markierte das Ende des britischen Empires. Trotz militärischen Erfolgs musste Premierminister Anthony Eden in der Folge der Krise zurücktreten. In den Folgejahren forcierten diverse Kolonien des ehemaligen Weltreiches ihre Unabhängigkeit. In der Ölkrise 1973 bis 1979 stiegen die Erdölpreise um über 70 Prozent. Denn die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) hatte die Fördermengen um rund fünf Prozent gedrosselt. So wollte sie die westlichen Länder wegen deren Unterstützung Israels im Jom-Kippur-Krieg unter Druck setzen. Der Preisanstieg führte zu einer Rezession in den von Erdöl abhängigen Industrieländern. Der Dow-Jones-Index sackte um 44 Prozent ab. Eine Folge der Ölkrise spüren wir heute noch: Die Einführung der Sommerzeit. Das Vorstellen der Uhren hatte ursprünglich zum Ziel, Energie zu sparen. Auch die iranische Revolution 1978-1979 hinterliess Spuren an den Börsen. Der Dow-Jones-Index brach um 12 Prozent ein. Der Sturz von Schah Mohammad Reza Pahlavi führte zu einer Islamisierung des Landes. Unter Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini wurde im Iran der Gottesstaat ausgerufen. Der 19. Oktober 1987 markierte den ersten echten Börsencrash nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Dow-Jones-Index fiel innerhalb eines Tages um 22,6 Prozent. Die Computerisierung des Börsenhandels trug massgeblich zum schnellen Kurszerfall bei: Die Flut an gleichzeitig eingehenden Verkaufsordern führte zu einem Kaskadeneffekt. Alle wichtigen Weltmärkte wurden vom Einbruch angesteckt. Auslöser des Crashs war kein einschneidendes Ereignis. Als wichtige Faktoren gelten die über Jahre angestiegene Inflation und das wachsende Haushaltsdefizit der USA mit dem daraus resultierenden Vertrauensverlust in den Dollar. Im zweiten Golfkrieg 1990 bis 1991 rutschte der Dow-Jones-Index um 18 Prozent. Anlass für den Krieg war der Einmarsch irakischer Streitkräfte im Erdöl-Staat Kuwait. Internationale Streitkräfte unter Führung der USA befreiten das Emirat wieder von der feindlichen Besatzung. Während der Argentinienkrise 1999 bis 2002 fiel die New Yorker Börse um 37 Prozent. Die Anbindung des Peso an den Dollar 1989 führte zu einem Ende der langjährigen Inflation in Argentinien, bewirkte aber auch eine Verteuerung argentinischer Produkte auf dem Weltmarkt. Zahlreiche argentinische Firmen wurden dadurch in den Konkurs getrieben. Die Schulden des Staates wuchsen schliesslich so stark, dass es 2001 zu einem Staatsbankrott kam. Am Höhepunkt der Argentinienkrise Mitte 2002 stieg die Armutsrate auf 57 Prozent. Mit Finanzhilfe des internationalen Währungsfonds IWF und einer Umschuldung kam das Land in den Jahren danach wieder auf die Beine. In die Zeit der Argentinienkrise fiel auch das Platzen der Dotcom-Blase. Ende der Neunzigerjahre war der Wert diverser Internetfirmen astronomisch angestiegen, obwohl diese keine Wertschöpfung generierten. Im Frühjahr 2000 zeichneten sich erstmals Zweifel über die Solvenz der neuen Technologiefirmen ab, worauf die Aktienkurse zu bröckeln begannen. Vor allem Kleinanleger begannen in Panik zu verfallen und ihre Papiere um jeden Preis zu verkaufen. Die Terroranschläge auf die Twin-Towers in New York vom 11. September 2001 erschütterten die westliche Welt in ihren Grundfesten. Der Einbruch des Dow-Jones-Index hielt sich mit 12 Prozent aber vergleichsweise in Grenzen. Ein viel grösseres Beben auf den Finanzmärkten setzte dagegen die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers in Gang. 2008 brach der Dow-Jones-Index um 46 Prozent ein. Die damaligen Höchststände haben viele Länder bis heute nicht wieder erreicht – darunter auch die Schweiz.

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Von wegen aus der Finanzkrise gelernt: Der Softwaregigant Microsoft kauft für 8,5 Milliarden Dollar den Internet-Telefoniedienst Skype. Ein weiteres Beispiel wachsender Luftschlösser: LinkedIn will an die Börse. Es wäre der erste Börsengang eines Social Networks.

Und bereits machen sich Anleger-Fantasien in rosigsten Farben breit: Das Unternehmen LinkedIn soll laut der Nachrichtenagentur Reuters mit bis zu 3 Milliarden Dollar bewertet werden. «In der Tat könnte bei Social Networks eine nächste Spekulationsblase entstehen», warnt Lars Kalbreier, Head of Global Equities & Alternatives Research bei der Grossbank Credit Suisse.

Regulierungswut hat wenig Wirkung

«Spekulationsblasen lassen sich nämlich nicht verhindern. Es wird immer wieder Blasen geben», sagt er. Kalbreier war mitverantwortlich für die soeben erschienene CS-Studie «Emotionen und Märkte» zur Anlegerpsychologie. Selbst die wachsende Regulierungswut der Staaten könne das Risiko im Finanzsystem beschränken, nicht aber die Psychologie der Masse beeinflussen. «Kein Gesetz kann vorschreiben, wo die Investoren anlegen sollen und wo nicht», erklärt der Experte. Und so führen übersteigertes Selbstvertrauen, eine verzerrte Wahrnehmung der Situation, sozialer Druck und die Angst, Verluste zu realisieren zur Wiederholung der Geschichte.

Menschen neigen dazu, die jüngste Vergangenheit in die ferne Zukunft zu extrapolieren. Will heissen: Sind die Aktienkurse in letzter Zeit sprunghaft geklettert, rechnen Anleger mit einem weiteren Anstieg und legen einen Grossteil ihres Kapitals in Risikoinvestments an, um den Gewinn zu maximieren. Dabei ist gerade dann das Risiko eines Kurszerfalls am grössten. Kommt es schliesslich zum gefürchteten Szenario, dann können sich die Investoren nicht genug rasch vom Markt zurückziehen. Alle werfen gleichzeitig ihre Anlagen auf den Markt. Panik ist die Folge.

Durchschnittlich alle drei Jahre kommt es an den Finanzmärkten zu Panik- oder Euphorie-Reaktionen, haben die Analysten der Credit Suisse herausgefunden. Sie untersuchten dabei die Entwicklung von 20 Vermögensklassen weltweit.

Reale Innovationen als Basis

Aber ist das schlecht? «Nein», meint Kalbreier, «Spekulationsblasen bieten letztendlich auch Chancen.» Denn Basis für Blasen seien immer reale Innovationen. Als Beispiel nennt der Finanzfachmann die Südseeblase im 18. Jahrhundert. Erst die neuen Schiffsrouten ermöglichten einen regen Handel zwischen Europa und den neu entdeckten Kontinenten. Die Eisenbahnblase im 19. Jahrhundert trieb zwar viele Anleger in den Ruin. Doch das neue Fortbewegungsmittel beschleunigte Mobilität und Wertschöpfung. Auf die gleiche Art ist laut Kalbreier die Dotcom-Blase geplatzt. Aber das Internet sei geblieben und habe unsere Welt vollkommen verändert. Sein Fazit deshalb: «Diese Neuerungen revolutionieren die Welt. Spekulationsblasen helfen uns somit, die Gesellschaft weiterzuentwickeln.»