Anbau in Indien

17. Juni 2017 11:56; Akt: 20.06.2017 15:32 Print

So viel Knochenarbeit steckt in deinem Eistee

von F. Lindegger - Schweizer gehören beim Eisteekonsum zur Weltspitze. 20 Minuten hat in Indien eine jener Plantagen besucht, die den Rohstoff für das Süssgetränk liefern.

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Tee-Ernte ist oft Handarbeit. (Bild: Véronique Hoegger)

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Fast einen halben Liter Eistee trinkt jeder Einwohner der Schweiz im Schnitt pro Woche, so viel wie in keinem anderen europäischen Land. Weltweit ist Eistee nur gerade in Taiwan und Japan noch beliebter.

Dass die Schweiz zu einer Eistee-Nation wurde, liegt vor allem auch an der Migros. 1984 lancierte das Unternehmen das Süssgetränk unter dem Namen Ice Tea. Das Produkt wurde schnell zum Verkaufsschlager und der Eistee mit seiner blau-weiss gestreiften Verpackung gehört heute – unter dem neuen Namen Kult Ice Tea – zu den bekanntesten Eigenmarken des Detailhändlers.

Belgier mögens mit Kohlensäure

Seinen Ursprung hat der Eistee in den USA – dort hatten auch zwei Mitarbeiter der Migros-Tochter Bischofszell das Erfrischungsgetränk entdeckt. Neben dem Zuckergehalt unterscheiden sich die typischen Eistees je nach Land und Region auch nach Geschmacksrichtung oder Zusammensetzung. In Belgien etwa ist das Getränk in der Regel mit Kohlensäure versetzt.

Laut einer Erhebung von Euromonitor kommt die Migros als Marktführer in der Schweiz auf einen Anteil von 30 Prozent beim «Ready to Drink Tea», wie die Nahrungsmittelbranche Eistee in der Pet-Flasche oder im Tetrapack nennt. Die weiteren grossen Player sind die beiden Weltmarktführer Nestea (Nestlé, Coca-Cola) und Lipton (Unilever, Pepsi) sowie Coop. Coop reklamiert für sich, in der Schweiz als erstes Unternehmen ab 1983 Eistee im grossen Stil produziert zu haben.


Im Coop-Mittwoch-Studio wird die Neuheit Eistee vorgestellt (Video: Coop)

Um den Durst der Schweizer zu stillen, werden jedes Jahr Hunderte Tonnen Tee benötigt. Dieser stammt aus den grossen Anbaugebieten in China, Indien, Sri Lanka oder Kenia. Der grösste Schweizer Produzent Bischofszell bezieht den Tee aus dem Chamraj-Teegarten im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. Auf rund 2000 Metern über Meer, in den Nilgiri-Bergen, wachsen dort die Kamelienpflanzen.

Die Nilgiri-Region ist nach Assam und Dooars-Terai das drittgrösste Anbaugebiet in Indien. Nilgiris, was wörtlich «blaue Berge» bedeutet, verdankt seinen Namen dem Strauch Strobilanthes, der die Hügel überzog und alle zwölf Jahre blau erblühen liess. Heute ist von diesem Naturschauspiel kaum mehr etwas zu sehen. In den blauen Bergen dominiert das leuchtende Grün der Tee-Monokultur.


Grün statt blau: die Nilgiri-Berge in Südindien (Video: F. Lindegger)

Die Teeproduktion in Südindien ist noch zu einem grossen Teil Handarbeit – besonders im Feld. Das Pflücken der Teeblätter ist traditionell Frauenarbeit. In kleinen Gruppen gehen sie durch die Sträucher, zupfen die jüngsten Blätter und die Knospe ab.

Um zu bestimmen, welche Blätter gepflückt werden, legen die Frauen einen Holzstab vor sich auf die Sträucher. Alle Blätter über dem Stecken landen im Korb, den sie auf dem Rücken tragen und der an ihrer Stirn befestigt ist. Täglich arbeiten die Pflückerinnen acht Stunden am Tag, sechs Tage pro Woche.

Tee wird in Südindien in Monokulturen angebaut

Im Chamraj-Teegarten erhalten sie für ihre Arbeit den vorgeschriebenen Mindestlohn von 250 Rupien pro Tag (3.80 Franken). Mit Prämien und Bonus verdient eine Pflückerin im Monat im Schnitt 110 Franken. Das entspricht etwa einem durchschnittlichen Lohn in Tamil Nadu.

Den Angestellten der Chamraj Plantage werden zudem Unterkunft, Gas zum Kochen und ein Teil der Elektrizität vom Arbeitgeber kostenlos zur Verfügung gestellt. Auch die medizinische Versorgung oder die Rente übernimmt der Betrieb. Die Kinder der Angestellten können kostenlose Schulen besuchen, wo sie etwa Englisch oder Programmieren lernen.


Teepflückerin Selvi bei der Arbeit (Video: F. Lindegger)

Ein grosser Teil der Angestellten arbeitet bis zur Pensionierung mit 58 im selben Teegarten. Familien leben dabei nicht nur in einem Haus auf der Plantage, oft arbeiten auch beide Elternteile für den Betrieb. Die Frauen auf dem Feld, die Männer in der Fabrik oder ebenfalls im Feld, wo sie fürs Sträucherschneiden, Düngen oder Pflanzenspritzen verantwortlich sind. Für diese Tätigkeiten erhalten die Männer den Mindestlohn von umgerechnet rund 4.40 Franken pro Tag.

Bisher war es die Regel, dass die Kinder der Teearbeiter ihr Berufsleben ebenfalls auf den Plantagen verbringen. Doch das ändert sich allmählich. Die jungen Erwachsenen, die im Gegensatz zu ihren Eltern zur Schule gingen, verlassen zunehmend die Dörfer in den Bergen und ziehen in nahe Grossstädte wie Coimbatore, Bangalore oder Chennai. An ihrer Stelle rekrutieren die grossen Teeplantagen in den Nilgiri-Bergen neue Arbeitskräfte aus ärmeren Bundesstaaten.

Kaum Maschinen im Feld

Die Pflückerinnen der Chamraj-Plantage ernten im Schnitt 50 Kilogramm Tee pro Tag. Eine motorisierte Maschine, die wie ein Schlitten von zwei Personen über die Sträucher gezogen wird, schafft täglich bis zu einer Tonne. Mit Pflück-Traktoren sind Mengen bis zu fünf Tonnen möglich. Im steilen Gelände Südindiens können solche fahrbaren Maschinen allerdings nicht eingesetzt werden.

Weiter fortgeschritten ist die Maschinisierung in den Fabriken, in denen der Tee direkt nach der Ernte zu Schwarztee (mit Oxidation) oder Grüntee (ohne Oxidation) weiterverarbeitet wird. Auch High-Tech-Geräte wie Farbausleser, die mit Sensoren Fremdstoffe oder Tee von minderer Qualität aussortieren, sind im Einsatz.


Rollen, trocknen, sortieren, aufgiessen – so entsteht aus Teeblättern Eistee (Video: F. Lindegger)

Rund 10'000 Kilometer hat der Tee in einem Monat zurückgelegt, wenn er im Werk von Bischofszell im Kanton Thurgau eintrifft. Dort wird der Tee aufgegossen und in grossen Tanks mit Zucker und Zitronensäure gemischt. Innerhalb von wenigen Minuten wird der fertige Eistee vollautomatisch abgefüllt, verpackt und für den Transport vorbereitet. Rund 100 Millionen Liter produziert Bischofszell jedes Jahr.

Im Laden kostet ein Liter Ice Tea im Tetrapack 75 Rappen. Trotz aufwendiger Ernte, Verarbeitung und weitem Transport macht der Tee mit rund 10 Prozent nur einen kleinen Teil des Verkaufspreises aus.

Die Recherche in Indien wurde durch die Migros ermöglicht.