Interview

11. März 2010 13:01; Akt: 15.03.2010 13:10 Print

«Die Abzocker-Initiative ist zu schwach»«Die Abzocker-Initiative ist zu schwach»

von Lukas Hässig - Der Nationalrat hat heute eine grosse Abzocker-Debatte geführt. Doch der Freiburger Ökonomieprofessor Reiner Eichenberger ist skeptisch. Die Forderungen von Abzocker-Initiant Thomas Minder und seiner Mitstreiter bewirkten wenig, sagt er im Interview mit 20 Minuten Online.

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Im Nationalrat hat die Abzocker-Initiative heute Donnerstag für heisse Köpfe gesorgt. Für den Wirtschaftswissenschaftler Reiner Eichenberger wird die Abzocker-Vorlage an der bestehenden Mentalität aber kaum etwas ändern. Nötig sei ein System à la Direktdemokratie: Kampfwahlen um den Verwaltungsrat, Alternativ-Lohnsummen und eine Delegation der eigenen Stimme an «Wirtschaftsparteien».

Herr Eichenberger, Sie haben in der NZZ geschrieben, die Abzocker-Initiative und deren Gegenvorschläge führten am Ziel vorbei. Dabei zittert doch die ganze Wirtschaftselite davor.
Reiner Eichenberger: Zittern? Die Wirtschaft hat gemerkt, dass weder Initiative noch Alternativvorschläge ein ernsthaftes Problem für sie darstellen. Mit dem, was Thomas MinderDas ParlamentThomas Minder
Parteilos, SH
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und die auf den Zug aufgesprungenen Politiker fordern, wird sich praktisch nichts ändern. Die Initiative ist schlicht zu schwach dafür.

Seit Monaten gehen die Wogen hoch, und nun kommen Sie und sagen, Minders Initiative sei schwach.
Lassen Sie mich die Politik als Bild heranziehen. Da geht es ebenfalls um die Kontrolle von Macht durch Individuen. Bei politischen Abstimmungen haben wir immer eine richtige Auswahl zwischen dem neuen Vorschlag und dem Status quo. Wenn nun aber die Aktionäre über ein Gehaltspaket für die Firmenleitung abstimmen, haben sie diese Auswahl nicht. Sagen sie nein, stürzt ihr Unternehmen meist ins Chaos. Das zwingt sie praktisch, ja zu sagen. Zu tieferen Löhnen kommt es kaum.

Dem Aktionär steht es schon heute frei, Kampfkandidaten und tiefere Lohnsysteme an der Generalversammlung zu fordern.
Die Dynamik, wie wir sie von Gemeindeversammlungen her kennen, gibt es an Generalversammlungen nicht. Um einen Kampfkandidaten auf die Traktandenliste zu setzen, braucht es riesige Aktienpakete. Diese Hürde müsste massiv gesenkt werden. Doch weder Minder noch die Gegenvorschläge zielen in diese Richtung.

Sie brachten Ihre Vorschläge erst unmittelbar bevor der Nationalrat die Abzocker-Initiative behandelt. Warum so spät?
Ich vertrete mein Modell einer wirksamen, wettbewerbsorientierten Aktionärsdemokratie seit vielen Jahren. Doch vielen Wirtschaftskapitänen wäre ein solches System ein Gräuel, während die Vorschläge eines Aussenseitertyps wie Thomas Minder zwar unangenehm sind, aber letztendlich kalkulierbar. Abstimmungen über Gesamtlöhne und kurze Wahlperioden für die Verwaltungsräte kennt man vom Ausland her.

Ihre Ideen sind revolutionär, aber nur in Universitätskreisen ein Thema. Wie läuft der Diskurs?
Viele meinen, der Aktienmarkt schütze die Aktionäre: «Der Aktionär ist frei, die Titel der Unternehmung, an die er nicht mehr glaubt oder mit deren Führung er unzufrieden ist, zu verkaufen». Doch das ist kreuzfalsch. Wenn ein Aktionär merkt, dass es mit seiner Firma bergab geht, ist der Preis der Aktie längst abgestürzt. Ob es sich lohnt, auf bessere Zeiten zu warten, weiss niemand. Noch schlimmer: Will er verkaufen, braucht er zwingend einen Käufer. Wie ein Ausreisewilliger, der das Land nur verlassen darf, wenn er einen Zuwanderer findet. Stellen Sie sich das für die ehemalige DDR vor!

Sie plädieren sogar für das, was Minder & Co. unter allen Umständen abschaffen wollen: die Stimmrechtsdelegation. Viele denken, genau das sei schlecht für die Aktionärsdemokratie.
In der Politik können wir auch nicht alles an einer physischen Versammlung regeln. Also wählen wir Parteien, delegieren unsere Stimme einer professionellen Organisation. Das Gleiche sollten Aktionäre tun können: Sie übertragen anonym und jederzeit widerrufbar ihr Stimmkraft jener «Wirtschaftspartei», die ihre Anliegen am ehesten vertritt. Ethos, die nachhaltiges Wirtschaften propagiert, steht dann in Konkurrenz zu McKinsey mit ihren strategischen Würfen. Und das Schönste an diesem Modell: Die Unternehmen könnten die Arbeit dieser Wirtschaftsparteien finanzieren. Langfristig käme ihnen die Effizienz und Professionalität solcher Profi-Delegierten in Form von mehr Unternehmenswert zugute.

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  • Joachim S. am 12.05.2010 14:16 Report Diesen Beitrag melden

    Es geht auch ohne horrende Boni!

    Oft wird in diesem Zusammenhang erwähnt, dass die UBS ohne diese riesen Boni ihre Spitzenleute nicht halten könne, und die Bank in wenigen Jahren zugrunde gehen werden. Es geht aber auch anders: Im ECO-Magazin des SF (Sendung vom 12.04.2010) wurde am Beispeil der erfolgreichsten französischen Bank Paribas gezeigt, dass auch CEOs mit 2-3 Mio. Jahresgehalt (ohne einen Bonus) gut funktionieren!

  • carloswschenkel am 20.04.2010 10:40 Report Diesen Beitrag melden

    internationale Grundsatz-Frage

    Gute Ausrede, wir müssen uns internationalen Standards angleichen, weil alle zuviele Boni bekommen. Die Unruhe in den Köpfen über zu hohe Saläre ist jedenfalls auch global. Warum wollen die Politiker das Thema nicht aufgreifen? Werden die Politiker umgebracht, welche nicht auf der Linie der Wirtschaft politisieren? Oder ist es die Angst der Politiker, später zuwenig lukerative Verwaltungsratsitze zu bekommen, das sie nur minimale Veränderungen vorschlagen. Ich weiss nicht mehr, ob ich als Stimmbürger noch jemanden wähle, weil die Politiker sich später nur noch wie "Ja"sager verhalten.

  • Erwin Flück, Dulliken am 02.04.2010 09:44 Report Diesen Beitrag melden

    Für Abzockerinitiative

    Wenn jemand behauptet, die Befürworter der Abzockerinitiative seien alle Neider, dann irrt er sich gewaltig! - Leute mit gesundem Rechtsempfinden müssen die Initiative unterstützen. Es gibt keinen Menschen, der 1000 mal mehr leistet als andere. Erwin Flück, Dulliken

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