Revolte in Ägypten

01. Februar 2011 17:10; Akt: 01.02.2011 17:15 Print

Die Angst vor dem Ölpreisschub

von Sandro Spaeth - Obwohl Ägypten nur über wenig Erdöl verfügt, schnellte der Ölpreis als Folge der Unruhen in die Höhe. Die Angst vor einer Sperrung des Suezkanals geht um.

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Frachtschiff bei der Durchfahrt des Suezkanals

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Die Revolte in Kairo verunsichern die Märkte. Erstmals seit fast zweieinhalb Jahren ist der Ölpreis wieder auf über 100 Dollar je Barrel (159 Liter) gestiegen. Am Montagabend kostete ein Fass Öl der Sorte Brent 100 Dollar und 67 Cent. Zum Vergleich: im Dezember lag der Durchschnittspreis noch bei 90.86 Dollar, letzte Woche bei rund 95 Dollar. «Der Preisanstieg wegen des Konfliktes in Ägypten beträgt vermutlich fünf bis 10 Dollar», erklärt Rohstoffanalystin Susanne Toren von der ZKB. Die Märkte fürchteten um die Stabilität im gesamten Nahen Osten.

Im Konzert der grossen Lieferanten des Schwarzen Goldes kommt Ägypten eine untergeordnete Rolle zu. 2009 wurden lediglich 35,6 Millionen Tonnen Erdöl gefördert. (Russland, das wichtigste Förderland, kam auf 494 Millionen Tonnen) Trotzdem ist die Krise in Ägypten Treiber des jüngsten Erdölpreisschubs. Ein Grund dafür ist der durch ägyptisches Territorium führende Suezkanal, den ein Zehntel der weltweiten Seefracht passiert. Selbst die Mehrheit der grosse Tanker können den Suezkanal seit des Ausbaus im Jahr 2009 voll beladen befahren.

Katastrophe für Welthandel

Die 192 Kilometer lange Wasserstrasse verbindet das Mittelmeer mit dem Roten Meer. Durch diese Verbindung verkürzt sich beispielsweise die Fahrt eines Schiffes vom Ras Tanura, dem Standort des wichtigsten saudischen Ölverladeterminals im Arabischen Golf, nach Rotterdam, um über 4700 Kilometer. «Würde dieser Kanal gesperrt, hätte dies einen enormen Anstieg der Frachtkosten zur Folge», sagt Rolf Hartl von der Erdölvereinigung. Dramatischer sieht es ein von 20 Minuten Online kontaktierter Rohstoffexperte: «Falls es zu einer Schliessung käme, wäre das für den Welthandel eine Katastrophe». Ein Blockade hätte zudem massive politische Auswirkungen. Strategisch von Bedeutung ist Ägypten aber auch wegen der Sumed-Pipeline, die das Rote Meer mit der Mittelmeer-Hafenstadt Alexandria verbindet. Laut Hartl fliessen durch Kanal und die Pipeline täglich rund 2,5 Millionen Fass Öl.

Die Bedeutung des Suezkanals zeigte sich im Sechstagekrieg 1967. Israel besetzte die Wasserstrasse und baute an deren Ostufer eine Verteidigungslinie, worauf der Kanal für die Schifffahrt geschlossen blieb. Streitpunkt war der Kanal auch beim Jom-Kippur-Krieg (6. bis 26. Oktober 1973), wodurch Ägypten zwar den Kanal zurückeroberte, aber die Ölkrise auslöste. So stieg an 17. Oktober 1973 der Ölpreis von rund drei US-Dollar pro Barrel auf über fünf Dollar, was einem Anstieg um 70 Prozent entsprach. Grund für die Preisexplosion war eine Reduktion der Förderquote der OPEC-Länder um fünf Prozent, was auf den Märkten Panik auslöste. Wieder vollständig offen war der Suezkanal erst im Jahr 1975.

Gefahr eines Flächenbrands

Bisher läuft der Betrieb des Suez-Kanals laut Nobuo Tanaka, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), noch normal. Dies würde aber anders aussehen, falls es zu einer Machtübernahme durchs Militär käme, oder wenn politische Extremisten die Macht übernehmen würden, so Leon Leschus vom deutschen Weltwirtschaftsinstitut in einem Interview mit dem «Handelsblatt». Auf welche Marke der Preis bei einem solchen Szenario klettern könnte, lässt sich laut Rolf Hartel von der Erdölvereinigung nicht sagen. Noch schlimmer als eine Schliessung des Suezkanals wäre laut Hartl ein Ausweiten des Konflikts in Ägypten auf andere Länder. «Kommen die Demokratisierungsbewegungen auch im Iran, Irak Saudi Arabien oder in Algerien schockartig in Gang, hätte dies wohl dramatische Auswirkungen auf den Ölmarkt.»

Das Problem bei einem sogenannten Flächenbrand, sprich einer Ausweitung der Krise auf weitere Erdöllieferanten, ist, dass niemand einschätzen kann, wie es weiter geht. «Wenn man nicht weiss, welches Regime an die Macht kommt, werden die Preise stiegen. Die Börse mag keine Unsicherheiten», erklärt Hartl. Längerfristig dürfte sich die Situation aber wieder beruhigen, denn jedes Land wolle Erdöl verkaufen.