Gut zu wissen

12. September 2013 14:03; Akt: 12.09.2013 15:35 Print

Zehn Mythen über die Schweizer Wirtschaft

von S. Spaeth - Die Schweiz als Land der Fleissigen, mit stabilem Arbeitsmarkt und tiefen Schulden. Doch stimmen all die Klischees, wegen denen uns die Nachbarn ebenso loben wie beneiden?

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Die Schweiz gilt als wirtschaftliche Musterschülerin. Ist also alles in Butter? Die Ökonomen der Credit Suisse haben ihre Zweifel und schreiben in ihrem neusten Monitor-Schweiz-Studie von zehn Mythen zur Schweizer Wirtschaft. Stimmt nicht: Zwar sind 99,7 Prozent aller Schweizer Firmen KMU, doch jeder Dritte arbeitet in einem Grossunternehmen. Stimmt nicht: Auch Herr und Frau Schweizer geniessen zunehmend mehr Freizeit. Zwischen 1996 und 2012 hat sich die Anzahl Ferienwochen eines Mitarbeiters von 4,6 auf 5 erhöht. Stimmt nicht: Der durchschnittliche Haushalt (2.2 Personen) ist mit über 200'000 Franken verschuldet. Gesamthaft beläuft sich der Schuldenberg der privaten Haushalte auf über 700 Milliarden Franken. Stimmt nicht: Die Ausgaben des Bundes sind zuletzt zwar durch die Schuldenbremse gedrosselt worden, doch der Mechanismus dürfte schon bald auf die harte Probe gestellt werden. Der Ausweg sind Entlastungsprogramme, doch ein solches hat der Nationalrat im Sommer bachab geschickt. Stimmt nicht: Die Schweizer Notenbank (SNB) ist zwar als Institution unabhängig, beim Mindestkurs sowie und dem Leitzins gilt das nur bedingt. Bei den Zinsen wird die SNB stark von der Europäischen Zentralbank beeinflusst. Stimmt nicht: In absoluten Werten liegen die Leitzinsen zwar bei nahezu null, doch dieser nominale Zins sagt wenig aus. Wichtig ist eine um die Inflation bereinigte, reale Grösse. Bereinigt um die zuletzt negative Schweizer Teuerung gibt es kaum noch einen Vorteil gegenüber anderen Währungsräumen. Stimmt nicht: Auch die Schweiz schiebt Reformen vor sich hin. Beispiel dafür ist die AHV, die immer stärker in Schieflage kommt. Bei ihrer Einführung im Jahr 1948 betrug die Lebenserwartung für Männer nach der Pensionierung 12,4 Jahre, heute sind es 18,8 Jahre. Stimmt nicht: Die Lage sieht rosiger aus als sie ist. Zwar sind selbst während der Wirtschaftskrise Stellen geschaffen worden, doch die neuen Jobs werden nur in wenigen Branchen geschaffen: im Bausektor, im Gesundheitswesen und beim Staat. Stimmt nicht: Die für die Exportüberschüsse (mehr Ausfuhren als Einfuhren) kommen nicht von Industrieprodukten sondern von den Dienstleistungen. Ihr Überschuss war im Schnitt der letzten Jahre mehr als viermal so hoch. Stimmt nicht: Zwar ist die Schweizer Wirtschaft zwischen 2000 und 2012 stärker gewachsen (1.8% pro Jahr) als diejenige der EU (1.5%). Wird das Wachstum aber ins Verhältnis zur Bevölkerungszunahme gesetzt, fällt die Schweiz zurück. Das Pro-Kopf-Wachstum beträgt knapp 1%, dasjenige der EU 1.2%.

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Die Schweiz ist auf den ersten Blick eine Musterschülerin. Die Arbeitslosenquote liegt bei tiefen 3 Prozent und die Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts (BIP) wird 2014 mit 2 Prozent rund doppelt so hoch sein wie in der Eurozone. Mit Neid dürften die Nachbarn auch auf den Schuldenberg des Alpenstaats blicken, der sich auf lediglich die Hälfte des BIP beläuft. Zum Vergleich: In der Eurozone sind es 92 Prozent.

Ist in der Schweiz also alles in Butter? Die Ökonomen der Credit Suisse haben ihre Zweifel und schreiben in ihrer neusten Monitor-Schweiz-Studie von zehn Mythen zur Schweizer Wirtschaft und warnen: Die Weichen würden meistens dann falsch gestellt, wenn die Selbstzufriedenheit zu gross sei.

1. Die Schweiz ist das Land der KMU
Stimmt nicht! Zwar sind 99,7 Prozent aller Schweizer Firmen KMU, doch jeder Dritte arbeitet in einem Grossunternehmen. Zum Vergleich: In der EU beträgt der KMU-Anteil sogar 99,8 Prozent. Gegen den helvetischen KMU-Kult spricht zudem, dass der Anteil der Grossen an der gesamten Wirtschaftsleistung überproportional ist. Jeder dritte Beschäftigte eines Multis arbeitete in einer Branche mit hoher Wertschöpfung. Bei den KMU ist es nur jeder Fünfte.

2. Die Schweizer sind fleissiger
Stimmt nicht! Auch Herr und Frau Schweizer geniessen zunehmend mehr Freizeit. Zwischen 1996 und 2012 hat sich die Anzahl Ferienwochen eines Mitarbeiters von 4,6 auf 5 erhöht. Damit liegt die Schweiz international nur noch im Mittelfeld. Und auch bei der wöchentlichen Arbeitszeit hinkt die Schweiz mit 42 Stunden dem OECD-Schnitt von 42,4 Stunden hinterher. Besonders aufstrebende Länder wie die Türkei oder Mexiko arbeiten mehr.

3. Schweizer machen kaum Schulden
Stimmt nicht! Der durchschnittliche Haushalt (2,2 Personen) ist mit über 200'000 Franken verschuldet. Gesamthaft beläuft sich der Schuldenberg der privaten Haushalte auf über 700 Milliarden Franken – im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung der Nation ist das laut der Credit Suisse fast ein Negativrekord. Die Gefährlichkeit der Schuldenlast relativiert sich aber durch den Umstand, dass die Schweizer vor allem Hypothekarschulden (95 Prozent) haben, die durch Immobilien gesichert sind. Entsprechend klein ist der Anteil an Konsumschulden.

4. Unsere Staatsfinanzen sind gesund
Stimmt nicht! Die Ausgaben des Bundes sind zuletzt zwar durch die Schuldenbremse gedrosselt worden, doch der Mechanismus dürfte schon bald auf die harte Probe gestellt werden. Der Ausweg sind Entlastungsprogramme, doch ein solches hat der Nationalrat im Sommer bachab geschickt. Weitere Probleme: Die Finanzplanung ist sehr optimistisch und die Schuldenbremse gilt nicht für die Sozialversicherungen, wo es grosse Löcher zu stopfen gilt.

5. Die Nationalbank ist unabhängig
Stimmt nicht! Die Schweizer Notenbank (SNB) ist zwar als Institution unabhängig, beim Mindestkurs und dem Leitzins gilt das nur bedingt. Bei den Zinsen wird die SNB stark von der Europäischen Zentralbank beeinflusst, zudem besteht für die SNB folgendes Dilemma: Solange die Währungshüter die 1.20-Untergrenze zum Euro im Fokus haben, können sie die Zinsen nur schwer erhöhen. Der Grund: Höhere Zinsen würden den Franken als Währung attraktiver machen und erneut aufwerten.

6. Die Zinsen sind tief
Stimmt nicht! In absoluten Werten liegen die Leitzinsen zwar bei nahezu null, doch dieser nominale Zins sagt ökonomisch wenig aus. Wichtig ist eine um die Inflation bereinigte, reale Grösse. Denn üblicherweise frisst die Inflation über die Jahre einen Teil der Schulden weg. Bereinigt um die zuletzt negative Schweizer Teuerung gibt es kaum noch einen Vorteil gegenüber anderen Währungsräumen.

7. Die Schweiz packt Reformen an – Europa zaudert
Stimmt nicht! Auch die Schweiz schiebt unangenehme Reformen vor sich hin. Beispiel dafür ist die Altersvorsorge, die immer stärker in Schieflage kommt. Bei der Einführung der AHV im Jahr 1948 betrug die Lebenserwartung für Männer nach der Pensionierung 12,4 Jahre, heute sind es 18,8 Jahre. Nur gilt in der Schweiz wie 1948 das Rentenalter 65. Spanien und Italien haben längst eine Erhöhung auf 67 bzw. 68 Jahre beschlossen.

8. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist stabil
Stimmt nicht! Die Lage sieht rosiger aus als sie ist. Zwar sind selbst während der Wirtschaftskrise Stellen geschaffen worden, doch die neuen Jobs werden nur in wenigen Branchen geschaffen: im Bausektor, im Gesundheitswesen und beim Staat. Der langfristige Vergleich zeigt ein ähnliches Bild. In den letzten zwanzig Jahren wurden im Bau, Gesundheitswesen und beim Staat fast 250'000 Stellen geschaffen, während in der Industrie über 100'000 Arbeitsplätze verschwanden.

9. Die Industrie sorgt für Überschüsse
Stimmt nicht! Die Exportüberschüsse (mehr Ausfuhren als Einfuhren) kommen nicht von Industrieprodukten, sondern von den Dienstleistungen. Ihr Überschuss war im Schnitt der letzten Jahre mehr als viermal so hoch. Der Schweizer Exportüberschuss kommt vor allem aus Branchen wie dem Rohstoffhandel, der aber nur sehr wenige Leute beschäftigt.

10. Die Schweiz wächst stärker
Stimmt nicht! Zwar ist die Schweizer Wirtschaft zwischen 2000 und 2012 stärker gewachsen (1,8% pro Jahr) als diejenige der EU (1,5%). Wird das Wachstum aber ins Verhältnis zur Bevölkerungszunahme gesetzt, fällt die Schweiz zurück. Das Pro-Kopf-Wachstum beträgt knapp 1%, dasjenige der EU 1,2%. Der schwächere Schweizer Produktivitätsausweis ist die Folge der Arbeitsmarktpolitik: Hier werden auch Menschen im Arbeitsmarkt integriert, die eine tiefere Produktivität haben, was den Durchschnitt senkt, aber für tiefere Arbeitslosenzahlen sorgt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Wahrheit am 12.09.2013 17:07 Report Diesen Beitrag melden

    Punkt 8 ist die grosse Frage

    Ich würde gerne einmal die Richtigen Zahlen sehen? Wie viele offene Stellen vorhanden sind. Wie viele Arbeitslos sind, d. h. die keinen Vertrag haben. Egal ob sie einen Kurs vom RAV besuchen oder solche die Aus gesteuert sind. Zeigt einmal die richtigen zahlen und nicht immer die geschönten. Wie war das noch einmal, das Volk hat ein Recht die Wahrheit zu wissen!

  • Müller Hans am 12.09.2013 21:55 Report Diesen Beitrag melden

    Teil2

    Mein Tip lernen wir von anderen Ländern Europas. Ich sehe sowohl im Süden als auch im hohen Norden, dass die Menschen ein total anderes Arbeitsklima haben. Und sie viel mehr Lebensfreude ausstrahlen. Wir sollten vermehrt miteinander arbeiten als gegen einander. Seit dankbar, dass ihr hier lebt es gibt genug Menschen die hungern und verfolgt werden.

  • Clearmind am 12.09.2013 18:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verarsche

    In der Schweiz wird erfolgreich Propaganda gemacht, indem man alles überhöht darstellt. Damit werden Reformen verhindert, die diejenigen zur Kasse brächten, die vom Schwindel profitieren. Mythos 11: Hohe Löhne. Stimmt nicht, wenn man die lange Arbeitszeit, die kurzen Ferien und die schlechten Sozialleistungen ansieht. Im Französischen Lohn wurden Steuer, Krankenkassen, Arzt, Zahnarzt, Brillen und, und schon abgezogen. Der Schweizer bezahlt alles dreimal. Und dann gibt's noch Ueli Maurer mit seiner "besten Armee der Welt"! Nur ein Gelände in New Mexico der US Armee ist grösser als die Schweiz. Das US Militärbudget ist doppelt so gross wie die ganze Wirtschaftsleistung der Schweiz, von den Waffen ganz zu schweigen...! Und solchen Schwachsinn kann man hier verbreiten, ohne dass jemand aufbegehrt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • a.fo am 14.09.2013 14:48 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz hat Wohlstand

    Bevor man die Schweiz kritisiert muss man in das Ausland leben gehen. Da merkt man relativ zum Ausland, was man an der Schweiz hat. Ausser in einigen Bereichen (zB Landwirtschaft) eine funktionierende Marktwirtschaft, ein effizienter Staat, innovative Unternehmen, über das Ganze gesehen Wohlstand. Klar kann man einiges verbessern, aber so schwarz wie die Studie muss man unser Land nicht sehen.

  • Gusti Brösmeli am 13.09.2013 16:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Prof.

    Hört endlich auf, Wohneigentum zu kaufen mit Geld, welches ihr nicht habt.

  • statist am 13.09.2013 16:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schulden vs. millionär

    im schnitt hat ein 2.2 personen haushalt 200'000 schulden? naja im schnitt is auch jeder schweizer millionär

  • C.C. am 13.09.2013 15:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nationalbank

    Währungsverhüter und nicht Währungshüter ist für mich das richtige Wort.Überall soll der Liberalismus und die freien Marktregeln gelten.Nur beim Wechselkurs nicht?

  • Hansruedi Meier am 13.09.2013 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schulden dank SVP und FDP

    Die Steuergeschenke an Superreiche und Unternehmen (Unternehmenssteuerreform II) einerseits, der komplett unnötige Kauf von Kampfjets andererseits bringen das Schweizerische Budget zu Tode. Schade dass die Masse offensichtlich geistig nicht in der Lage ist, diesen Schwindel aufzudecken.

    • Sascha am 13.09.2013 17:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Nein danke linken

      Lieber jets als das Geld den faulen Menschen zu geben !

    • Markus am 13.09.2013 17:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Steuergeschenke

      Habe kürzlich in Radio gehört, dass in letzten Jahren Einkommen von 500'000.- aufwärts profitiert haben. Wenn dies in Massenmedien publiziert wird, wie sieht wohl die Realität aus? Im Beobachter ( habe die Ausgabe noch )wurde das Thema auch schon thematisiert, dass in der Schweiz 1 Million ohne Probleme auf 0-.steuerbares Einkommen reduziert werden kann.

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