Gleichstrom-Schalter

08. November 2012 14:42; Akt: 08.11.2012 15:07 Print

ABB-Aktionäre werden viel Geduld brauchen

von Elisabeth Rizzi - Analysten warnen ABB-Anleger vor überrissenen Hoffnungen: Die Umsetzung der Stromrevolution dank des neuen Gleichstromschalters könnte Jahrzehnte dauern.

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Heute wird Energie über Wechselstromleitungen transportiert. Die ABB-Technologie ermöglicht künftig auch verlustärmere Gleichstromnetze. (Bild: Keystone)

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Gestern gab ABB bekannt, ein hundert Jahre altes Rätsel gelöst zu haben. Endlich sei es gelungen, einen Schalter zu bauen, mit dem sich die Gleichstrom-Übertragung unterbrechen liesse. Der fehlende Schutzschalter war bislang der Grund dafür, dass sich Energie nicht über Hochspannungs-Gleichstromübertragungsnetze transportieren liess (es waren nur Punkt- zu Punkt-Verbindungen möglich). Bei den heute stattdessen üblichen Wechselstrom-Leitungen geht aber deutlich mehr Strom auf dem Transportweg verloren. Gerade bei den geplanten Langstrecken-Stromprojekten wie etwa Desertec ist das nicht ideal.

Kein Wunder schürt die ABB-Erfindung Hoffnungen bei den Anlegern. «Tatsächlich ist der neue Schalter sehr relevant und bedeutet einen technologischen Quantensprung», meint Jasmin Smajic, Professor am Institut für Energietechnik an der Hochschule für Technik Rapperswil. «Zudem kommt ABB zur richtigen Zeit. Schliesslich brauchen wir immer mehr Energie, wogegen sich wegen der Energiewende ein Engpass bei der Erzeugung abzeichnet», sagt er.

Etappierte Umsetzung

Allerdings warnt er auch davor, dass grosse Investitionen nötig würden, um Gleichspannungs-Netze aufzubauen. «Diese sind deshalb in erster Linie für die Stromübertragung über sehr grosse Distanzen interessant», glaubt der Experte. Eine flächendeckende und baldige Umrüstung sei nicht zu erwarten. «Die Umsetzung wird etappiert geschehen. Und manche Leitungen wie etwa die Stromnetze in Städten werden wohl immer mit Wechselstrom gespeist werden», glaubt er. Firmen würden zudem erst sehen wollen, dass das System funktioniert.

ZKB-Analyst Richard Freitag vermutet deshalb: «Umsatzmässig wird sich die Entdeckung bei ABB nicht in den nächsten zwei bis drei Jahren niederschlagen. Die Perspektiven liegen eher in den nächsten Jahrzehnten.»

Fragezeichen stellt auch Julius-Bär-Analystin Britta Simon. «Sicher könnte ABB ein Durchbruch beim Thema Gleichstrom gelungen sein. Aber man muss jetzt zuerst beobachten, ob sich Gleichstromnetze wirklich durchsetzen werden.»

Kein langfristiges Monopol

Für Smajic kommt noch hinzu, dass keinesfalls sicher ist, ob ABB eine Monopolstellung einnehmen wird: «Anfangs wird der Industriekonzern sicher der einzige Anbieter sein. Langfristig ist die Technologie aber nicht geheim.» Zudem seien bereits jetzt Konkurrenten wie Siemens ebenfalls in diesem Feld am Forschen.