Prämienschock

23. September 2010 17:55; Akt: 21.06.2011 17:23 Print

«Genfer und Zürcher zahlen weiterhin viel»

von Elisabeth Rizzi - Die Krankenkassen-Prämien steigen 2011 in Nidwalden doppelt so stark an wie in Genf. Das ist fair, findet Santésuisse-Sprecher Felix Schneuwly.

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Die Krankenkassenprämien werden heute pro Kanton festgelegt. Ist das noch zeitgemäss?
Felix Schneuwly: Es ist sicher richtig, die Prämien kantonal zu berechnen. Denn die Kantone machen die Spitalpolitik. Und Spitäler bilden den grössten Kostenblock bei den Gesundheitskosten.

Obwohl Krankenkassen oft national arbeiten, teilen sie ihre Reserven in einer Schattenrechnung kantonal auf. Genf, Waadt, Zürich, Tessin und Neuenburg haben die höchsten kantonalen Reserven. Entsprechend steigen die Krankenkassenprämien in den Kantonen Genf und Neuenburg auch am wenigsten. Nidwalden und Bern, die diesbezüglich formal im Minus stehen, erhöhen dagegen heuer ihre Prämien drastisch. Ist das fair?
Natürlich ist es nicht so, dass eine Krankenkasse in einem Kanton Konkurs gehen kann und in einem anderen nicht. So gesehen ist es natürlich sinnlos quasi kantonale Reserven zu bilden und eine Schattenrechnung zu führen…

…aber?
Das Problem ist, dass das Bundesamt für Gesundheit bei der Prämiengenehmigung in den vergangenen Jahren nicht konsequent darauf geachtet hat, dass in den einzelnen Kantonen die Prämienhöhe an die tatsächlichen Kosten angepasst wird. Dabei würde das Gesetz eigentlich vorschreiben, dass Prämien und Kosten in einer Periode von jeweils zwei Jahren ausgeglichen sein müssen.

Tatsache ist, dass der Kanton Genf eine Reservequote von über 40% aufweist und die Kantone Uri und Obwalden weit über 10% im Minus stehen mit entsprechenden Folgen für die Prämienzahler…
Es ist in der Tat ein Problem, dass die Versicherten in Kantonen wie etwa Genf in den letzten Jahren viel zu viele Prämien bezahlt haben. Die Kantonsbewohner von Uri und Obwalden bekommen dagegen mit einem Prämienaufschlag von je 11% für 2011 jetzt die Kostenwahrheit zu spüren.

Wie konnte es überhaupt zu so einer Marktverzerrung kommen?
In einem Wettbewerb versucht jeder Anbieter gute Prämien anzubieten, ohne sich jedoch zu weit von der Konkurrenz zu entfernen. In tendenziell zu hoch- oder tiefpreisigen Regionen findet deshalb keine automatische Korrektur statt. Hier ist die Aufsicht – in Fall der Grundversicherung das Buundesamt für Gesundheit – gefordert, regulierend einzugreifen.

Bis 2012 sollen nach dem Willen des eidgenössischen Parlaments die kantonalen Reserven aneinander angeglichen; also in den meisten Fällen drastisch gesenkt werden. Wie gross ist die Gefahr, dass die Reserven plötzlich zu tief werden?
Das Gegenteil ist der Fall. Der Reservebedarf wird per Gesetz bei den Krankenversicherern nach ihrer Grösse bestimmt und zwar offiziell gesamtschweizerisch; je grösser ein Unternehmen, desto tiefer müssen die Mindestreserven sein. Werden die Krankenkassen neu nach ihrer Grösse innerhalb einzelner Kantone zu beurteilt, dann entstehen logischerweise kleinere Einheiten. Kleinere Einheiten wiederum bedeuten höhere Mindestreservequoten.

Was heisst das?
Jetzt beträgt der minimal geforderte Reservebestand über alle Krankenkassen in der Schweiz 11,5%. Bei einer kantonalen Betrachtung würde die Quote auf 19% steigen. Das würde bedeuten, dass die Versicherten im Durchschnitt nochmals 9% mehr Krankenkassenprämien zahlen müssten, allein um die Reserveaufstockung zu finanzieren.

Wie gross ist die Gefahr, dass die Kassen ihre Reserven aus Kantonen mit hohen Reservebeständen einfach in solche mit niedrigen verlagern und die Prämienzahler sozusagen andere Kantone quersubventionieren? Das haben die Kassen Assura und Supra ja bereits angedroht.
Erstens wird der Ständerat für die kommende Winter- oder Frühlingssession erst noch einen Umsetzungsentwurf für die Reservenangleichung beschliessen müssen. Ich glaube letztlich nicht dass es tatsächlich zu einer Angleichung kommen wird. Und zweitens werden die Prämienzahler in den Kantonen Genf und Zürich weiterhin hohe Prämien bezahlen müssen ganz einfach, weil in diesen Kantonen die Gesundheitskosten höher sind als in Appenzell oder Nidwalden.

Letztes Jahr haben Sie noch gewarnt, die Prämien seien gesamtschweizerisch zu wenig erhöht worden und weitere drastische Prämienerhöhungen würden drohen. Wie beurteilen Sie die Situation dieses Jahr?
Dieses Jahr ist es ausgeglichen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Erich Mumenthaler am 25.09.2010 16:49 Report Diesen Beitrag melden

    Krankenkassen Reklame

    Die Krankenkassen jammern immer, dass sie zuwenig Reseven haben. Warum können sie sich teure Reklamen im TV und Sponsoren Beträge an Sportler ausgeben! Solange es noch so viele Kässeli gibt wird sich nichts ändern.

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  • Franz Bissig am 25.09.2010 15:11 Report Diesen Beitrag melden

    Abzocke

    Warum ist es möglich, dass KK-Manager bis zu 3.5 Mio erhalten (nicht verdienen) und Mitarbeiter keine Prämien Zahlen? Ist das gerecht den anderen KK-Kunden gegenüber. Die in den letzten Jahren so verschleuderten Gelder würden die Prämien mindestens 20-30% verbilligen.

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  • Kurt Aegeri am 24.09.2010 13:19 Report Diesen Beitrag melden

    Grundsätzlich neu gestalten

    Wer im Zusammenhang mit dem sog. Gesundheitswesen die Begriffe "Wettbewerb" oder "Markt" in den Mund nimmt, ohne dabei dunkelrot zu werden, ist aus meiner Sicht schlicht am falschen Ort. Auch diese kranke Angelegenheit haben wir den sog. bürgerlichen, in Realität wohl eher Wirtschaftsparteien und ihrer Klüngelei mit der "Gesundheitslobby" zu verdanken. Die ganze KK-Geschichte muss grundsätzlich neu gestaltet werden!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • thomas am 01.10.2010 21:43 Report Diesen Beitrag melden

    nein nein nein

    das sind die grössten Vaganten, die sollen mal dem Kartellgesetz nachgehen und die prüfen. Das kann ja nicht sein, dass die Preise im Gesundheitswesen kontinuierlich steigen. Wir müssen zusammenhalten.

  • Guet nacht bünzli am 29.09.2010 22:30 Report Diesen Beitrag melden

    es ist doch längst vorbei

    die jetzige form der Kk ist ein auslaufmodel, künftig wird sie am lohn abgezogen wenig lohn weniger mehr lohn mehr so ist es grecht nicht wie jetzt, also guet nacht....

    • Haimax am 15.10.2010 11:57 Report Diesen Beitrag melden

      ???

      Ich seh den Unterschied nicht, ob ich jetzt jeden Monat 1000.- auf die Post trage oder ob mir 1000.- vom Lohn abgezogen wird. In jedem Falle bin ich 1000.- Franken ärmer!

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  • KK Spezialist am 27.09.2010 23:22 Report Diesen Beitrag melden

    an toni

    Hallo Toni, Du wirst nicht bestraft weil du zu der günstigsten gewechselt hast. es funktioniert so: die sana24 hat in den letzten 2 jahren 200000 neue kunden aufgenommen.durch gewisse firmen werden alle darauf aufmerksam gemacht, dass man die grundversicherung vergleichen soll und zu der günstigsten zu wechseln. dadurch wechseln auch sogenannte "schlechte risiken" sprich kranke leute welche hohe kosten verursachen. dadurch steigen auch die ausgaben für leistungen.

  • Ding Dong am 27.09.2010 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    Ursache

    Man vergisst öfters, dass die Kassen selber den Prämienanstieg mit Werbe-, Admin-Kosten usw. verursachen. Entweder das heutige System ganz abschaffen oder eine Einheitskasse.

    • Stefan am 27.09.2010 15:25 Report Diesen Beitrag melden

      Falsch

      95% des Anstieges ist genau proportional zum Anstieg der Gesundheitskosten im letzten Jahr. Die anderen 5% sind zum Teil wegen Anwaltskosten da es immer mehr Leute gibt die den Anwalt hinzu ziehen wenn die KKs die Schöheitsoperation nicht bezahlen will. Die Werbe/Admin Kosten sind in den letzten Jahren eher runter als rauf.

    • Mark am 27.09.2010 23:32 Report Diesen Beitrag melden

      Einheitskasse - nein danke!

      Das alte Märchen von den hohen Prämien wegen Marketing- und Werbeausgaben wird auch dann nicht wahrer wenn es ständig wiederholt wird. Wenn ich heute mit meiner Kasse nicht zufrieden bin, dann kann ich wechseln. Einer Einheitskasse wäre man hilflos ausgeliefert. Ausserdem entstehen die Kostensteigerungen nicht durch die Krankenkassen sondern durch die in Anspruch genommenen Leistungen!

    • KK Frölein am 28.09.2010 08:12 Report Diesen Beitrag melden

      @STefan

      Genau Stefan!Die Versicherten haben den Anspruch, dass wir wirklich alles bezahlen und gehen auch gerichtlich vor !!

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  • Toni Carigiet am 27.09.2010 11:02 Report Diesen Beitrag melden

    Toni

    Ich wohne im Kanton Zürich und unsere Prämien steigen bei sana24 auf die ich letztes Jahr wegen den tieferen Prämien gewechselt habe um sage und schreibe 31% bei uns Erwachsenen und bei meinen in Ausbildung stehenden Kinder um 51%. Das ist kein Witz. Warum werden wir bestraft weil wir zu einer günstigeren Kasse wechselten. Unterdessen ist unsere alte Krankenkasse KLUG in Zug wieder günstiger. Hier scheint absolut keine Kontrolle zu Bestehen und die angeblichen 9% in Zürich scheinen lachhaft untertrieben. Das geht an die Substanz! Toni

    • Manfred Schaller am 27.09.2010 15:30 Report Diesen Beitrag melden

      Da gab es was neues

      Neu kam glaub ich dieses Jahr einen gewissen Beitrag hinzu die Billigkrankenkassen verhindern soll. Sana24 ist berühmt dafür, dass die Offerten von jemandem mit schlechten Risiken einfach in der Post "verschwinden" und es Wochen bis Monate geht bis da was läuft, bis die Alte Person genug hat und halt woanders hin geht. Zur Folge hat das tiefe Prämien da niemand davon bezieht. Neu muss man für 'gute Risiken' was in den Topf werfen und Krankenkassen mit 'schlechten Risiken' kriegen was davon. Deshalb werden die ganz billigen teurer und die ganz teuren bleiben trotz steigenden Kosten gleich.

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