Vorschlag aus Deutschland

11. Oktober 2017 05:38; Akt: 11.10.2017 05:38 Print

Braucht auch die Schweiz die 28-Stunden-Woche?

von Dominic Benz - Wer will, soll weniger arbeiten können. Das fordert Deutschlands grösste Gewerkschaft. Auch in der Schweiz findet der Vorschlag Anklang.

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Bei Bedarf weniger arbeiten und mehr Freizeit haben – das fordert die IG Metall, Deutschlands grösste Gewerkschaft. Sie will jedem der vier Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie die Möglichkeit schaffen, während zweier Jahre die Arbeitszeit pro Woche bis auf 28 Stunden zu senken und danach wieder zur Normalarbeitszeit zurückzukehren. Bisher gilt die Arbeitswoche mit 35 Stunden.

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Auch einen Lohnausgleich sieht die IG Metall vor: Wer die Arbeitswoche verkürzen will, um mehr Zeit für Familie, Weiterbildung oder die Pflege von Verwandten zu haben, soll eine kleine Lohnerhöhung erhalten. Dem Vorschlag vorausgegangen ist eine Branchen-Umfrage. Das Resultat: Viele der 680'000 Teilnehmer wollen zumindest für eine gewisse Zeit weniger arbeiten können.

«Volkswirtschaftlich sinnvoll in die Schweiz»

Der Vorschlag der deutschen Gewerkschafter stösst in der Schweiz auf Sympathie. «Eine 28-Stunden-Woche wäre in der Schweiz volkswirtschaftlich sinnvoll», sagt SP-Nationalrat Jean-Christophe Schwaab zu 20 Minuten. «Die Menschen wären motivierter und gesünder, wenn sie mehr Freizeit hätten.»

Schwaab glaubt, dass man für mehr Freizeit ein entsprechend tieferes Einkommen in Kauf nimmt – etwa als junger Vater, der Zeit mit seinen Kindern verbringen will. Denkbar sei ebenso, dass die Firmen ihren Angestellten, die durch flexiblere Arbeitszeiten produktiver wären, entsprechend höhere Löhne zahlten.

«Dann bezahlen wir all dafür»

«Die Möglichkeit einer kürzeren Arbeitswoche entspricht dem Zeitgeist und ist ein Bedürfnis in allen Altersklassen: vom jungen Vater, der mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen will, bis zum 60-Jährigen, der vor der Pension kürzertreten will», hält Schwaab fest.

Tatsächlich zeigt eine aktuelle Umfrage des Kaufmännischen Verbands: Je häufiger die Arbeitnehmer flexibler in ihren Arbeitszeiten sind, desto zufriedener sind sie. Und jene, die nicht zufrieden sind, wünschen sich mehr zeitliche Flexibilität.

«Dann bezahlen wir alle dafür»

In der Schweiz herrsche dagegen immer noch der Mythos, dass das Arbeitsrecht arbeitgeberfreundlich sein müsse, sagt der Politiker. «Ein besserer Arbeitnehmerschutz ist für die Wirtschaft gut. Wenn dieser zu gering ist, werden die Gesundheitskosten weiter steigen und die Produktivität sinken. Dann bezahlen wir alle – Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber – den Preis dafür.»

Dass diese Forderungen nun gerade in Deutschland Auftrieb erhalten, erstaunt Schwaab nicht: «Die Wirtschaft läuft, und es ist klar, dass auch die Angestellten endlich ihren Anteil davon erhalten.» Dasselbe gelte für die Schweiz, sagt Schwaab.

«Teilzeitstellen sind eine gute Sache»

Pikant: 2016 lancierte die Juso-Präsidentin Tamara Funiciello den Vorschlag einer 25-Stunden-Arbeitswoche. Die Idee wurde aber bereits an der Delegiertenversammlung der Partei im Kern erstickt.

Ein flexible Verkürzung der Arbeitswoche unterstützt auch Christian Zünd, CEO des Kaufmännischen Verbands: «Teilzeitstellen sind eine gute Sache.» Vor allem bei qualifizierten Stellen bestehe ein Bedarf nach Teilzeit. «Fachkräfte, die derzeit etwa wegen der Familie nicht arbeiten können, holt man mit Teilzeit wieder in den Arbeitsprozess zurück.»

Skepsis beim Arbeitgeberverband

Auch für ältere Menschen sei Teilzeit eine Bereicherung. «Wenn die jüngeren Fachkräfte weniger arbeiten wollen, dann sind die älteren wieder mehr gefragt und könnten über das Pensionierungsalter hinaus arbeiten», so Zünd.

Skepsis herrscht hingegen beim Arbeitgeberverband. In der Schweiz gebe es keinen Bedarf auf eine Kürzung der Arbeitswoche, sagt Sprecher Fredy Greuter. «Laut Studien ist die Arbeitszufriedenheit sehr hoch.» Die Wochenarbeitszeit liege im Schnitt zurzeit schon bei rund 31 Stunden, was sich primär durch den hohen Anteil an Teilzeitstellen erklären lasse. «Jede dritte Stelle ist bereits Teilzeit», so Greuter. Im statistischen Durchschnitt sei also die 4-Tage-Woche bereits Realität.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • WeedChiller am 11.10.2017 06:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pimpel

    Im statistischen Durchschnitt sei also die 4-Tage-Woche bereits Realität. Nur merk ich davon nichts, weil es nur auf einem Papier als Statistik steht! Ich arbeite immer noch die verdammten 42 Stunden die Woche! Und es ist mir egal wie das gerechnet wurde, die Realität sieht anders aus, als das was auf diesem Papier geschrieben steht!!

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  • homer Simpson am 11.10.2017 07:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geht nicht

    Billag, Steuern und jedes Jahr mehr Krankenkassenprämien. Da kann man froh sein, mit einem 100%-Pensum über die Runden zu kommen. Die einzigen die das sich leisten können, haben eh schon mehr als genug.

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  • Zoboll am 11.10.2017 07:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Übertrieben

    Ich würde mich schon über eine 40Std-Woche freuen. (aktuell 45)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Schmittchen Schleicher am 13.10.2017 00:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auf keinen Fall

    Wir brauchen die 20 Stunden Woche, mit 13. Monatslohn.

  • Metaller am 12.10.2017 09:33 Report Diesen Beitrag melden

    Unsere Zukunft

    An dieser Art Modell wird auf Dauer eh kein Weg vorbei gehen. Es gibt immer weniger Vollzeitstellen, immer mehr Menschen müssen sich mit Teilzeitarbeit über Wasser halten, landen letztendlich in der staatlichen Unterstützung. Dass ausgerechnet die Unternehmer sich hier quer stellen ist ein schlechter Witz. Sie sind es doch, die keine Arbeit mehr anbieten können oder wollen. Diejenigen Vollzeitarbeiter, die sich über dieses Modell aufregen, halten offenbar nicht viel von Solidarität. Nach dem Motto: Ich habe eine Vollzeitarbeit, was juckt mich der Rest.

    • Metaller am 12.10.2017 16:41 Report Diesen Beitrag melden

      Schau an

      Könnte es ein, dass die (momemtan) drei Disliker auch gegen das bedingungslose Grundeinkommen sind? Das wäre ein Aberwitz an sich. Gegen kürzere Arbeitszeiten zu sein und gegen die Absicherung derer, die eben keine Chance auf Vollzeit bekommen, das nenne mal Egoismus. Oder mangelnde Empathie.

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  • Klöti am 11.10.2017 20:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Untaugliches Mittel

    Darum funktionieren die Länder mit solch kurzen Arbeitswochen so gut. Beispiel Frankreich und Italien......

  • Felixi am 11.10.2017 19:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Luxus

    Erst einmal 40 Stunden uns 5 Wochen Ferien, das wäre schon für viele Luxus hier!

  • Manu ela am 11.10.2017 19:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wollen und können

    Zwischen wollen und Können ist ein riesiger, finanzieller Unterschied. Ich selbst arbeite seit 6 Monaten 80% statt 100%. Ja die Freizeit geniesse ich, doch den selben Luxus kann ich mir nich mehr leisten. Ohne Kinder mag das gehen. Mit Kinder muss ich schauen, dass Essen, Windeln und Kleidung bezahlt sind.

    • Alice am 11.10.2017 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Manu ela

      Stimmt, ohne Kinder bekommt man Essen und Wohnung geschenkt ;-).

    • Manu ela am 12.10.2017 10:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alice

      Das nicht. Aber die Kosten sind ohne Kinder geringer. Oder benötigen Sie noch Windeln, zusätzlich Kindernahrung usw?

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