Zurück ins Büro

28. März 2017 21:06; Akt: 29.03.2017 08:43 Print

Hat das Home-Office ausgedient?

von F. Lindegger - IBM schafft das Home-Office teilweise ab. Im Büro könne kreativer und effizienter gearbeitet werden. In der IT-Branche gibt es längst einen Gegentrend zur Heimarbeit.

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Kaffee trinken, Mails checken und bei schönem Wetter in die Badi? So lautet eines der häufigsten Vorurteile zu Home-Office. Tatsächlich sind Menschen, die ab und an von zu Hause aus arbeiten können, produktiver, wie zahlreiche Untersuchungen belegen. Allerdings kann die Vermischung von Privatem und Arbeit auch zu Problemen führen. Wer häufig von zu Hause aus oder an einem anderen Ort ausserhalb des Büros arbeitet, gibt gemäss einer Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz an, dass der informelle Austausch mit den Arbeitskollegen etwas verloren gehe. Um vorzubeugen, haben viele Teams andere Regeln eingeführt, etwa ein monatliches gemeinsames Mittagessen oder regelmässige Austausche nach Sitzungen. IBM wählt einen anderen Weg und zieht rund 2600 Angestellte der Marketing-Abteilung an sechs zentralen Standorten zusammen. Zusammen im Team vor Ort könne kreativer gearbeitet werden. Vor allem bei Techfirmen hat sich in den letzten Jahren ein Gegentrend zum flexiblen Arbeitsort entwickelt. Sie setzen auf das Campus-Modell, wo die Arbeitsplätze mit allen Annehmlichkeiten ausgeschmückt werden. Im Bild: Apple-CEO Tim Coop bei einer Präsentation des neuen Apple Campus. Facebook zahlt den Angestellten gar eine Prämie, wenn sie nahe vom Arbeitsplatz wohnen. Auch die Google-Büros sind für ihre Ausstattung bekannt. Im Bild: Google-Restaurant in der Sihlpost in Zürich. Auch Pharmafirmen setzten auf das Campus-Modell. Im Bild: Gebäude des Architekten Frank Gehry in Basel.

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Seit den 80er-Jahren können Angestellte des IT-Konzerns IBM von zu Hause aus arbeiten. Das Unternehmen gehörte damals zu den Home-Office-Vorreitern. Doch damit soll es nun vorbei sein. In den USA will IBM die rund 2600 Personen umfassende Marketingabteilung an sechs Standorten zusammenziehen, wie das Online-Portal The Register berichtet.

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Angestellte, die vorher von zu Hause oder in kleineren dezentralen Büros arbeiteten, werden vor die Wahl gestellt: Arbeiten an der Zentrale oder sich auf Jobsuche begeben. 30 Tage beträgt die Bedenkzeit.

IBM will mit dem Schritt die Produktivität seiner Werber steigern, um es mit Rivalen wie Microsoft oder den Silicon-Valley-Firmen aufzunehmen. «Es ist Zeit, unsere Teams zusammenzubringen und Schulter an Schulter zu arbeiten», erklärte Marketingchefin Michelle Peluso in einer Videobotschaft an ihre Angestellten.

Die Arbeit in der Gruppe stärke die Effektivität und Kreativität, ist sie überzeugt. Und es führe hoffentlich dazu, dass die Angestellten mehr Spass hätten. Die Massnahme ist vorerst auf die Marketingabteilung beschränkt, soll später aber auch auf andere Divisionen und Länder ausgeweitet werden.

«Entwicklung der 80er- und 90er-Jahre»

Die Beweggründe für den Schritt kann Jens O. Meissner, Dozent an der Hochschule Luzern, teilweise nachvollziehen. «Das Brainstorming und der kreative Prozess gelingt bestimmt besser, wenn das zusammen in der Gruppe an einem Ort gemacht wird», erklärt der Ökonom. Doch viele kreative Dinge müssten anschliessend in Ruhe dokumentiert und strukturiert werden. «Ein grosses Bürogebäude ist meist nicht unbedingt der beste Ort dazu», so Meissner.

Das klassische Home-Office als Alternative zum Büro habe allerdings ausgedient. Laut Meissner ist das Home-Office «eine Entwicklung der 80er- und 90er-Jahre». Weil die Vermischung von Privatem und Arbeit zuhause auch problematisch sein könne, gehe der Trend in Richtung mobil-flexible Arbeit, bei der Ort und Zeit keine Rolle spiele. Und diese Flexibilität werde von den Angestellten geschätzt. «Bereits wenn es nur ein Tag im Monat ist, kann das viel bewirken.»

Büro wird attraktiver

Neben der Flexibilisierung gebe es aber auch einen Gegentrend. «Seit einigen Jahren setzen Firmen vermehrt auch auf das Campus-Modell, wobei der perfekte Ort zur Arbeit geschaffen wird», erklärt Meissner. Der Arbeitsplatz werde so attraktiv gestaltet, dass es den Angestellten an nichts fehle. «Der Hintergedanke ist natürlich, dass Mitarbeiter auf diese Weise dort freiwillig noch mehr leisten.» Vor allem Tech-Firmen wie Google, Facebook oder Apple sind für ihre üppig ausgestatteten Büros bekannt.

Möglich, dass diese Firmen IBM als Vorbild dienten. Der Schritt von IBM bedeutet auf jeden Fall eine Abkehr von der bisherigen Unternehmenspolitik. Noch 2009 pries das Unternehmen in einem Bericht seine Anstrengungen, die Arbeit weg vom Büro zu verlagern. 40 Prozent der damals weltweit rund 386'000 Angestellten würden kein traditionelles Büro haben und weitere Zehntausende würden zumindest teilweise von ausserhalb des Büros arbeiten.

So habe das Unternehmen zwischen 1995 und 2009 mehrere Milliarden US-Dollar durch reduzierte Büroflächen einsparen können. Kosten bei den Büroflächen sparen, reicht heute aber offenbar nicht mehr aus.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Frédéric Zwygart am 28.03.2017 21:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Home-Office forever

    Ich hoffe, dass bei meinem Arbeitgeber das Home-Office nicht wieder abgeschafft wird. Denn an diesem einen Tag in der Woche bin ich viel produktiver als im Grossraumbüro, kann einen Tag dem Pendler-Wahnsinn entgehen und habe sogar das Vergnügen, mit der Familie das Mittagessen zu geniessen. Das ist eine riesige Arbeitsmotivation, welche ich nicht mehr missen möchte.

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  • Büro List am 28.03.2017 21:15 Report Diesen Beitrag melden

    Hü und Hott

    Gerade hiess es noch, dass home office die Zukunft sei. Heutzutage werden aber Trends wöchentlich, wenn nicht täglich ausgewechselt, zu Ungunsten der meisten. Wer das eine oder andere glaubt, wird selig.

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  • carmen diaz am 28.03.2017 21:18 Report Diesen Beitrag melden

    und gerade letzte woche...

    ...hiess es hier noch, dass die heimarbeit zunimmt und ein klarer trend erkennbar sei. wobei ich dem schon damals widersprochen habe und IBM mir jetzt auch gleich noch recht gibt...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • René Zweigel am 29.03.2017 23:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Extrem flexibel

    Zum Glück kann ich meine Arbeitszeit und Ort von A-Z selber bestimmen und planen (ausg. alle zwei Wochen Teammeeting). Klar gewisse Kundentermine sind pflicht. Meine Erfahrung zeigt aber, die Disziplin ist vorhanden und ich denke meine Firma hat ein Mehrgewinn. Meine Motivation ist dadurch enorm gross, mit den vielen Freiheiten. Ich arbeite zum Beispiel gerne in der Nacht. Und durch den Tag schlafe ich oder mache sonstige Aktivitäten. Ohne Home-Office kann ich es mir nicht mehr vorstellen.

  • urschweizer am 29.03.2017 21:14 Report Diesen Beitrag melden

    Absolut verständlich ...

    Hab's von Anfang an gesagt: zu Hause lässt sich's nicht konzentriert arbeiten. Die Kinder im Hintergrund, das Fernsehen neben der Arbeit, das Handy dauernd vor der Nase anstatt der PC für's Geschäft, die Nachbarin, der Pöstler und der Lieferdienst für's Mittagessen an der Haustür sind auch nicht förderlich. Nebst all diesen Störungen sollte auch noch Zeit für Arbeiten vorhanden sein. Vergiss es. Also schon richtig: Ab ins Büro und konzentriert/kontrolliert arbeiten. Der Erfolg zeigt sich in kürzester Zeit und die Kosten senken, weil man mind. 30% Lohnkosten einsparen kann.

  • Gada Dung am 29.03.2017 21:07 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht gut

    Da macht IBM einen grösseren Fehler, nun ja ist nicht der Erste. Das wird den Konzern einige gute Mitarbeiter kosten.

  • Büroarbeiter am 29.03.2017 20:23 Report Diesen Beitrag melden

    Gute wie schlechte Seiten

    Bei meinem Ex-Arbeitgeber gab es Home Office, aktuell leider nur in Ausnahmefällen. Es hat schon etwas gutes, gelegentlich von zuhause aus arbeiten zu können. Aber man muss dabei sehr diszipliniert sein und darf nicht abgelenkt werden. Für viele ist leider die Versuchung doch zu groß, die Arbeit schleifen zu lassen. Oft erlebte ich es bei meinem Ex Arbeitgeber, dass Kollegen im Home office nicht zu erreichen waren für 2-3 Stunden oder wichtige Vorarbeiten auf die man gewartet hat, viel langsamer erledigt wurden als sonst. Ich denke, dass gelegentliches Home Office ist sicher nicht schlecht.

  • Hui am 29.03.2017 19:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    EBM

    Das freut die ÖV und die Autogaragen. Die Umwelt leider weniger. Da hat sicher die HSG seinen Teil dazu beigetragen.