Falsche Adresse

28. November 2017 17:54; Akt: 28.11.2017 17:54 Print

Betrüger missbrauchen Paket-Umleitung der Post

von D. Benz - Über den Dienst «Meine Sendungen» können Postkunden sich Pakete an eine beliebige Adresse schicken lassen. Das nutzen Betrüger für ihre Zwecke.

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Die Post preist den Onlinedienst namens «Meine Sendungen» gross an: «Geniessen Sie erhöhten Komfort beim Empfangen von Sendungen», heisst es auf der Website des Unternehmens. Den Dienst gibt es schon seit Ende 2014.

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Doch was als Komfort für den Postkunden gedacht ist, haben auch Betrüger für sich entdeckt. «Sie missbrauchen die Dienstleistung, um Waren bei Onlineshops in der Schweiz zu kaufen, ohne dafür bezahlen zu müssen», schreibt Martin Steiger, Anwalt für Internetrecht, auf seiner Website. Laut einem Insider, der anonym bleiben will, gibt es alleine in den letzten zwei Monaten mehrere Hundert Betrugsfälle.

Professionelle Bande ist am Werk

Der Trick funktioniert so: Kriminelle verschaffen sich Zugriff auf das Kundenkonto mittels Phishing-Mails (siehe Kasten). Unter Verwendung der Identität des Kunden können die Betrüger in Onlineshops gegen Rechnung bestellen. Sobald die Versandbestätigung der Post eintrifft, leiten die Betrüger das Paket unter «Meine Sendungen» an eine andere Adresse nach Wahl um. Während das Paket zu den Betrügern geht, erhält der betroffene Kunde die Rechnung.

Steiger geht davon aus, dass hinter den Betrügereien international organisierte Banden stecken. «Der Betrug hat System und ist zu kompliziert für einen einzelnen Täter», sagt Steiger zu 20 Minuten. Zudem werden viele Pakete an grenznahe Gebiete wie Genf oder Lugano umgeleitet. Oft seien das Hoteladressen oder Paketautomaten. Laut Steiger werden häufig Waren mit einem hohen Wiederverkaufswert wie beispielsweise Apple-Hardware bestellt.

«Es gibt zwei Opferseiten»

«Das Besondere an diesem Betrug ist, dass es zwei Opferseiten gibt», so der Experte. Auf der einen Seite seien die Nutzer: Sie würden eine Rechnung von einer Bestellung erhalten, die unter Missbrauch ihrer Identität erfolgte. Auf der anderen Seite sind die Onlineshops, die den wirtschaftlichen Schaden tragen müssten.

Betroffenen Postkunden empfiehlt der Anwalt, eine Strafanzeige bei der Polizei zu machen. Zudem müssten sie bei den Onlineshops auf die Rechnung reagieren. Wer das nicht tue, riskiere ein Inkassoverfahren bis hin zur Betreibung.

Post haftet nicht

«Das Problem ist, dass der Kunde der Schuldner ist», so Steiger. Der Onlineshop erwarte also, dass die Rechnung beglichen wird. Man müsse diesem daher glaubhaft machen, dass man die Bestellung nicht gemacht habe. «Die Rechnung muss der Geschädigte aber letztlich nicht zahlen, weil man keinen Vertrag eingegangen ist», sagt Steiger.

Er betont, dass die Post zu Massnahmen gegriffen habe, um Betrugsfällen vorzubeugen: Als vorläufige Lösung würden die betroffenen Onlineshops täglich eine Excel-Liste mit allen weitergeleiteten Sendungen erhalten. Die Shops könnten dann prüfen, ob Sendungen mit «Kauf auf Rechnung» darunter sind. Sofern es nicht zu spät sei, würden die Shops dann die Sendungen stoppen. Die Post will das Vorgehen nicht bestätigen und teilt auf Anfrage mit, dass man aus Sicherheitsgründen keine Auskunft über interne Abläufe geben könne.

Post kann Phishing nicht verhindern

Auch sonst hält sich die Post bedeckt. Für die betrügerischen Umleitungen will sie nicht haften. «Die Post übernimmt nur die Haftung, wenn ein Verlust, eine Beschädigung oder eine nicht korrekte Zustellung erfolgte. Eine betrügerische Umleitung ohne vorwerfbare Sorgfaltspflichtverletzung der Post kann keine Haftung der Post auslösen», teilt das Unternehmen mit.

Hingegen äussert sich die Post zum Problem mit dem Phishing: «Die Post kann Phishing-Mails nicht verhindern, sie informiert ihre Kundinnen und Kunden aber über solche Vorfälle im Online-Kundencenter.» Man sperre das betroffene Konto, bis es der Kunde wieder mit neuen Zugangsdaten entsperren könne.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • ITProfi am 28.11.2017 18:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    2-Faktor Bestätigung

    Wie wäre es, wenn die Post bei der Umleitung eine 2-Factor Bestätigung einführen würde ? Der Kunde muss dann über eine App oder einen erhalten SMS-code die Umleitung bestätigen. Das ist bei jeder Bank heute so. Damit kann man einen hohen Teil der Betrugsfälle verhindern. Liebe Post kommt in der Zukunft (oder Gegenwart ?) an.

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  • Mike Zac am 28.11.2017 18:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    an grenznahe Adressen...

    da fahren täglich Kleinbusse mit Zeitungen zugekleisterten Fenstern über die Grenze... niemand kontrolliert sie. Verboten, wegen Schengen. Super Sicherheit! Aber der Schweizer wird sofort wegen drei Joghurtbechern angehalten.

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  • Mellay Meier am 28.11.2017 18:04 Report Diesen Beitrag melden

    Sicherheit erhöhen

    ein klassischer Fall für 2 Schritt-Authorisierung

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Tom am 29.11.2017 22:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naive Post...

    ...ein unausgereiftes Produkt anbieten, und dann sich der Verantwortung endziehen,... aber Haupsache Abzockergehälter bei den Chefs.

  • ZuSchwerUmZuKapieren am 29.11.2017 19:59 Report Diesen Beitrag melden

    Verlassen Sie die Post, es ist zu schwer

    «Der Betrug hat System und ist zu kompliziert für einen einzelnen Täter» - Genau. Verlassen Sie die Post. Es ist zu kompliziert für SIE, Herr Steiger?

  • Rene A am 29.11.2017 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    Die Post haftet nie für eigene Fehler

    Das ist typisch für die Post: abkassieren, aber für nichts die Haftung übernehmen. Die Post hält auch keine Liefertermine ein( Pakete)Paket von England am 23. abgeschickt, hätte heute bei mir sein, denkste, war leer. letztes mal lieferten sie mir mein Paket, eine Woche nach angegebenen Liefertermin und das ist jetzt uso. Tja Frau Ruoff , das liegt an Ihrer Abbaustrategie und weg vom Service an Kunden.

  • 20min Leser am 29.11.2017 12:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sendung Nachverfolgen

    Ist doch einfach wenn einer eine Rechnung ohne Paket erhält, kann man zur Post und die können mitels Sendenummer oder was auch immer nachsehen wohin das Paket umgeleitet ist oder dergleichen. Zack hat man die Betrügerische adresse und man kann Sie anzeigen!

    • Daenu am 29.11.2017 13:58 Report Diesen Beitrag melden

      Fast...

      Dumm nur, das die betrügerische Adresse auch ein myPost24 Automat sein kann, an dem jemand ein eingeschriebenes Paket anonym abholen kann.

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  • Claudia am 29.11.2017 12:20 Report Diesen Beitrag melden

    Die Zeituhr der Chefetage ist schuld

    Bei einem längeren Klinikaufenthalt musste ich ein Päckchen umleiten. Die Post verlangte bei der Reception meine Identität. Ausweis und 3 versch. Dokumente mussten unterzeichnet werden, bevor ich die Ware in Empfang nehmen durfte. Also der Pöstler hat richtig gehandelt und ich war nicht einmal wütend und dies morgens um 8.00 Uhr. Also sind die Vorschriften bekannt.