Religiöse Prägung

06. Mai 2017 13:05; Akt: 06.05.2017 20:48 Print

Sind Katholiken fauler als Protestanten?

von K. Wolfensberger - Katholiken sind faul, Reformierte von zwinglianischem Fleiss geprägt. Stimmt dieses Klischee? Der Theologe Christoph Fleischmann klärt auf.

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Herr Fleischmann*, ein gängiges Klischee besagt, dass Reformierte fleissiger als Katholiken seien. Ist da was dran?
In der Generation unserer Grosseltern gab es noch relativ feste konfessionelle Milieus. Protestanten und Katholiken lebten also oft in getrennten Lebenswelten. Gerade bei calvinistisch geprägten Christen gab es damals eine starke Betonung von Fleiss und Disziplin im Alltag. Umgekehrt wurde in katholischen Gegenden das Feiern mehr wertgeschätzt.

Sie sprechen von unseren Grosseltern, wie sieht es heute aus?
Heute ist von solchen Unterschieden nur noch wenig zu spüren. Die religiöse Bindung der Menschen hat deutlich abgenommen. Ausserdem ziehen die Leute heute mehr um als früher. Das führte dazu, dass sich regional stabile, religiöse Milieus aufgelöst haben.

Ist das klassisch reformierte Christentum also nicht mehr der Treiber des Kapitalismus?
Die Frage ist, ob es das jemals war. Dabei handelt es sich um eine Henne-Ei-Problematik. Für den Soziologen Max Weber war das reformierte Christentum die Henne, die das Ei Kapitalismus hervorgebracht hat. Inzwischen glauben die meisten Historiker aber, dass es genau umgekehrt war. Es gab schon vor Calvin und Zwingli einen Geist des Kapitalismus. Diese Einstellung, die auf Nützlichkeit Wert legt und Arbeit hochschätzt, hatte sich in den Städten des Spätmittelalters bereits herausgebildet. Diese wechselten dann in der Reformation zum Protestantismus. So verband sich diese städtisch-bürgerliche Haltung mit dem Protestantismus; während der Katholizismus stärker von einer Adels- und Bauernkultur geprägt blieb.

Es geht also um einen Stadt-Land-Konflikt?
In gewisser Hinsicht schon. Selbst wo der Protestantismus auf das Land ausstrahlte und in der Fläche umgesetzt wurde, blieb er vom städtischen Bürgertum geprägt, das die Bauern nach ihren Vorstellungen erzog. In der katholischen Kirche herrschte hingegen der Adel über die Bauern. Dort hielt sich länger eine Kultur der «Musse und Verschwendung», wie das der Schweizer Historiker Peter Hersche genannt hat.

Wie sieht es mit dem Investitionsverhalten von Anhängern beider Konfessionen aus?
Heute unterscheidet sich dieses kaum mehr voneinander. Um Christen das Investieren überhaupt zu ermöglichen, begannen katholische Theologen schon im Spätmittelalter das in der Bibel verankerte Zinsverbot Schritt für Schritt auszuhebeln. Es wurden besondere Vertragskonstruktionen entworfen, die offiziell zwar keinen Zins enthielten, aber dem Darlehensgeber einen Gewinn versprachen.

Das erinnert an islamkonforme Sharia-Banken. Passen sich Religionen einfach immer dem Markt an, weil alle Geld verdienen möchten?
Im Bereich der sogenannten Islamic Finance gibt es ganz verschiedene Finanzierungsmodelle. Viele erinnern aber tatsächlich daran, wie auch die christlichen Theologen im Mittelalter das Zinsproblem lösen wollten. Laut Bankfachleuten kann man heute fast jedes moderne Finanzprodukt islamisch nachbilden. Offiziell gibt es dann zwar keinen Zins, de facto aber schon.

* Der Deutsche Christoph Fleischmann ist Theologe, Journalist und Autor des Buchs «Gewinn in alle Ewigkeit. Kapitalismus als Religion» (Rotpunktverlag 2010, 27,90 Franken bei Orell Füessli).

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • chregu am 06.05.2017 13:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wenn Katholiken

    Wenn Katholiken an eine Demo gehen, sind das dann Protestanten?

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  • Typhoeus am 06.05.2017 13:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Wesen aller Religionen

    Mit der Angst vor dem Tod und Versprechen eines Weiterlebens der Seele werden von den Gläubigen Macht und Reichtum für die Religionsmanager und ihre Führer seit mehr als 5000 gehortet.

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  • Andrea am 06.05.2017 15:04 Report Diesen Beitrag melden

    Wassser predigen & Wein trinken

    Die Vatikanbank, verfügt über eine Bilanzsumme von ca. 5 Millarden Euro und zieht ihren Gläubigen trotzdem das Geld aus den Taschen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • edi am 07.05.2017 23:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    im alter auch?

    ich frag mich ob die Kritiker von Katholiken und Protestanten im hohen Alter auch so denken...noch könnt ihr arbeiten und machen was ihr wollt, kommt der Tag wo das nicht mehr so einfach ist werdet auch Ihr nach höherem streben.

  • edi am 07.05.2017 22:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    geschnallt

    ob Katholik oder Protestant, wir habens wenigstens geschnallt das man gegen einander nicht kämpft, und auch Ateisten akzeptiert..was umgekehrt kaum oder nur schwierig stattfindet.

  • Katja G am 07.05.2017 17:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber schuld 

    Da müssen die Herren Pfarrer oder Pfarrerin nicht dauernd über Politik predigen,darum gehen wir nicht mehr in die Kirche,und zahle auch keine Kirchensteuer Steuer mehr,die Leute sind nicht faul,das liegt an der politischen Predigt,für das lesen wir die Zeitung,

  • Statistiker am 07.05.2017 11:38 Report Diesen Beitrag melden

    Märchenerzähler

    Warum sind dann z.B. in Deutschland die katholischen Gebiete wohlhabender? Religion hat einfach keine Relevanz für die Wirtschaft, sie ein Beiprodukt der Entwicklung. Es gibt kein statistisch signifikantes Modell welche den Einfluss von Religion auf die Wirtschaft direkt belegen würde. Ergo ist dieser Typ ein Märchenerzähler.

  • Daens am 07.05.2017 08:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine news????

    Immer diese vergleiche.. ist ein i phone besitzer schlauer sls ein samsung oder umgekert??