Uralte Rechnungen

14. November 2016 21:20; Akt: 14.11.2016 23:45 Print

Verlustscheine verjähren – Betreibungen nehmen zu

von K. Wolfensberger - 2017 werden erstmals alte Verlustscheine verjähren. Gläubiger versuchen nun, auf den letzten Drücker alte Schulden einzutreiben. Es kommt zu mehr Betreibungen.

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20-Minuten-Leserin K.R.* ist letzten Monat wegen zweier ausstehender Rechnungen aus dem Jahr 1982 betrieben worden. Schliesslich bezahlte sie die Forderungen, obwohl sie diese nach 35 Jahren gar nicht mehr nachvollziehen konnte. Doch weshalb kam es nach so langer Zeit plötzlich doch noch zu einer Betreibung?

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Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz SKS, sagte zu 20 Minuten: «Eigentlich gibt es Verjährungsfristen.» Aber: Wenn es sich um einen Verlustschein handle, sei dies in diesem Jahr etwas speziell. Denn: 1997 habe man per Gesetzesänderung festgelegt, dass Verlustscheine nach 20 Jahren verjähren.

«Dieses Jahr ist die letzte Möglichkeit, offene Forderungen von vor 1997 einzutreiben», so Stalder. Die Konsequenz: Einige Gläubiger versuchen jetzt auf den letzten Drücker, noch alte Schulden einzutreiben, bevor das Geld endgültig verloren ist.

Verlustscheine verjähren bald

Dass es nun zu einer Zunahme der Anzahl Betreibungen aufgrund von alten Forderungen kommt, bestätigen auf Anfrage auch die Beamten. Bei den Betreibungs- und Konkursämtern des Kantons Bern wurde dieses Jahr gegenüber den Vorjahren eine steigende Anzahl an Betreibungen aufgrund früherer, vor 1996 ausgestellter Verlustscheine festgestellt, heisst es auf Anfrage von 20 Minuten.

Wahrscheinlicher Grund dafür sei tatsächlich, dass viele Gläubiger die Augen vor dem nahenden Ende des Jahres 2016 und damit dem «ersten Verjährungstermin der vor dem 1.1.1997 ausgestellten Verlustscheine» verschlossen hatten und dieses Versäumnis nun zu korrigieren versuchten.

Weitere Zunahme noch möglich

Eine Zunahme – wenn auch in kleinem Rahmen – bestätigen auch die Betreibungsämter der Stadt Zürich oder die Inkasso-Firma Intrum Justitia. Deren Kommunikationschef Michael Loss sagt zu 20 Minuten: «Wir hätten den Anstieg eigentlich noch starker erwartet.» Die Zunahme sei zwar spürbar, halte sich aber im Rahmen. Noch sei das Jahr allerdings nicht vorbei. Ein weiterer Anstieg im letzten Moment sei durchaus noch möglich.

Ein Sprecher der Betreibungsämter des Kantons Bern ergänzt, dass Gläubiger ausserdem teilweise andere Mittel zur Unterbrechung der Verjährung nutzen würden, die nicht über die Betreibungsämter laufen. Möglich seien beispielsweise Verjährungsverzichtserklärungen oder auf kleinen Teilrechnungen basierende Forderungen, deren Zahlung die Verjährung der Gesamtforderung unterbricht.

Rechtsvorschlag erheben

Wie sollte jemand vorgehen, der nun tatsächlich mit einer alten Forderung konfrontiert wird? Schuldenberater Sébastien Mercier rät grundsätzlich dazu, seine Schulden – wenn immer möglich – zu bezahlen. Für Verlustscheine gelte: Man sollte immer versuchen, diese von den Gläubigern zurückzukaufen. Ansonsten könnten diese einen später jederzeit wieder einholen.

Sollte ein Verlustschein effektiv verjährt sein, lohne es sich, Rechtsvorschlag zu erheben, so Mercier. «Danach sollte man mit dem Gläubiger Kontakt aufnehmen und ihn auf die Verjährung hinweisen.» Ganz wichtig sei dabei: Falls der Schuldner vergisst, Rechtsvorschlag zu erheben, wird die Pfändung fortgesetzt. Wer sich in einer komplizierten finanziellen Lage befinde, solle ausserdem am besten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

* Name der Redaktion bekannt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • K.V. Betreibungsamt am 14.11.2016 21:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krankenkasse

    Die paar wenigen Betreibungen wegen dem Eintreten der Verjährung für Verlustscheine (ausgestellt vor 1.1.1997) sind nicht der Rede wert. Vielmehr sollte man sich vielmehr Gedanken machen über die jedes Jahr ansteigenden Betreibungsfälle wegen der Krankenkasse.

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  • Vermisse Dich am 14.11.2016 21:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Luxus-Gesellschaft

    Lasst die alten und kranken Menschen in Ruhe. Kümmert euch um die miserable Zahlungs-Moral der heutigen Gesellschaft, welche nicht zur Budget-Planung fähig ist.

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  • dani am 14.11.2016 21:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zahlungsmuffel

    kenne personen, die gehen mehrmals im jahr in die ferien, besitzen fcb jahreskarten, etc. aber offene rechnungen bezahlen kommt denen nicht in sinn. warum und wiso, kann sich jeder selber denken. es sollte eine öffentliche schwarze liste von solchen personen geben aber leider werden sie von gesetzeswegen geschützt. ich nenne diese personen betrüger

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Alfi Lyss am 15.11.2016 21:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verjährte Steuerschuld

    Hallo!! Da geht man immer Arbeiten, bin nie zu Faul zum arbeiten!!! Steuern immer bezahlt!!! Wegen der Arbeitslosigkeit, immer die alten Rechnungen aufholen zu müssen!!! Plus, noch Verlustscheine, von 1985-1987!! Biel, rechnet immer 2.Jahre zusammen, dass gibt die Rate, also hoch!! Trotzdem wollten wir die Verlustscheine auch einbeziehen!!! Nein nein, bezahlen sie nur die Laufende!! Am schluss, haben die gesehen das es nicht aufgeht, trotz hohen Raten, die bezahlt wurden.Und, da war si, die wieder Betreibung!!!

  • Walter Lyss am 15.11.2016 21:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verlustscheine/Betreibungen

    Hallo Leute!! Es gibt noch andere Situationen!! Meine Frau und ich waren seit 1987 nicht mehr in den Ferien!! Grund: Steuerschulden!!! In dieser Zeit, hatte meine Frau nicht gearbeitet, und ich war auf dem Bau tätig!!! Leider war zu dieser Zeit kein Bauboom!! Ich hatte mein Job nicht mehr!!! So kam es zur Schuld!!! Als ich wieder Arbeiten konnte,waren die Betreibungen schon am laufen!!! Auf dem Steuerbüro, sagte man mir ich solle einfach die laufenden Steuern bezahlen!! Das alte waren Verlustscheine!! Und jetzt!!! Nach 20 Jahren wollten Sie die Kohle!! Lohnpfändung!!!

  • Rita am 15.11.2016 21:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Betreibung

    Wir das heisst mein mann und ich sind seit 10 jahren nicht mehr in den ferien gewesen.Dank unserem Staat der meint wenn man 100% arbeitet müsse man die leute ausnehmen wie eine weihnachtsgans.

  • Robert am 15.11.2016 09:08 Report Diesen Beitrag melden

    Betreibungsindustrie

    Ich bin schockiert wie auf dem Buckel der mittellosen Geld gemacht wird. Ich bin selber vor Jahren durch schlechten Geschäftsgang in den Konkurs geraten. Alle stürzen sich dann auf dich wie Geier. Für Jede noch so kleine offene Rechnung kommen mehrere hundert Franken Gebühren. Es ist eine richtig Lukrative Industrie bei der viele mitmischen. Der Staat, die Anwälte, die Inkassobüros u.s.w. Mein ganzer Besitz wurde regelrecht verscherbelt und Jeder holte sich was vom Kuchen. Aus 30`000 CHF wirklicher Schulden machten sie kurzerhand 150`000 CHF. Start Up in der Schweiz kann dich vernichten.

  • Max Müller am 15.11.2016 07:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ekspärten

    Sowas nennt sich Experte? Ihr wollt mich wohl verschaukeln. Der VS wird vor dem 1.1.2017 garantiert nicht verjährt sein! Der Rechtsvorschlag lässt sich für einen Gläubiger problemlos beseitigen. Für einen Gläubiger ist nur die Unterbrechung der Verjährungsfrist massgebend. Danach hat er wieder 20 Jahre Zeit. Rechtsvorschlag heisst immer "ich bestreite die Forderung". Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass der Schuldner bei einer Rechtsöffnung seitens Gläubiger auch nochmals zahlen kann. Hört auf mit Intrum Justizia. Keine seriöse Bank arbeitet mit denen.

    • K.Ritischer am 15.11.2016 08:20 Report Diesen Beitrag melden

      So schlimm nun auch wieder nicht

      Der RV wurde empfohlen, falls die Forderung "effektiv verjährt" sei. Und das ist richtig, denn für eine tatsächlich verjährte Forderung gibt es auch keine Rechtsöffnung. Und dann kostet die Rechtsöffnung für den Schuldner auch nichts. Richtig ist aber auch, dass eine Schweizer Verlustscheinforderung per dato noch gar nicht "effektiv verjährt" sein kann, und die Empfehlung im Zusammenhang mit Verlustscheinen deshalb fragwürdig ist.

    • Sozi Pozi am 15.11.2016 10:47 Report Diesen Beitrag melden

      Strafanzeige

      Habe eine Rechtsöffnung erhalten, die wurde nicht mal mit Namen am Gericht eingegeben. Habe RV mit Gericht erstattet, der ursprüngliche Betrag der Rechnung war Fr. 3'500.- Egeli verlangte Fr. 1'000.- Zinsen, Total dann Fr. 6'000.-, bekommt das bei Gericht nicht durch, musste zurückkrebsen, Egeli musste noch bezahlen. Genau hinsehen, i.d.R. sind 5% Zinsen erlaubt, könnte noch eine Strafanzeige einfangen.

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